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Dienstag, 22. Januar 2013

Django Unchained [Doppelkritik]

Ein neues Werk von Quentin Tarantino ist immer ein Ereignis und perfekt für unsere Rückkehr aus der Winterpause - ob der Film den beiden ZFX-Schreibern dieses Mal gleichermaßen zugesagt hat?

I. "His Name is King" von Tobberich


Der Plot von Django Unchained, dem aktuellen Werk von Kultregisseur Quentin Tarantino, ist denkbar simpel: Der Sklave Django (Jamie Foxx), im damaligen Jargon ein "Nigger", wird von dem aus Deutschland stammenden Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) aus den Händen von Sklavenhändlern befreit, weil der seine Hilfe benötigt. Im Gegenzug macht er Django ein Angebot: Sobald dieser ihm geholfen hat, eine Bande gesuchter Verbrecher zu identifizieren, will er ihm die Freiheit schenken. Schultz nimmt Django unter seine Obhut, bildet ihn im Gebrauch von Waffen aus und alsbald kann Django als freier Mann mit Hilfe von Schultz eigene Ziele verfolgen: Seine Frau Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) irgendwo im Süden ausfindig machen, sie befreien und mit ihr zusammen in den Sonnenaufgang des liberaleren Nordens reiten.

Bereits an den Namen der Hauptfiguren wird deutlich, dass sich Tarantino wieder tief in der Mythologie der modernen Pop- und Kinokultur bedient hat. Der Name der Titelfigur referiert auf den gleichnamigen Spaghetti-Western von 1966, während Broomhildas Nachname auf eben jenen Shaft von 1971 verweist. Dass Broomhilda vom deutschen Vornamen Brunhilde abgeleitet und somit von Wagners Nibelungen-Saga inspiriert wurde, sei nur am Rande erwähnt.

Die Story teilt sich gefühlt in drei Teile, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch qualitativ voneinander unterscheiden: Die Befreiung Djangos und dessen Ausbildung zum Killer bilden den ersten. Hier ist es vor allem der gebürtige Österreicher Christoph Waltz, der die pointierten Dialoge aus der Feder von Quentin Tarantino mit großem Können trägt und als kongeniales Sprachrohr der Zeilen des Autors fungiert. Man fragt sich als Zuschauer deshalb zu Beginn, wer hier die Hauptrolle spielt: Dder titelgebende Sklave oder der Düsseldorfer Dr. King Schultz, denn zu dominant ist der Redeanteil von Waltz. Django hat eher unbedeutende Anteile und tritt passiv auf - das spiegelt auch das Schüler-Lehrer-Verhältnis, welches zwischen beiden anfangs noch besteht.

Im zweiten Teil machen sich die beiden Revolverhelden auf, um die schöne Broomhilda aus der Sklaverei von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) zu befreien. Hier beginnt die Figur Djangos wichtiger für die Fortentwicklung der Geschichte zu werden, sie emanzipiert sich zusehends von Schultz, beide Figuren agieren jetzt auf Augenhöhe - man könnte an dieser Stelle von einem klassischen Buddy-Movie sprechen. Es ist trotzdem die insgesamt schwächsten Phase des Filmes, die zu einem Großteil auf der Plantage des Sklavenhalters spielt. Der Story fehlt der notwendige Drive, die Dramaturgie wirkt streckenweise ziellos – hier hätte Tarantino etwas stringenter arbeiten und seinen über 160 Minuten langen Film an der ein oder anderen Stelle kürzen können. Im letzten Part, auf der Zielgeraden sozusagen, gewinnt der Plot wieder an Fahrt und hat einige gelungene Szenen zu bieten.

Über den ganzen Film hinweg ist die inhaltliche Nähe zu anderen Werken von Tarantino auffällig, vor allem zu Kill Bill. Beide Werke Tarantinos setzen auf dasselbe Grundschema: Gefallene Figur findet ins Leben zurück und macht sich gestärkt auf in die Vendetta gegen alten Feinde, inklusive des obligatorischen, wenig dezenten Gemetzels am Ende. Hier hätte Tarantino einen ambitionierteren Ansatz verfolgen können. Auch das Thema Rassenhass hat er zuletzt in Inglourious Bastards bereits aufgegriffen.

