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Freitag, 24. Oktober 2014

20.000 Days on Earth


Seine Biografie enthalte nicht die Wahrheit, erklärt Nick Cave seiner Mitfahrerin Kylie Minogue. Seine Liedtexte seien Mythologisierungen von Wahrem, sagt der Musiker an anderer Stelle. Und damit ist 20.000 Days on Earth trefflich beschrieben - ein Film über Nick Cave, in dem der Künstler selbst am häufigsten zu Wort kommt. Er spricht mal über seine Vergangenheit, mal mit früheren Weggefährten und viel über seine Musik und Dichtung.

Nick Caves Leben wird in 20.000 Days on Earth nicht genau nachgezeichnet, der biografische Anteil bleibt anekdoten- wie lückenhaft. Und wie sehr inszeniert manche der dokumentarisch wirkenden Szenen tatsächlich sind, bleibt ebenso unscharf. Doch gerade in dieser Verweigerung, die "Wahrheit" berichten oder einen authentischen Tag im Leben des Sängers zeichnen zu wollen, liegt die Stärke des Films. Man bekommt verschiedene Anhaltspunkte, um sich ein eigenes Bild vom Leben und Wirken Caves machen zu können. Und den Eindruck, ohne Verständnis seiner Liedtexte doch stets außen vor bleiben zu müssen (gerade die Gesangseinlagen sind in der deutschen Version nicht untertitelt).

So wird der von waberndem Sound unterlegte und verdichtend montierte Film dem Künstler, der Kunstfigur und auch dem Menschen gerecht in seiner Bruchstückhaftigkeit und findet seinen Höhepunkt in intensiven Auftritten von Nick Cave and the Bad Seeds.

20.000 DAYS ON EARTH von Iain Forsyth (R, B), Jane Pollard (R, B) und Nick Cave (B), UK 2014, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Rapid Eye Movies

Freitag, 10. Oktober 2014

Under the Skin

Under the Skin erzählt wenig und erklärt nichts. Und er zeigt oft nichts - gefühlt minutenlange Einstellungen ohne Bewegung, nicht von der Kamera, auch nicht im Bild. Oder es ist überhaupt nichts zu sehen außer Schwärze. Vielleicht damit der Zuschauer narrative Leerstellen im Geiste füllen kann. Erfüllend ist dies jedoch nur bedingt, denn Under the Skin ist kein Film des Inhalts, die Ansatzspunkte zur Interpretation erscheinen ebenso umfänglich wie flach.

Under the Skin ist stattdessen ein Film der Bilder und der Töne. Langsam, diffus als auch offensichtlich beginnt der Film im Weltraum und man mag an die Eröffnung von Terrence Malicks The Tree of Life denken. Doch statt erhabenem Gesang wummern hier Geräusche, die als Lärm bezeichnet werden könnten - nicht zum letzten Mal. Die Bilder des Films wechseln zwischen artifiziellen Sequenzen und der fast dokumentarisch festgehaltenen Autofahrt Scarlett Johanssons durchs raue Schottland. Sie sucht Männer, einsame Männer, und verlockt diese mit der Aussicht auf unerwarteten Sex. Immer wieder und ausschließlich, mehr scheint die Namenlose nicht zu tun.

Under the Skin fordert den Zuschauer, nicht vom Verstand, sondern von der Ausdauer her. Das kann man dem Film positiv als auch negativ anrechnen. Er überrascht mit seinen Bildern, gibt sich jedoch nicht dem fortwährenden Farbrausch hin. Er lockt mit Scarlett Johanssons in dichtem Haar fast verschwindenden Gesicht und verweist damit fast schon dreist auf seinen Plot.

Under the Skin ist ein Erlebnis, das ohne Vorkenntnisse auf der großen Leinwand erfahren werden sollte (das teils unverständliche schottische Englisch passt gar zur allgemeinen Wortkargheit). Aber wenn der Zuschauer abseits des gängigen Blockbuster- und Arthouse-Kinos etwas bewandert ist, so ist es kein Film, der verstört. Emotional versucht er es nicht einmal ernsthaft und audiovisuell setzt Regisseur Jonathan Glazer (Sexy Beast) auf gezielte Reize. Kein "Mindfuck", sondern ein schleichender Trip mit harten Spitzen.

UNDER THE SKIN von Jonathan Glazer (R, B) und Walter Campbell (B), UK/USA/Schweiz 2013, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Film4/BFI/Senator

Dienstag, 9. September 2014

Transformers: Ära des Untergangs


Eine Ära des Untergangs - diese läutet Regisseur Michael Bay mit dem vierten Teil der Transformers-Reihe höchstselbst ein für das moderne US-Blockbuster-Kino, welches er einst nachhaltig prägte. Hinter den grellen Explosionen, fliegenden Autos und rollenden Robotern ein Film der Leere, hinter der krawalligen Rasanz seiner Inszenierung lauert Stillstand. Nach drei Filmen mit den sich in Fahrzeuge verwandelnden Transformers aus dem Weltall weiß Michael Bay nichts Bedeutsames mehr zu erzählen oder zu zeigen.

Die Vorgänger waren schon keine qualitativ guten Filme, gewannen jedoch zumindest an Unterhaltungswert durch wirre Handlung, aufgesetzte Dramatik und bis in Surreale abdriftende Szenen und Dialoge. Ära des Untergangs stellt nun eine Art Mini-Reboot dar, der insgesamt gemäßigter erscheint. Jungspund Shia LaBeouf und Konsorten flogen raus und Mark Wahlberg übernimmt. Seine Figur Cade Yeager (!?) ist der wohl unfähigste Ingenieur und Erfinder in ganz Texas, blüht aber bei der Reparatur von Schrottimus Prime auf. Ungünstig, dass Amerika mittlerweile alle Transformers jagt und in Kooperation mit dem Riesenkonzern von Joshua Joyce (Stanley Tucci) eigene Kampfroboter zusammenbaut. Also rücken schwarze Geheimdienstwagen an, die Lage eskaliert, irgend etwas explodiert und schon müssen Yeager und seine Tochter Tessa (Nicola Peltz, nicht so künstlich wie frühere Begleiterinnen) von ihrer Farm mit Optimus Primes Hilfe fliehen.