Neben den ausgezeichneten Dialogen sind es der Cast und der Soundtrack, die Django Unchained zu einem unterhaltsamen Film werden lassen. Man kann sich kaum vorstellen, dass eigentlich Will Smith für die Rolle des Django vorgesehen war. Die Wandlung vom schüchternen, gedemütigten Sklaven zum selbstbewussten, aus seinen Ketten befreiten Revolverhelden gelingt Jamie Foxx überzeugend. Einziger Kritikpunkt: Die Entwicklung vollzieht sich sehr schnell, hier hätte der Charakter im Drehbuch weiter ausgearbeitet werden können. Neben Christoph Waltz, der seine Rolle nonchalant mit sublimen Witz spielt, sind vor allem Leonardo DiCaprio als widerwärtiger, maliziöser Plantagenbesitzer und Samuel L. Jackson als klappriger und hinterhältiger Haussklave/Butler Stephen positiv aufgefallen.

Tarantino hat mit Django Unchainend einen ordentlichen Ausflug in das Western-Genre hingelegt und wurde inzwischen auch für den Oscar in der Rubrik "Bester Film" nominiert. Einer starken Besetzung, gelungenen Pointen sowie einem treibendem Soundtrack stehen jedoch Schwächen im Drehbuch gegenüber. Außerdem bietet auch der bisher längste Film des Regisseurs die immer gleichen Angriffspunkte für seine Kritiker: die Vorliebe für ausschweifende Dialoge und brutale Gewaltszenen. Dem Stammpublikum wird das wenig ausmachen.

II. "Der Arzt, dem die Sklaven vertrauen" von HomiSite


Dreck und Matsch und Verfall und Farbarmut - Sergio Corbucci schuf 1966 in Django eine Western-Vorhölle, aus der niemand unbeschadet entkam. Quentin Tarantino präsentiert in Django Unchained stattdessen das weite Land, die verschneiten Berge und schließlich den malerischen Süden der USA. Doch die Abgründe lauern hinter der schönen Fassade weißer Häuser und feiner Herrschaften, auf den unmenschlichen Sklavenplantagen der Großgrundbesitzer. Dort wurde der Grundstein gelegt für das, was Django (Jamie Foxx) sein wird. Zu Filmbeginn trottet er noch verschüchtert und angekettet in einem Gefangenentross dahin, bis ihn Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit. Dieser wunderliche Zahnarzt aus Deutschland verdingt sich mittlerweile als Kopfgeldjäger - kein großer Schritt, mögen manche Patienten einwerfen. Schultz braucht Django, um ein paar gesuchte Verbrecher zu identifizieren, und weil der frisch befreite Sklave dabei viel Eigeninitiative zeigt, setzen die beiden ihre Zusammenarbeit fort. Und nach dem Winter wollen sie Djangos Ehefrau (Kerry Washington) aus der Sklaverei Calvin Candies (Leonardo DiCaprio) befreien...

Quentin Tarantinos 165 Minuten langer Western kann - wie auch von Tobberich geschildert - als aus drei Teilen bestehend betrachtet werden: Eingangs die Kopfgeldjägerzeit von Schultz und Django, in der die Charaktere eingeführt werden. Schultz ist ein redegewandter, geradezu quasselnder Gentleman, der Sklaverei und Verbrechen, doch nicht das schnelle Töten ablehnt. Christoph Waltz fegt durch den Film und drängt Andere oft zur Seite, in gewisser Weise lässt er aber bloß seinen Hans Landa aus Inglourious Basterds neu aufleben - dieses Mal als guter Deutscher. Seine Selbstsynchronisation ist bisweilen derart entfesselt, dass es ins Unglaubwürdige kippt, bleibt trotzdem stets unterhaltsam. Jamie Foxx als schwarzer Django wandelt sich unter Anleitung des Doktors schnell vom scheuen Untergebenen zum harten Cowboy, Schultz ebenbürtig. Die anderen bedeutenden Rollen - Candie und dessen "Hausneger" Stephen - werden von DiCaprio und Samuel L. Jackson mit Verve und auch Overacting gespielt. Ihre Auftritte markieren den zweiten Teil des Films, die direkte Konfrontation mit der Sklaverei und dem Alltag auf der Plantage und schließlich mit den Herren dort.

Bis dahin hält Tarantino die Erzählung stets im Griff, trotz mancher nicht zwingend nötiger Rückblenden oder dialoglastiger Nebenszenen. Doch da ein Held erst wahrlich triumphieren kann, wenn er nach vermeintlichem Sieg tief gefallen ist, gibt es noch einen Schlussteil, der leider nicht allzu geschmeidig dahingleitet. Dies scheint auch Tarantino aufgefallen zu sein, der das tatsächliche Finale dann überraschend kurz hält. Die öfters vernommene Kritik von überflüssigen und selbstzweckhaften Abschnitten und einem insgesamt zu langen und zähen Film ist übertrieben, nichtsdestotrotz darf sich Tarantino zukünftig gerne einer etwas stringenteren Erzählweise bedienen. Und vielleicht sollte er den Inhalt seiner Filme variieren: Rache ist das Leitmotiv vieler seiner Werke und Django Unchained wirkt in direkter Folge auf Inglourious Basterds strukturell sehr ähnlich.

Natürlich bleibt Tarantino neben diversen filmischen und inhaltlichen Zitaten seiner ausgeprägten Soundtrackgestaltung treu, die wiederum sehr gefällig, wenn auch nicht seine innovativste ist. Gegen Ende bringt Tarantino fast zu viele Lieder unter, was in harten Wechseln mündet. Auf visueller Ebene ist der einfallsreiche Regisseur für seine nicht zurückhaltende Gewaltdarstellung bekannt und Django Unchained könnte sein blutigstes Werk sein: Jede Schusswunde führt zu Blutfontänen, die eher splattriger Spaß statt unangenehmem sind. Die zentrale Schießerei, die glücklicherweise von den Trailern nicht vorweggenommen wurde, dürfte neue Western-Maßstäbe im Blutvergießen setzen und ist so famos wie packend inszeniert. Als Kontrapunkt setzt Tarantino immer wieder erschütternde Momente, in denen die grafische Gewalt beinahe vollkommen abwesend, die Wirkung aber gerade dadurch größer ist.

Schlussendlich ist Django Unchained trotz aller Brutalität ein überwiegend heiterer und unverfänglicher Film, der gleichwohl plakativ Kritik an der Sklaverei und damit amerikanischen Vergangenheit übt. Auch die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft wird thematisiert, doch droht all dies in den rhetorischen als auch blutigen Unterhaltungsszenen unterzugehen (vielleicht ist genau dies Absicht). So oder so streicht Tarantino die Herrenhäuser mit dem Blut ihrer Besitzer und erinnert an den vergossene Lebenssaft der Sklaven, mit dem der Wohlstand des weißen Mannes errichtet wurde. Mit den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg suchte sich Quentin Tarantino eine im Western selten behandelte Nische, die Genre-Revolution oder einen klassischen Italowestern hat er jedoch nicht gedreht. Da dürfte Keoma das Maß aller Dinge bleiben, mit dem originalen Django Franco Nero - natürlich in einer Nebenrolle in Tarantinos gelungener Neuinterpretation.

DJANGO UNCHAINED von Quentin Tarantino (R, B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Mittwoch, 14. November 2012

Skyfall [Doppelkritik]


Die lange verzögerte/erwartete Rückkehr von James Bond wird weitgehend sehr positiv gesehen, was jedoch nicht alle ZFX-Schreiber vorbehaltlos unterschreiben können - deswegen eine Doppelkritik.

I. "Analogheld" von Tobberich


Mal wieder ein neuer Bond. Die Nummer 23. Meine persönliche Geschichte mit dem Geheimagenten Ihrer Majestät begann 1995 mit Pierce Brosnan in GoldenEye, den ich auch retrospektiv noch für einen der Besten der Reihe halte. Nun also das dritte Abenteuer mit Daniel Craig.