Es folgt eine Autoverfolgungsjagd, die exemplarisch für die Action des Films steht: Erkennbar aufwändig und rasant gefilmt, aber kaum mitreißend. Immerhin sind Kamera und Schnitt für Bay-Verhältnisse eher ruhig, dies wird jedoch in den späteren Roboterscharmützeln durch absolute Hektik innerhalb des Bildes negiert, weswegen besondere Actionszenen dann auch in Zeitlupe gezeigt werden. Irritierend: Trotz all der Explosionen und Kämpfe geht erstaunlich wenig kaputt, man freut sich geradezu, wenn mal eine offenbar "echte" Explosion ein Haus zerlegt oder die Transformers tatsächlich Verwüstungsspuren in der urbanen Umwelt hinterlassen.

Die also oft wenig aufsehenerregende Action wird dabei von einer Geschichte mit (zu) vielen Parteien verbunden, welche zwar nicht mehr ganz so bizarr wie in den Vorläuferteilen, aber weiterhin aneinandergeklatscht wirkt. Der Film kommt auf eine ermüdende Laufzeit von über zweieinhalb Stunden und lässt trotzdem viele Szenenwechsel geradezu elliptisch erscheinen. Ebenso sprunghaft wechselt der Stil der Bilder - immerhin weiß Bay noch, wie man stimmige Einstellungen erzeugt.

Bemerkenswert an der Handlung ist die Abwesenheit des US-Militärs, das durch Black-Ops-Einheiten ersetzt wurde. Aus deren rabiater Vorgehensweise lässt sich ein platter Kommentar zu den Geheimdienstenthüllungen der letzten Monate ableiten. Genauso dünn ist übrigens der Part von Yeagers Tochter Tessa, die anfangs noch in kurzen Shorts herumläuft, aber eigentlich die Hosen an hat im Haushalt. Sobald die Lage eskaliert, darf sie immerhin normale Jeans tragen, ansonsten aber nur noch verängstigt nach ihrem Dad oder ihrem Freund (Jack Reynor) rufen. Die Transformers selbst spielen als Charaktere keine große Rolle, alle interessanten Momente wie Zweifel und Streit unter den Autobots werden schnell wieder einer Nibelungentreue zu ihrem Anführer untergeordnet.

Zum Abschluss müssen noch das Dauergequassel der deutschen Synchronisation moniert werden (die Kommentare des Comic Relief Joshua Joyce gefallen jedoch), die unerträglich dumm-pathetischen Aussprüche von Optimus Prime sowie das lächerliche Schwertgewehr, mit dem Mark Wahlberg herumfuchteln muss.

Transformers: Ära des Untergangs ist spätestens nach drei Vorgängern überflüssig, so ziel- wie lustlos und oft geradezu ermüdend. Und allerwenigstens langweilig sollte ein Action-Blockbuster eigentlich nicht sein.

TRANSFORMERS: ÄRA DES UNTERGANGS bzw. TRANSFORMERS: AGE OF EXTINCTION von Michael Bay (R) und Ehren Kruger (B), USA 2014, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Paramount

Freitag, 14. März 2014

300: Rise of an Empire

Sieben Jahre dauerte es, bis Zack Snyders 300 eine Fortsetzung erhielt. Zwar war die Verfilmung des gleichnamigen Frank-Miller-Comics einer der erfolgreichsten Kinostarts 2007, aber die Geschichte weitgehend abgeschlossen - 299 Spartaner tot (Spoiler?). Wie gut, dass es damals nicht nur eine Schlacht bei den Thermopylen gab, sondern im Abwehrkampf gegen die Perser ungefähr zeitgleich die Seeschlacht bei Artemision.

Der Kriegsheld Themistokles (Sullivan Stapleton) versucht, eine griechische Armada aufzustellen und die nahende Perserflotte auf dem Meer aufzuhalten. Seine Überzeugungskraft kann leider nicht mit der seines gut aussehenden Körpers mithalten. Und so stellt er sich mit nur wenigen Schiffen, aber viel Kriegslist der riesigen Übermacht.

Rise of an Empire bietet mit Blick auf 300 eine ähnliche Ausgangslage als auch vergleichbare Erzählstränge: Statt der Geschichte Spartas wird nun eingangs der Ursprung des Perserkönigs Xerxes (Rodrigo Santoro) geschildert und die politischen Ränkespiele an der spartanischen Heimatfront werden durch griechische Verhandlungen um Kriegsbeitritt ersetzt. Beides dient vor allem dazu, die überlebenden Figuren bzw. Schauspieler aus 300 erneut aufzufahren.

Für die Haupthandlung sind die wiederkehrenden Charaktere wie Königin Gorgo (Lena Headey) und selbst Xerxes von geringer Bedeutung, der große Gegner Themistokles' ist Artemisia (Eva Green), die Kommandantin der persischen Flotte. Und Eva Green gibt wieder einmal alles: Die Inkompetenz ihrer Kapitäne nimmt sie gelangweilt und angenervt zur Kenntnis und rollt dabei mit ihren flackernden Augen. Statt sich aber später zu entkleiden, hätte ihr finaler Kampf ausführlicher und spektakulärer sein sollen. (Okay, bitte beides! :-)

Womit endlich der eigentliche Kern der 300-Filme angesprochen wurde: Stilisierte Scharmützel vor kunstvoll verfremdeten CGI-Kulissen, halbnackte Männer im Todestanz zu energischer Musik, schwelgende Zeitlupen. All dies funktioniert hier hervorragend, ist jedoch seit 300 und der Spartacus-Fernsehserie nicht mehr neu (letztere zelebriert die Gewalt stärker, während in Rise of an Empire "nur" roter Lebenssaft aus dem Computer spritzt).

Ein dramaturgisches Problem sind die Seekämpfe selbst: Zwar sehen tosende Wellen und brechendes Holz toll aus - das wie immer mäßig sinnvolle 3D schluckt viel Helligkeit -, aber die Kämpfe Mann gegen Mann drohen dabei unterzugehen. Denn in 300 führten die Perser wie in einem Videospiel immer stärkere Gegner ins Feld, hier ist eine solche Steigerung leider kaum zu finden, einschließlich des wie erwähnt genügsamen Showdowns.

Und noch etwas fehlt: 300 verbreitete das strittige Welt- und Menschenbild der Spartaner in völlig überhöhten, aber dadurch umso unterhaltsameren Monologen und Ansprachen. Bei Themistokles' gemäßigteren Griechen ist davon nicht mehr viel zu spüren, was zum Teil auch an der etwas leidenschaftslosen Synchronisation liegen mag.