Worum geht's? Sagen wir mal: Die Geheimdienstkacke ist am Dampfen. Der britische Geheimdienst MI6 unter der Führung von M (Judie Dench) hat eine supergeheime Festplatte mit den Klarnamen aller NATO-Agenten verloren. Auch Bond konnte den Diebstahl nicht verhindern, schlimmer noch, er wird zu Beginn des Filmes angeschossen und kehrt nach kurzer Auszeit als körperliches und seelisches Wrack zurück ins Königreich. Indes steht es nicht gut um den MI6: Das Hauptquartier wird gesprengt, ein neuer Chefaufseher (Ralph Fiennes) installiert und der politische Druck auf M endlich zurückzutreten wächst. Bond muss nun herausfinden, wer die Festplatte gestohlen hat und warum er dem MI6 so massiv schaden will. Nach kurzer Weltreise in Richtung Asien hat er Raoul Silva (Javier Bardem), den Drahtzieher des Manövers, scheinbar geschnappt: Silva sitzt im Hochsicherheitstrakt des MI6. Mit seiner gelungenen Flucht spitzt sich die Lage jedoch nur noch umso mehr zu.

Auch wenn ich hier eventuell den Spannungsmoment meiner Rezension vorwegnehme: Skyfall ist einer der besten Bond-Filme, den ich bis jetzt gesehen habe. Bereits Casino Royale, die erste Auflage mit Daniel Craig, war eine Wohltat nach den völlig ausufernden Spektakeln, in denen Pierce Brosnan nach GoldenEye mitwirkte. Der zweite Film mit Craig, Ein Quantum Trost, war dann eine Enttäuschung, zumindest konnten meine Augen dem Schnittstakkato auf der Leinwand kaum folgen. In Skyfall wird die Schnittfrequenz etwas zurückgeschraubt und auch sonst einiges anders gemacht.

So oft wie Bond und M betonen, die Dinge wieder auf die altmodische Art regeln zu wollen, muss es auch beim letzten Zuschauer ankommen, dass Regisseur Sam Mendes (American Beauty) mit Skyfall einen anderen Zugang wählt als seine Vorgänger. Und der funktioniert: Wo Bond früher in 90 Minuten um die Welt jagte, um Bösewichte zu fassen, spielt ein Großteil der Handlung nun in Großbritannien. Lakonische Reminiszenzen auf frühere Werke durchziehen den gesamten Film und zünden fast immer.

Bond kehrt zu seinen Ursprüngen zurück, verkörpert den Agenten klassischen Typus. Mehr als das: Bond ist gebrechlich, macht Fehler, seine Hand zittert, wenn er zum Schießen ansetzt und die Kondition war auch schon besser. Mendes inszeniert ihn als analogen Helden in einer digitalen Welt. Online- und Offline-Welt stehen sich gegenüber, personifiziert durch Bond auf der einen und einen genialisch aufspielenden Javier Bardem auf der anderen Seite. Überhaupt Bardem: Was für ein Bösewicht, ein Lausbub mit tiefgreifendem Mutterkomplex - wunderbar! Homoerotische Annäherung an Bond, dass muss man sich erst einmal trauen.

Und sonst: Ein neuer Q (Ben Wishaw), der als digitaler Zauberer Bond aus der Zentrale heraus unterstützt. Passend zum Konzept des analogen Recken gibt er Bond nur zwei minimalistische Gadgets mit auf den Weg: Peilsender und Walther PPK - that's it - und spielt darauf an, dass sie so etwas wie explodierende Kugelschreiber (GoldenEye) schon lange nicht mehr herstellen.

Mendes schafft es mit der Rückbesinnung auf die Fähigkeiten eines analogen Helden und der geschickten Verflechtung in die Gesamtgeschichte der Saga einen fulminanten und mit starken Bildern ausgestatteten Beitrag zum 50jährigen Bondjubiläum abzuliefern.