Alles in allem ist Rise of an Empire für diejenigen empfehlenswert, die schon 300 mochten. Die Fortsetzung macht zwar nur wenig besser und einiges schlechter, aber das meiste ähnlich - ohne hohen Anspruch werden niedere Gelüste angesprochen. Und warum auch nicht.

300: RISE OF AN EMPIRE von Noam Murro (R), Zack Snyder (B) und Kurt Johnstad (B), USA 2014, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Warner Bros.

Samstag, 1. März 2014

Das finstere Tal

Zwei Pferde, ein Mann. Der Reiter (Sam Riley) erreicht Anfang des 20. Jahrhunderts kurz vor dem ersten Schnee ein abgelegenes Alpental. Misstrauische Bewohner erwarten ihn dort, Nebel und Schlamm. Der Unterschied zum Italowestern und dessen verkommenen Siedlungen, in denen Wildnis und Zivilisation um die Vorherrschaft ringen, ist klein. Land und Leute wolle der wortkarge Neuling namens Greider festhalten, mit moderner Fototechnik. Die Überwinterung wird ihm gestattet, denn im Tal entscheiden der Bauer Brenner (Hans-Michael Rehberg) und seine Söhne (Tobias Moretti u.a.). Die Hochzeit der jungen Luzi (Paula Beer) steht alsbald an, doch die Stimmung ist gedämpft. Da kommt es zum ersten Todesfall...

Das finstere Tal ist kein Film der Überraschungen. Der Titel selbst impliziert Abgründe und noch bevor Greider auftritt, werden düstere Vorgänge angedeutet. Und allein, dass ein Fremder in einem Ort mit einseitigen Machtverhältnissen erscheint, dürfte nicht nur Western-Veteranen auf das Kommende vorbereiten. Bis dahin vergeht jedoch einige Zeit. Wie der Winter das Land, so hat die behutsame und wortkarge Alltagsschilderung im Tal den Film in Beschlag genommen. Und so wie der Frühling zunehmend herbeigesehnt wird, erwartet der Zuschauer das Ausbrechen der Gewalt.

Diese kommt, aber zuerst beiläufiger, versteckter, kleiner. Wie vieles in Das finstere Tal, diesem Western im Herzen Europas, kleiner ist als in der weitläufigen Prärie Amerikas: Die Familien-Bande besteht nur aus einer Handvoll Personen und mit Pistolen am Gürtel läuft niemand herum. Sam Riley als Greider ist alles, nur kein harter Cowboy; man wundert sich fast über seinen (sorgfältig entfernten) Bartwuchs. Die spärlichen Ansiedlungen im Tal bilden nur wenige urige Häusern, gedrungene und gleichzeitig gewaltige Holzklötze, doch im Innern hängen alle Decken niedrig.

Zum Ausgleich beeindruckt das Gebirgspanorama der umliegenden Alpen, wenn nicht gerade schlechtes Wetter erneut die Sicht behindert. Umso mehr ist dann das Gehör gefordert. Brachial ächzen die Holzbalken, jeder Schritt im Schnee knirscht gewaltig, der Wind pfeift. Hinzu kommt in ausgewählten Momenten basslastige und alles überlagernde Musik. Und wenn schließlich die Gewehre die lärmende Stille unterbrechen, verteilen sich Blut und Schmerzensschreie im Tal.

So geht Das finstere Tal dann weitgehend wie erwartet zu Ende, Greider hinterlässt gesellschaftlichen Fortschritt im Tal, so ist zu hoffen. Erzählerisch ist der Film daher weniger interessant, auch die Action ist zwar intensiv, aber kurz. Doch die Atmosphäre dieses entschleunigten Westerns der verschobenen Art ist absolut einnehmend, Bild und Ton stechen hervor - allein wegen der österreichischen Sprache, die den Zuschauer selbst zum Fremden im Tal macht.

DAS FINSTERE TAL von Andreas Prochaska (R, B) und Martin Ambrosch (B), Österreich/Deutschland 2014, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © X Verleih

Sonntag, 6. Oktober 2013

Rush - Alles für den Sieg


Vielleicht geht es nur mir so, aber das ständige Umkreisen eines Rundkurses erscheint auf den ersten Blick nicht wie der perfekte Hollywoodstoff. Regisseur Ron Howard hat sich trotzdem an die Umsetzung gewagt.

Von der ersten Sekunde fühlt man sich zurückversetzt in die 70er: Detailgetreu, in Kodakfarben getaucht und mit ohrenbetäubender Soundkulisse setzt Howard das Drehbuch von Peter Morgan um. Niki Lauda (Daniel Brühl) und James Hunt (Chris Hemsworth) stehen sich gegenüber: Als unliebsamer Streber auf der einen und als leidenschaftlicher Lebemann auf der anderen Seite; als akribischer Techniker hier und als lässiges Naturtalent dort. Aus der Unterschiedlichkeit ziehen sie ihre Motivation, sich gegenseitig bis an die Grenzen zu führen - bis alles am 1. August 1976 im fast tödlichen Unfall von Lauda gipfelt.

Besonders Brühl gelingt es, seine Rolle glaubhaft zu verkörpern. Hemsworth hingegen bleibt vergleichsweise blass. Der Brite Hunt ist im Drehbuch aber auch die weniger facettenreiche Figur. Dennoch fiebert man mit den beiden Streithähnen trotz ihrer Gegensätzlichkeit mit. Alexandra Maria Lara spielt übrigens die Frau von Niki Lauda - kann jedoch in ihrer Rolle keine Akzente setzen.

Insgesamt ist Rush ein temporeicher Sportfilm, mit großartigen Rennsequenzen sowie gleichzeitig eine grandiose Charakterstudie. Die Story ist simpel, dennoch gelingt es Howard, den Zuschauer zu fesseln. Bei soviel Benzin in der Luft ist es nach zwei Stunden dann auch egal, ob man Formel-1-Fan ist.

RUSH von Ron Howard (R) und Peter Morgan (B), USA/UK/D 2013. Mit Chris Hemsworth, Daniel Brühl, Olivia Wilde, Alexandra Maria Lara u.a. IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film

Sonntag, 31. März 2013

Shortcuts: Argo, Gnade & Kiss Kiss Bang Bang

Argo


Drei Oscars bekam Ben Afflecks dritte Regiearbeit Argo, inklusive "Bester Film" - für mich nur erklärbar durch den sehr amerikanischen Hintergrund: In den USA dürfte die Geiselnahme von Teheran weit bekannter als im Ausland sein, in deren Umfeld die CIA einige untergetauchte Amerikaner im Rahmen eines vorgegaukelten Filmdrehs aus dem Iran schmuggelte. Nach einem eindrucksvollen Beginn schildert Argo die Entwicklung und Vorbereitung des wahnwitzigen Plans, was zugleich einen Einblick in die Filmwirtschaft Ende der 1970er und Anfang der 80er gewährt. Der Film krankt trotz gediegener Inszenierung mit ausgewaschenen und grobkörnigen Bildern und einer authentisch wirkenden Ausstattung jedoch an der Dramatik seiner Ereignisse. Zum einen wird der vorgebliche Film (Science Fiction!) gar nicht gedreht, zum anderen ist der Verlauf der Aktion überraschend unspannend. Stolpersteine sind als solche klar erkennbar, die tatsächliche Flucht verläuft dann trotzdem zügig und glatt. Dies mag alles der realen Vorlage geschuldet sein, aber Argo ist eben keine Dokumentation und das Bedrohungsgefühl bei dem durchgehend feindseligen Umfeld schlicht zu gering.

ARGO von Ben Affleck (R) und Chris Terrio (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ

Gnade


Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) wandern mit ihrem Sohn Markus (Henry Stange) aus beruflichen Gründen nach Norwegen aus. Der finstere Winter schlägt bald aufs Gemüt, auch weil sich die Familienmitglieder unterschiedlich schnell einleben. Doch dann überfährt Maria ein Mädchen und begeht Fahrerflucht... Gnade heißt der dreisprachige Film und diese wird der Familie nicht verwehrt. Ein hochemotionaler Leidensweg dahin bleibt jedoch aus, stattdessen wechseln sich die Charaktere regelmäßig als Unsympathen ab - das Mitgefühl des Zuschauers ist entsprechend gering. Hinzu kommt eine ziellose Episode um den Sohn, die an Benny's Video erinnert, aber zu losgelöst vom Rest des Films verläuft. So bleiben nur schöne Naturaufnahmen sowie knarzendes Holz und heulender Wind im winterlichen Norwegen. Und eine erschütternd unbeholfene Kommentierung der Filmhandlung durch ein Konzert im Rahmen eines weiteren überflüssigen Erzählstrangs.

GNADE von Matthias Glasner (R) und Kim Fupz Aakeson (B), Deutschland 2012, IMDb, RT, FZ

Kiss Kiss Bang Bang


Der eher trottelige Kleinkriminelle Harry Lockhart (Robert Downey Jr.) landet zufällig als Schauspieler in Los Angeles und bald darauf mitten in einem vertrackten Mordfall, den er zusammen mit dem abgeklärten Privatdetektiv "Gay" Perry van Shrike (Val Kilmer) zu überstehen und aufzuklären versucht. Downey Juniors damaliger Comeback-Film ist gleichzeitig das Regiedebüt von Shane Black, der erst mit Iron Man 3 wieder als Regisseur tätig wurde. Sein empfehlenswerter Kiss Kiss Bang Bang ist eine clever konstruierte Groschenroman-Krimikomödie mit so spielfreudigen wie gegensätzlichen Protagonisten und schwarzem Humor, weist aber auch manch düstere Untertöne wie Kindesmissbrauch auf.

KISS KISS BANG BANG von Shane Black (R, B), USA 2005, IMDb, RT, FZ

Mittwoch, 6. Februar 2013

Zero Dark Thirty (Der dritte Mann)


Die offizielle Wahrheit besagt, dass Osama bin Laden nach einer fast zehnjährigen Suche ausfindig gemacht und im Mai 2011 von einer US-Spezialeinheit erschossen wurde. Diese Geschehnisse schildert Zero Dark Thirty und beginnt dabei an "9/11", mit einem schwarzen Bild. Telefongespräche wegen des ersten Flugzeuges sind zu hören, aber nichts ist zu sehen. Die Zwillingstürme des World Trade Centers werden nicht gezeigt, wie auch Osama bin Laden weitgehend ohne Gesicht bleibt. Auf die berühmtesten Bilder des letzten Jahrzehnts verzichtet Regisseurin Kathryn Bigelow und wendet sich dem zu, wovon es keine Aufnahmen gibt. Der Großteil der zweieinhalb Stunden handelt von CIA-Agenten auf der mühseligen Bin-Laden-Jagd, insbesondere von Maya (Jessica Chastain). Kurz nach den Anschlägen vom 11. September besucht sie ein Geheimgefängnis, wo sie Dan (Jason Clarke) trifft, der der "enhanced interrogation" frönt und Informationen aus Häftlingen herauszufoltern versucht. Über das drastische Vorgehen gerät Maya nur kurz aus der Fassung, dann ist es auch für sie Alltag.

Der Film folgt Maya durch die Jahre ihrer Ermittlungen und Befragungen, reale Terrortaten werden aufgegriffen und immer wieder der Schauplatz gewechselt. Eine Übersicht wäre ohne Jahres- und Ortseinblendungen schwer, Zusammenhänge, Rückschläge oder Durchbrüche der Jagd werden nicht immer deutlich - diese Struktur spiegelt die Suche nach der Nadel im islamistischen Heuhaufen wider. Die Charaktere bleiben in Zero Dark Thirty ebenfalls schwer fassbar: Persönliche Details werden, wenn überhaupt, nebensächlich vermittelt, die CIA bestimmt das Dasein, die Terroristenhatz ist zur Lebensaufgabe geworden. Teil des allumfassenden Jobs ist Folter, von ganz oben verordnet. Gezeigt werden Waterboarding und anderes in deutlichen, obschon nicht zu verstörenden Bildern, die Hauptfiguren setzen sich mit ihrem Tun nicht auseinander. Der Film entzieht sich einer klaren moralischen Stellungnahme, entsprechende Äußerungen von Protagonisten lassen sich unterschiedlich auslegen.

Osama bin Ladens Aufenthaltsort scheint schlussendlich gefunden und er soll erledigt werden, weswegen Special Forces mit Hubschraubern des Nachts ausrücken. Es folgt als Finale eine ausgeprägte Actionszene, untermalt von extrem bassigen Rotorengeräuschen und Explosionen. Doch das Verhalten der Soldaten ist das genaue Gegenteil: Leise und ruhig gehen sie vor, mit Nachtsichtgeräten und schallgedämpften Einzelschüssen - keine Hollywood-Schießerei, mit einem passend unspektakulären Ausgang.