II. "Aufgetakelt" von HomiSite


Die eigene Identität, der Platz im Leben - mit der Lizenz zum Töten im Auftrag Ihrer Majestät sollten dabei keine Zweifel herrschen. Die Aufgabe und damit die Stellung ist seit Jahrzehnten dieselbe - "rette die Cheerleaderin, rette die Welt", wie es andernorts einmal hieß, und obschon den weiblichen Bekanntschaften von James Bond oft kein Glück beschieden war, so erfolgreich war "007" beim Weltretten. Während Sean Connery oder Roger Moore noch den britischen Agenten verkörperten, waren Grenzen und Weltbilder eindeutig und unveränderlich. Und als Pierce Brosnan in den 1990ern von Remington Steele zu James Bond wurde, waren die Filme zunächst vom Ende des Kalten Krieges und einer unklaren Zukunft geprägt, verloren sich dann in spezialeffektvoller Hemmungslosigkeit um die Jahrtausendwende. Nur vier Jahre währte dann die Leinwandabstinenz der Geheimdienstikone, unterdessen zeigten jedoch andere, wie moderne Agentenaction aussieht. Seitdem kämpft Daniel Craig als aktueller Bond um die Kinobedeutung von Ian Flemings Figur und ließ 2008 in Ein Quantum Trost erkennen, dass abgekupferte Inszenierung, realistischerer Stil und jahrzehntelange Bond-Konventionen zusammen nicht der richtige Weg ist. Nicht der eigene. Also wieder vier Jahre Pause.

Skyfall. Am Boden. Umgeben von Krisen, Sozialabbau, Werteverlusten. Aber auch mit beiden Beinen auf der Erde. Der Blick gen Horizont. Wo? Wohin? Der Figur James Bond und damit den Verfilmungen eine Standort- und Identitätsbestimmung verschaffen. Woher? Eine klassische Actionszene eröffnet den 23. offiziellen Film, wilde Stunts und Verfolgungsjagden, aber im Gegensatz zum hektischen Ein Quantum Trost lässt sich das Geschehen auch erkennen (und leider ebenso die Stuntdoubles). Ein fehlgeleiteter Schuss aus den eigenen Reihen, ein Himmelssturz von einer Brücke und Bond erholt sich auf einer Tropeninsel, im Geheimen. Männer wie er steigen jedoch nicht aus und trinken den ganzen Tag kaltes Bier. Erst recht nicht, wenn statt eines Schurkenunterschlupfes am Filmende das Hauptquartier seines Arbeitgebers MI6 zu Beginn explodiert - nicht Skyfalls einziger motivischer Tapetenwechsel. Nicht in Topform, aber mit weiterhin neidisch machender Statur und Kondition, nimmt 007 die Arbeit auf und versucht wiederum klassisch, die graue Eminenz hinter dem Anschlag zu enttarnen. Exotische und recht wirr verbundene Plätze rund um den Globus stehen auf dem Plan, die James Bond über all seine Inkarnationen hinweg schon langsam alle kennen dürfte. Klassisch. Und modern inszeniert, doch nicht mit wildem Kameragehampel, sondern betörenden Bildern voller strahlend farbigem Licht und Kontrasten aus Hell und Dunkel, untermalt von gelungener Musik.

Dann das Zusammentreffen mit dem Schurken - James Bond geht gewohnt bewusst in die Falle -, der in einer Ruine haust und wortwörtlich aus dem Hintergrund hervortritt. Ex-Agent Silva (Javier Bardem) möchte nicht die Welt beherrschen, untergegangene Reiche zu neuer Größe führen oder Erdöl klauen. Er will Rache - an Bonds Vorgesetzter M (Judie Dench), von der er sich verraten fühlt. Diese emotionale Motivation zieht ein quasifamiliäres Dreieck zwischen den genannten Figuren auf und auch die MI6-Seite kämpft nicht selbstlos für die Queen: Beide, Bond und M, wollen beweisen, dass sie es noch drauf haben. Silva mag der Gegenspieler mit dem persönlichsten Antrieb der Bond-Ära sein, sicherlich einer der wunderlichsten: Redegewandt, Singsangstimme, jedoch etwas zu manieriert mit homosexuellen Anwandlungen. Insgesamt fast unfreiwillig komisch (deutsche Synchronisation?), zu berechnend-brav. Ein brillanter Hacker, doch solche - wieder einmal übertrieben mächtig bis unlogisch dargestellten - Fähigkeiten bleiben wenig greifbar, zumal er sich nicht dem Cyberterrorismus verschreibt und spätestens in Handgreiflichkeiten fern eines Laptops kaum Bedrohungspotential aufbaut.