Zero Dark Thirty schafft es, die im Kern allgemein bekannte Geschichte fesselnd zu erzählen. Ob die Herangehensweise in einer Art dramatisierten Dokumentation angemessen ist, gibt Anlass zur Diskussion. Es ist nicht zu übersehen, dass der Film das amerikanische Publikum nicht aufregen, sondern oberflächlich wertfrei ein traumatisierendes Kapitel moderner US-Geschichte bildlich festhalten und gleichzeitig abschließen soll. Im Zusammenspiel mit der oft bruchstückhaften Figurenzeichnung mag sich daher Distanz beim skeptischen Zuschauer einstellen. Kritik schimmert dann aber doch stärker durch: So hat Dan irgendwann genug von seinem Tagewerk - wenn auch diffus begründet - und Folter führt nie zu den wichtigen Erkenntnissen. Die Protagonisten werden dabei aus der Schusslinie genommen (z.B. wird Abu Ghraib nur namentlich erwähnt), die Vorgesetzten und schlussendlich die Regierungsdoktrin geben das Ziel vor: Bringt uns Leute zum Töten. So viel zur Rechtsstaatlichkeit, trotzdem erledigen die Agenten pflichtbewusst ihre Arbeit, können sie irgendwann gar nicht mehr hinterfragen, zu viel Zeit und Blut ist investiert worden.

Kathryn Bigelow schaut also auch in den Hurt Locker: Maya, die zwar selbst nie handgreiflich wird, hat ihr Leben auf den Tod Bin Ladens ausgerichtet, sie würde dazu ein ganzes Haus wegbomben, ungeachtet unschuldiger Mitbewohner. Als es am Ende "mission accomplished" heißt, ist auch sie am Ende: Wie der Soldat in Tödliches Kommando, so existiert der Agent für den Krieg, geht darin auf. Und ohne solche Aufgabe kein Lebenssinn?

Derartige Aspekte hätte man im Film sicher stärker herausarbeiten können oder vielleicht gar sollen, so bleibt insgesamt viel Distanz bestehen, trotz überraschend spannender Erzählung, gekonnter Inszenierung und trefflicher Besetzung. Leider wird wie schon in Tödliches Kommando nicht auf eine etwas melodramatische und vor allem allzu absehbare Nebenhandlung verzichtet. Aber wenn es so gewesen sein soll...

ZERO DARK THIRTY von Kathryn Bigelow (R) und Mark Boal (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universal Pictures

Dienstag, 29. Januar 2013

Flight


What a night! Was für andere eine durchzechte Nacht wäre, scheint für Whip Whitaker (großartig: Denzel Washington) Routine zu sein: In der einen Hand eine Zigarette, neben sich eine junge Dame, die gerade in ihren Schlüpfer steigt, und am Telefon erkundigt sich seine Exfrau, wo denn die aktuelle Unterhaltszahlug bliebe. Kurz noch eine Nase Koks gezogen und drei kleine Wodkafläschen geleert, bevor der amerikanische Inlandsflug aus Orlando losgeht. Whip Whitaker ist der Pilot.

Die eingeübte Routine aus Drogen, Alkohol und Frauen gerät aus der der Balance, als sich das Höhenleitruder seines Flugzeuges verabschiedet. Mit einem waghalsigen Manöver gelingt es Whitaker, die Maschine im Gleitflug auf einem freien Feld zu landen und dem Großteil der Passagiere und Crewmitglieder das Leben zu retten. Für seine außergewöhnliche Leistung wird Whip, der das Unglück leicht verletzt überlebt hat, zunächst als Held gefeiert. Doch die Verehrung schlägt um, als der toxikologische Bericht offenbart, dass er während des Fluges mehrere Promille Alkohol im Blut hatte.

Nach der spektakulär inszenierten Absturzszene ändert sich die Tonalität des Filmes zusehends vom mitreißenden Katastrophenfilm zu einem psychologisch komplexen Drama. Dazu passt, das Flight im Englischen sowohl Flug als auch Flucht bedeuten kann, denn Whip flieht stets vor den Konsequenzen seiner Handlungen. Im Krankenhaus lernt er die drogenabhängige Nicole (Kelly Reilly) kennen. Im Laufe des Filmes werden sie ein Paar, mehr noch, zu einer Schicksalsgemeinschaft. Beide sind abhängig von Rauschmitteln, doch während sie unbedingt davon loskommen will, sieht Whip die Notwendigkeit dafür nicht: In einer Rekonstruktion des Unfalls wurde ermittelt, dass alle zehn an dem Versuch beteiligten Piloten mit dem Flugzeug abgestürzt und somit jeder Mensch an Bord gestorben wäre. So kann sich Whip einreden, dass seine Sucht nicht die Ursache für den Absturz war. Vielleicht denkt er sogar, dass sie ihm zu übermenschlichen Taten verhilft.

Regisseur Robert Zemeckis stellt den Zuschauer bis zuletzt vor die Entscheidung, wie er zu dem Menschen steht, der zwar fast hundert Menschen vor dem sicheren Tod bewahrte, gleichzeitig jedoch verantwortungslos mit deren Leben gespielt hat. Der in der Folge weiterhin verantwortungslos bleibt und sich seiner Sucht hingibt. Die Bewertung seiner Handlungen bleibt lange Zeit offen und hierin liegt eine der großen dramaturgischen Stärken des sonst überschaubar ambitionierten Plots. Ist Whip eine verdammt coole Sau, die zugekokst noch lässig ein Flugzeug fliegt, oder muss man ihn nach rechtlichen Maßstäben beurteilen? Dann wäre er ein Krimineller. Sollte sein Verhalten vom Ergebnis oder vom Grundsatz her beurteilt werden? Am Ende des Films findet Zemeckis für diesen spannenden Konflikt eine allzu moralische Lösung. Dennoch ist Flight auch aufgrund des stark aufspielenden Ensembles um Denzel Washington einen Kinobesuch wert.

FLIGHT von Robert Zemeckis (R) und John Gatins (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © StudioCanal

Mittwoch, 23. Januar 2013

Der Geschmack von Rost und Knochen


Der Geschmack von Rost und Knochen ist ein außerordentlicher Liebesfilm des französischen Regisseurs Jacques Audiard - ein Film, der übersehen wurde und das gleich zweimal. Weder bei den Filmfestspielen in Cannes noch bei den Golden Globes konnte der Film mit Marion Cotillard in der Hauptrolle einen der begehrten Preise gewinnen. Es kommt noch schlimmer: Für einen Oscar ist der Film gar nicht nominiert. Um zu verstehen, warum das eine schreiende Ungerechtigkeit ist, fängt man am Besten mit der Geschichte an.

Alain, kurz Ali (Matthias Schoenaerts), flüchtet aus dem Norden in den Süden Frankreichs. Er ist ein Hüne von beeindruckender physischen Präsenz. Zusammen mit seinem kleinen Sohn kommt er bei seiner Schwester unter. Ali ist wohl das, was man am ehesten einen Landstreicher und Herumtreiber nennen kann. Als Türsteher einer Diskothek verdient er zunächst sein Geld und lernt dabei die schöne Stephanie (Marion Cottillard) kennen, die vor dem Club in eine Schlägerei verwickelt wird. Er bringt die Betrunkene nach Hause und lässt ihr seine Nummer da, falls sie sich wieder melden möchte. Wahrscheinlich hätte sie das nie getan, denn so richtig gefunkt hat es zwischen den Beiden nicht. Doch einige Zeit später ändert sich Stephanies Leben schlagartig: Sie arbeitet in einem Sea Life Centre und animiert dort Killerwale zu Kunstücken für die Zuschauer. Eines Tages gerät eine Show außer Kontrolle, sie fällt ins Becken und verliert beide Unterschenkel. Von nun an muss sie ihr Leben im Rollstuhl bestreiten.

Im Vergleich zum ebenfalls aus Frankreich stammenden Ziemlich beste Freunde ist Der Geschmack von Rost und Knochen aber keine Komödie, im Gegenteil, Stephanie stürzt in eine tiefe Depression und verliert ihren Lebensmut. Aus der strahlenden Schönheit wird ein körperliches und seelisches Wrack. In ihrer Verzweiflung meldet sie sich bei Ali, der sie aus ihrer trostlosen Sozialwohnung hinaus in die Welt bringt und mit ihr zum Strand fährt. Als sie mit ansehen muss, wie dieser ins Meer springt, überkommt sie neue Zuversicht und lässt sich von ihm ins Wasser tragen. Eindrucksvoll vermittelt Cotillard, wie neue Lebensfreude in die abgemagerte Stephanie fährt.

Man könnte vermuten, dass der Film von da an in eine kitschige Liebesschnulze abdriftet - mitnichten. Regisseur Audiard beschreibt die Annäherung zwischen den beiden so unterschiedlichen Charakteren völlig unsentimental. Ali, der sein Geld auch mit brutalen Zigeunerkämpfen verdient, bei denen es ohne Regeln zugeht, ist ein gleichgültiger Mensch. Beinahe ein wildes Tier, das seinen Urinstinkten folgt, um zu überleben. Sein Sohn ist da eher ein notwendiges Übel, das er erträgt, nicht weil er will, sondern muss. Ali fragt Stephanie völlig selbstverständlich, ob er mit ihr schlafen soll, damit sie danach weiß, ob das noch geht. Menschliche Bindungen scheinen ihm fremd. Er ist ein von der Gesellschaft Ausgegrenzter, dem es gelingt, Stephanie wieder in das Leben zurückzuholen. Zusammen sind sie stärker als jeder für sich alleine. Sie ziehen sich an und stoßen sich ab. Sie ist bei seinen Kämpfen dabei, bekommt Prothesen und lernt zu laufen. Er lässt sie immer näher an sich heran - der Schläger und die Behinderte lernen einander zu lieben. Im Verlauf des Filmes immer ein Stückchen mehr, aber bis kurz vor Schluss nie ganz.

Der Geschmack von Rost und Knochen ist wuchtig und gleichzeitig poetisch. Grausam und wunderschön im selben Moment. Man wünscht beiden Figuren, dass sie zusammen im Leben ankommen, doch während man hofft, ahnt man, dass sie es schwer haben werden. Ebenso wie man vergebens hofft, dass dieser Film noch große Filmpreise gewinnen wird, die ihm aufgrund seiner Qualität zustehen.

DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN bzw. DE ROUILLE ET D'OS von Jacques Audiard (R, B) und Thomas Bidegain (B), Frankreich/Belgien 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Wild Bunch

Dienstag, 22. Januar 2013

Django Unchained [Doppelkritik]

Ein neues Werk von Quentin Tarantino ist immer ein Ereignis und perfekt für unsere Rückkehr aus der Winterpause - ob der Film den beiden ZFX-Schreibern dieses Mal gleichermaßen zugesagt hat?

I. "His Name is King" von Tobberich


Der Plot von Django Unchained, dem aktuellen Werk von Kultregisseur Quentin Tarantino, ist denkbar simpel: Der Sklave Django (Jamie Foxx), im damaligen Jargon ein "Nigger", wird von dem aus Deutschland stammenden Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) aus den Händen von Sklavenhändlern befreit, weil der seine Hilfe benötigt. Im Gegenzug macht er Django ein Angebot: Sobald dieser ihm geholfen hat, eine Bande gesuchter Verbrecher zu identifizieren, will er ihm die Freiheit schenken. Schultz nimmt Django unter seine Obhut, bildet ihn im Gebrauch von Waffen aus und alsbald kann Django als freier Mann mit Hilfe von Schultz eigene Ziele verfolgen: Seine Frau Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) irgendwo im Süden ausfindig machen, sie befreien und mit ihr zusammen in den Sonnenaufgang des liberaleren Nordens reiten.

Bereits an den Namen der Hauptfiguren wird deutlich, dass sich Tarantino wieder tief in der Mythologie der modernen Pop- und Kinokultur bedient hat. Der Name der Titelfigur referiert auf den gleichnamigen Spaghetti-Western von 1966, während Broomhildas Nachname auf eben jenen Shaft von 1971 verweist. Dass Broomhilda vom deutschen Vornamen Brunhilde abgeleitet und somit von Wagners Nibelungen-Saga inspiriert wurde, sei nur am Rande erwähnt.

Die Story teilt sich gefühlt in drei Teile, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch qualitativ voneinander unterscheiden: Die Befreiung Djangos und dessen Ausbildung zum Killer bilden den ersten. Hier ist es vor allem der gebürtige Österreicher Christoph Waltz, der die pointierten Dialoge aus der Feder von Quentin Tarantino mit großem Können trägt und als kongeniales Sprachrohr der Zeilen des Autors fungiert. Man fragt sich als Zuschauer deshalb zu Beginn, wer hier die Hauptrolle spielt: Dder titelgebende Sklave oder der Düsseldorfer Dr. King Schultz, denn zu dominant ist der Redeanteil von Waltz. Django hat eher unbedeutende Anteile und tritt passiv auf - das spiegelt auch das Schüler-Lehrer-Verhältnis, welches zwischen beiden anfangs noch besteht.