Skyfall ruht also auf einem emotionalen Beziehungsgeflecht, zumal der Film in der zweiten Filmhälfte geradezu asketisch wird. Hilfreiches Agentenwerkzeug hatte der analoge Held, wie Tobberich ihn oben nannte, schon im Vorgänger kaum noch zur Hand, nun nicht einmal mehr ein Smartphone, sondern tatsächlich bloß die berühmt-langweilige Pistole Walther PPK samt billiger Leuchtdioden und einen sperrigen Peilsender, der wahrscheinlich nicht digital arbeitet. Überhaupt bleiben die Errungenschaften moderner Technik blass, dienen vor allem Silva oder bedürfen stets der Hilfe Bonds: Der neue Q (Ben Wishaw), ein eher nerviger Hipster-Nerd, fragt trotz Vollüberwachung stets, wo Bond genau was mache und gibt auch sonst keine glückliche Figur ab. Auf all diese Unterstützung verzichtet Bond, wenn er in plötzlich trister Umgebung den Feind zu sich kommen lässt, um diesen mithilfe der eigenen Vergangenheit zu schlagen. Der berühmte Aston Martin dient als wehrhaftes Gefährt, das in einer vergessenen Garage wie ausgemustert abgestellt war und gelegentlich wohl von Sean Connery poliert wurde.

Und wenn zum Schluss der emotionale Kreis sich schließt, wird erkennbar, dass eine James-Bond-Verfilmung zwar ohne überlebensgroße Standardzutaten funktionieren kann, aber so kein übermäßig spektakulärer Film herausspringt. Und die zum Ausgleich gedachte Zuschauerbindung zu den Charakteren bleibt zu zart, als dass Skyfall auf der Gefühlsebene glänzen könnte, denn trotz aller Vermenschlichung von Bond oder M bleiben diese immer noch Archetypen mit dem Gewicht eines halben Jahrhunderts auf ihren Schultern. Anfangs ein guter, teils neu geeichter Bond-Film mit leisen Reminiszenzen, schließlich ein nüchternes Actiondrama, welches dabei ohne 007 und Co. wohl besser funktioniert hätte, immer gekonnt inszeniert. Nun ist alles Fett weggeschnitten und gleichzeitig vieles wie zu Beginn der Saga. Auch oder gerade in heutigen Zeiten, in denen das Individuum in der allgegenwärtigen Vernetzung aufgeht, ist Bond von Bedeutung, ein Zeitloser gegen unklare Feinden in den Schatten.

James Bond wird einmal mit dem ehemals stolzen Segelschiff verglichen, das in einem Gemälde von einem Dampfer abgeschleppt wird. Doch mit geradezu archaischen Mitteln überlebt er - das vermeintlich alte Eisen - auch diese Mission und so pflügt in einem anderen Wandbild während der Einsatznachbesprechung folgerichtig eine Armada von Großseglern unter vollem Wind durchs Meer. Der Weg scheint frei, das Ziel sehen wir noch nicht.

SKYFALL, JAMES BOND 007 von Sam Mendes (R), Neal Purvis (B), Robert Wade (B) und John Logan (B), UK/USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Dienstag, 28. August 2012

Prometheus - Dunkle Zeichen [Doppelkritik]


Ridley Scotts Prometheus darf sicherlich als einer der am meisten ersehnten Filme des Jahres bezeichnet werden, zumindest im Phantastikbereich. Unter der Bürde der Alien-Filme polarisiert das vorliegende Werk nun, auch uns ZFX-Schreiber, daher erstmals eine Doppelkritik.