Im zweiten Teil machen sich die beiden Revolverhelden auf, um die schöne Broomhilda aus der Sklaverei von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) zu befreien. Hier beginnt die Figur Djangos wichtiger für die Fortentwicklung der Geschichte zu werden, sie emanzipiert sich zusehends von Schultz, beide Figuren agieren jetzt auf Augenhöhe - man könnte an dieser Stelle von einem klassischen Buddy-Movie sprechen. Es ist trotzdem die insgesamt schwächsten Phase des Filmes, die zu einem Großteil auf der Plantage des Sklavenhalters spielt. Der Story fehlt der notwendige Drive, die Dramaturgie wirkt streckenweise ziellos – hier hätte Tarantino etwas stringenter arbeiten und seinen über 160 Minuten langen Film an der ein oder anderen Stelle kürzen können. Im letzten Part, auf der Zielgeraden sozusagen, gewinnt der Plot wieder an Fahrt und hat einige gelungene Szenen zu bieten.

Über den ganzen Film hinweg ist die inhaltliche Nähe zu anderen Werken von Tarantino auffällig, vor allem zu Kill Bill. Beide Werke Tarantinos setzen auf dasselbe Grundschema: Gefallene Figur findet ins Leben zurück und macht sich gestärkt auf in die Vendetta gegen alten Feinde, inklusive des obligatorischen, wenig dezenten Gemetzels am Ende. Hier hätte Tarantino einen ambitionierteren Ansatz verfolgen können. Auch das Thema Rassenhass hat er zuletzt in Inglourious Bastards bereits aufgegriffen.

Neben den ausgezeichneten Dialogen sind es der Cast und der Soundtrack, die Django Unchained zu einem unterhaltsamen Film werden lassen. Man kann sich kaum vorstellen, dass eigentlich Will Smith für die Rolle des Django vorgesehen war. Die Wandlung vom schüchternen, gedemütigten Sklaven zum selbstbewussten, aus seinen Ketten befreiten Revolverhelden gelingt Jamie Foxx überzeugend. Einziger Kritikpunkt: Die Entwicklung vollzieht sich sehr schnell, hier hätte der Charakter im Drehbuch weiter ausgearbeitet werden können. Neben Christoph Waltz, der seine Rolle nonchalant mit sublimen Witz spielt, sind vor allem Leonardo DiCaprio als widerwärtiger, maliziöser Plantagenbesitzer und Samuel L. Jackson als klappriger und hinterhältiger Haussklave/Butler Stephen positiv aufgefallen.

Tarantino hat mit Django Unchainend einen ordentlichen Ausflug in das Western-Genre hingelegt und wurde inzwischen auch für den Oscar in der Rubrik "Bester Film" nominiert. Einer starken Besetzung, gelungenen Pointen sowie einem treibendem Soundtrack stehen jedoch Schwächen im Drehbuch gegenüber. Außerdem bietet auch der bisher längste Film des Regisseurs die immer gleichen Angriffspunkte für seine Kritiker: die Vorliebe für ausschweifende Dialoge und brutale Gewaltszenen. Dem Stammpublikum wird das wenig ausmachen.

II. "Der Arzt, dem die Sklaven vertrauen" von HomiSite


Dreck und Matsch und Verfall und Farbarmut - Sergio Corbucci schuf 1966 in Django eine Western-Vorhölle, aus der niemand unbeschadet entkam. Quentin Tarantino präsentiert in Django Unchained stattdessen das weite Land, die verschneiten Berge und schließlich den malerischen Süden der USA. Doch die Abgründe lauern hinter der schönen Fassade weißer Häuser und feiner Herrschaften, auf den unmenschlichen Sklavenplantagen der Großgrundbesitzer. Dort wurde der Grundstein gelegt für das, was Django (Jamie Foxx) sein wird. Zu Filmbeginn trottet er noch verschüchtert und angekettet in einem Gefangenentross dahin, bis ihn Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit. Dieser wunderliche Zahnarzt aus Deutschland verdingt sich mittlerweile als Kopfgeldjäger - kein großer Schritt, mögen manche Patienten einwerfen. Schultz braucht Django, um ein paar gesuchte Verbrecher zu identifizieren, und weil der frisch befreite Sklave dabei viel Eigeninitiative zeigt, setzen die beiden ihre Zusammenarbeit fort. Und nach dem Winter wollen sie Djangos Ehefrau (Kerry Washington) aus der Sklaverei Calvin Candies (Leonardo DiCaprio) befreien...

Quentin Tarantinos 165 Minuten langer Western kann - wie auch von Tobberich geschildert - als aus drei Teilen bestehend betrachtet werden: Eingangs die Kopfgeldjägerzeit von Schultz und Django, in der die Charaktere eingeführt werden. Schultz ist ein redegewandter, geradezu quasselnder Gentleman, der Sklaverei und Verbrechen, doch nicht das schnelle Töten ablehnt. Christoph Waltz fegt durch den Film und drängt Andere oft zur Seite, in gewisser Weise lässt er aber bloß seinen Hans Landa aus Inglourious Basterds neu aufleben - dieses Mal als guter Deutscher. Seine Selbstsynchronisation ist bisweilen derart entfesselt, dass es ins Unglaubwürdige kippt, bleibt trotzdem stets unterhaltsam. Jamie Foxx als schwarzer Django wandelt sich unter Anleitung des Doktors schnell vom scheuen Untergebenen zum harten Cowboy, Schultz ebenbürtig. Die anderen bedeutenden Rollen - Candie und dessen "Hausneger" Stephen - werden von DiCaprio und Samuel L. Jackson mit Verve und auch Overacting gespielt. Ihre Auftritte markieren den zweiten Teil des Films, die direkte Konfrontation mit der Sklaverei und dem Alltag auf der Plantage und schließlich mit den Herren dort.