I. "Bad Scientists" von HomiSite (2D)


Am Beginn seiner Kinokarriere vor mehr als 30 Jahren führte Ridley Scott Regie bei Alien und Blade Runner - zwei Meilensteine des Science-Fiction-Genres innerhalb von vier Jahren. Aus Alien wurde eine "Quadrilogy" mit vier sehr unterschiedlichen Filmen, der letzte entstand 1997, qualitativ aufgerieben zwischen Hollywood und Frankreich. Prometheus nun verzichtet auf den Namensbezug zur Reihe und wurde zuletzt diffus als eigenständiges Werk im Alien-Universum beworben. Der Film ist jedoch eine Art Prequel. Und misslungen.

Auf der Erde des späten 21. Jahrhunderts entdeckt das Forscherpärchen Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) in Malereien archaischer Völker immer wieder die Darstellung einer fernen Planetenkonstellation samt riesenhafter Menschen. Eine Einladung? Davon überzeugen sie den Großindustriellen Weyland (Guy Pearce), der sie deshalb auf eine billionenteure Reise zu den Sternen schickt...

Die Besatzung des Raumschiffs wird auf fremde Lebensformen stoßen und wenig Gastfreundschaft erfahren, das ist keine Überraschung für den Zuschauer. Die parasitäre Natur der "Xenomorphe" ist popkulturelles Allgemeinwissen. Und dass außerirdische Humanoide existieren, die offenbar das Leben auf der Erde erschufen, enthüllt Prometheus bereits in der plakativen Eingangsszene. Der gedankliche Sprung, dass auch die bekannten Aliens erschaffen wurden, ist somit nur ein müder Hüpfer. Wovon wird Ridley Scott also in den nächsten zwei Stunden noch erzählen? Vom Versagen der Wissenschaft, garniert mit etwas Schöpfungsgeschichte.

Bei Erreichen des Zielplaneten (ein anderer als in Alien!) erweckt der bald als Android identifizierte David (Michael Fassbender) nach einer an Moon erinnerenden Sequenz die illustre Crew aus dem Kälteschlaf. Und dann beginnt der Wettlauf, wer sich am leichtsinnigsten und inkompetentesten benehmen kann und gleichzeitig möglichst unbeeindruckt von einer der größten Entdeckung der Menschheit - Außerirdische - wirkt. Jegliche dramaturgische Zuspitzung beruht auf schwerlich nachvollziehbaren Verhaltensweisen der Figuren. In der zweiten Hälfte wirken zudem Szenen lieblos aneinander geklatscht und verlieren so an emotionaler Wirkung. Wenig überraschend, dass jede bedeutende Wendung bereits im Vorweg absehbar ist - das Drehbuch erschreckt nicht mit unheimlichen Einfällen, sondern ob seiner unverschämten Nachlässigkeit.

Die Mehrzahl der an sich interessanten Charaktere (z.B. Sean Harris als Geologe Fifield sowie Idris Elba als Captain Janek) wird nach geruhsamer Einführung überhastet verheizt oder vergessen, um später verheizt zu werden. Im Zentrum stehen schließlich Elizabeth Shaw, David - dessen wahre Absichten vom kongenialen Grinsen Fassbenders nur unzureichend verborgen werden - und die kühle Weyland-Vertreterin Meredith Vickers, oft abwesend und verkörpert von einer in enge Klamotten gekleideten Charlize Theron. Ebenfalls sehr schön anzuschauen sind die beeindruckend perfekt umgesetzten Spezialeffekte, Landschaften und Sets, die aber leider des Öfteren zu glatt, sauber und hell daherkommen.

Prometheus ist ein technisches Blendwerk, das immerhin stringent seine dezent Thing'sche Action abspult und auf endlos ausdiskutierte Erklärungen verzichtet, jedoch die mitschwingenden Fragen um Herkunft, Glaube und Macht auch bloß anschneidet oder mögliche Antworten gleich in einen platt in Aussicht gestellten Nachfolger verschiebt. Der Mehrwert für die Alien-Mythologie ist überschaubar, der Anschluss an die Reihe hinkt und überdies kratzt der Film an HR Gigers Kreatur. Der deutsche Untertitel ist Programm: Kein Feuerbringer fürs SF-Genre.

II. "Pro Metheus" von Tobberich (3D)


Ich muss zugeben, im Alien-Universum bin ich nicht wirklich zu Hause. Okay, der Name Ripley sagt mir etwas und mein popkulturelles Grundwissen reicht insoweit aus, als dass ich die Saga in ihren groben Umrissen kenne, ohne im Detail mit ihr vertraut zu sein. Den Hype um Prometheus, bei dem zumindest mir lange Zeit nicht klar war, ob es sich um ein Prequel, einen eigenständigen Film oder um irgend etwas dazwischen handelt, habe ich am Rande registriert, ohne in zu große Euphorie ob des nahenden Kinostarts zu verfallen.

Die Story wurde oben bereits kurz umrissen: Forscher finden auf der Erde Zeichen für außerirdisches Leben und starten eine Weltraummission, um mit den fremden Wesen, die eventuell die Schöpfer der Menschheit sind, in Kontakt zu treten. Damit beginnt einer der für mich besten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre, neben cineastischen Kleinoden abseits des Mainstream wie Moon oder District 9.

Ridley Scott inszeniert seine Dystopie in kalten, monochromen Farben. Die zerklüfteten Landschaften werden in ruhigen Kamerafahrten eingeführt und zwischen den britischen Inseln und dem fremden Planeten, auf dem die Wissenschaftler nach Jahren im Kälteschlaf landen, gibt es optisch kaum Unterschiede. Die scheinbaren Schöpfer der Menschheit könnten also von einem Planeten stammen, der ganz ähnlich unserem ist.

Die einführenden Szenen, in denen der Android David die noch schlafenden Wissenschaftler bewacht und bei Ankunft auf dem fremden Planeten aufweckt, sind von meditativer Schönheit. Die Sterilität der Szenerie erweckt starke Assoziationen zu 2001: Odyssee im Weltraum. Auch im weiteren Verlauf der Handlung bleibt diese Analogie evident, David entpuppt sich trotz seines computergesteuerten Inneren als verstörend manipulative, janusköpfige Figur. In seiner kühlen Boshaftigkeit steht er in einer Linie mit HAL 9000 aus Stanley Kubricks pessimistischer Zukunftsvision. Michael Fassbender zeigt eine beeindruckende Darstellung dieses Wesens, das gespalten ist von dem Zwang seinen Schöpfern zu dienen und seiner primären Aufgabe, Kontakt zu den fremden Wesen herzustellen.

Auf Darstellerseite stellt Noomi Rapace als Wissenschaftlerin Elizabeth Shaw einen weiteren Höhepunkt dar. Schon in der Millennium-Tilogie strahlte sie eine düstere Faszination aus und langsam scheint sie sich auch in amerikanischen Filmen zu etablieren. Enttäuschend hingegen Charlize Theron, die als kühle Meredith Vickers etwas zu unbeteiligt am Geschehen wirkt.

Leider - und hier muss ich HomiSites obige Kritik unterstreichen - ist das Drehbuch dramaturgisch nicht über jeden Zweifel erhaben, die Motivation der Figuren nicht immer klar. So ist der Captain des Raumschiffes völlig desinteressiert an der Erkundungsmission auf dem Planeten und dem Verbleib zweier Crewmitglieder nach einem Außeneinsatz, die es wegen eines Sturms nicht wieder zurück in das schützende Schiff geschafft haben. Auch die Erzählkurve steuert nicht auf einen Höhepunkt hin, sondern bleibt im Spannungsverlauf lange Zeit flach.

Deswegen Prometheus als technisches Blendwerk zu bezeichnen, halte ich jedoch für überzogen. Es trägt zur mystischen Stimmung bei, dass nicht alle offenen Fragen eindeutig ausdiskutiert werden.  Komplexe Fragestellungen wie die Herkunft allen Lebens sollten Raum für eigene Interpretationen lassen. Für Filmfreunde, die nicht tief in der Alien-Saga verhaftet sind, wird ein fehlender Mehrwert zu verkraften sein. Die fesselnde Atmosphäre, die geniale Darstellung von Michael Fassbender und ein faszinierender Soundtrack sind schlagende Argumente, um sich Prometheus im Kino anzuschauen.

PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN von Ridley Scott (R), Jon Spaihts (B) und Damon Lindelof (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © 20th Century Fox