Bis dahin hält Tarantino die Erzählung stets im Griff, trotz mancher nicht zwingend nötiger Rückblenden oder dialoglastiger Nebenszenen. Doch da ein Held erst wahrlich triumphieren kann, wenn er nach vermeintlichem Sieg tief gefallen ist, gibt es noch einen Schlussteil, der leider nicht allzu geschmeidig dahingleitet. Dies scheint auch Tarantino aufgefallen zu sein, der das tatsächliche Finale dann überraschend kurz hält. Die öfters vernommene Kritik von überflüssigen und selbstzweckhaften Abschnitten und einem insgesamt zu langen und zähen Film ist übertrieben, nichtsdestotrotz darf sich Tarantino zukünftig gerne einer etwas stringenteren Erzählweise bedienen. Und vielleicht sollte er den Inhalt seiner Filme variieren: Rache ist das Leitmotiv vieler seiner Werke und Django Unchained wirkt in direkter Folge auf Inglourious Basterds strukturell sehr ähnlich.

Natürlich bleibt Tarantino neben diversen filmischen und inhaltlichen Zitaten seiner ausgeprägten Soundtrackgestaltung treu, die wiederum sehr gefällig, wenn auch nicht seine innovativste ist. Gegen Ende bringt Tarantino fast zu viele Lieder unter, was in harten Wechseln mündet. Auf visueller Ebene ist der einfallsreiche Regisseur für seine nicht zurückhaltende Gewaltdarstellung bekannt und Django Unchained könnte sein blutigstes Werk sein: Jede Schusswunde führt zu Blutfontänen, die eher splattriger Spaß statt unangenehmem sind. Die zentrale Schießerei, die glücklicherweise von den Trailern nicht vorweggenommen wurde, dürfte neue Western-Maßstäbe im Blutvergießen setzen und ist so famos wie packend inszeniert. Als Kontrapunkt setzt Tarantino immer wieder erschütternde Momente, in denen die grafische Gewalt beinahe vollkommen abwesend, die Wirkung aber gerade dadurch größer ist.

Schlussendlich ist Django Unchained trotz aller Brutalität ein überwiegend heiterer und unverfänglicher Film, der gleichwohl plakativ Kritik an der Sklaverei und damit amerikanischen Vergangenheit übt. Auch die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft wird thematisiert, doch droht all dies in den rhetorischen als auch blutigen Unterhaltungsszenen unterzugehen (vielleicht ist genau dies Absicht). So oder so streicht Tarantino die Herrenhäuser mit dem Blut ihrer Besitzer und erinnert an den vergossene Lebenssaft der Sklaven, mit dem der Wohlstand des weißen Mannes errichtet wurde. Mit den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg suchte sich Quentin Tarantino eine im Western selten behandelte Nische, die Genre-Revolution oder einen klassischen Italowestern hat er jedoch nicht gedreht. Da dürfte Keoma das Maß aller Dinge bleiben, mit dem originalen Django Franco Nero - natürlich in einer Nebenrolle in Tarantinos gelungener Neuinterpretation.

DJANGO UNCHAINED von Quentin Tarantino (R, B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Dredd (Doppelwumme?)


2 Elite-Polizisten und 200 Stockwerke - die Plotparallele zu The Raid ist unübersehbar: Judge Dredd (Karl Urban) untersucht mit der telepathisch begabten Anfängerin Anderson (Olivia Thirlby) einen Mordfall in einem titanischen Wohnblock. Damit keine Zeugen ihrer Drogengeschäfte zum Verhör abtransportiert werden, lässt die ansässige Unterweltchefin Ma-Ma (Lena Headey) das gesamte Gebäude abriegeln und ruft zur Kopfjagd auf die beiden Ordnungshüter.

Eine reduzierte Geschichte, die in einer ebenso knapp umrissenen Welt spielt: Im zukünftigen Nordamerika ist das Land verseucht und die endlose Mega-City One an der Ostküste eine der letzten Enklaven. Heimgesucht von zahllosen Verbrechen vereinen die "Judges" nun Polizei, Gericht und Strafvollzug in einer Person. Vom zivilisatorischen Verfall wird jedoch nur wenig abgebildet, die eindrucksvollen Stadtbilder aus der Vogelperspektive bleiben unkonkret. Da hatte tatsächlich die aufwändige Erstverfilmung des britischen Comics - Judge Dredd mit Sylvester Stallone - mehr von der verkommenen Welt gezeigt. Und auch mehr von der Hauptfigur, denn nun lässt Dredd seinen ikonischen Helm stets auf, Karl Urbans Kopf bleibt bis auf die grimmig verzogene Mundpartie verdeckt. Olivia Thirlby hingegen darf natürlich ihr hübsches Gesicht zeigen, was immerhin erklärt wird.

Bald müssen sich der hartgesottene Dredd und die unerfahrene Anderson gegen die heranstürmenden Gangsterhorden erwehren und nutzen ihre futuristischen Pistolen weidlich aus. In Dredd wird viel, schnell und blutig gestorben, mit angenehm zurückhaltendem CGI-Einsatz. Und auch die Zivilbevölkerung wird nicht verschont, wenn Ma-Ma die Geduld mit ihren unfähigen Untergebenen verliert und die großen Kaliber auspackt. Lena Headey spielt das Verbrecheroberhaupt herrlich distanziert-sadistisch, hätte jedoch mehr aktive Auftritte vertragen können.

Dredd kann als Komplementärwerk zum bereits erwähnten The Raid verstanden werden: Letzterer konzentrierte sich auf ausgeprägte Nahkampfszenen, in Dredd sind es zügige Schießereien. The Raid hatte einen langen Endfight, Dredd verweigert sich dem klassischen Showdown. Beide spielen in heruntergekommenen Bauwerken, einmal in der asiatischen Gegenwart, Dredd in einer dystopischen US-Zukunft. Der indonesische Actionkracher ist bodenständig inszeniert, während die Judges Schurken in Zeitlupe erledigen. Denn als visuelle Besonderheit wird die Wirkung der Droge "Slo-Mo" durch extrem verlangsamte Szenen samt knalliger Farben illustriert, ästhetisch-stilisierte Bilder, die auch für brutale Schussverletzungen benutzt werden. Überstrapaziert wird dies nicht, es hätte gar noch eine Actionszene mehr solcher Art nicht gestört. Und in diesen Abschnitten ist das 3D halbwegs sinnvoll, ansonsten unauffällig bis störend. Wie immer.

Spielen aber nun The Raid und Dredd in derselben Liga? Wer keine Übersättigung durch die Dauerkämpfe bei The Raid verspürte, dürfte hier nur bedingt beeindruckt sein. Abgesehen von geschilderten Slo-Mo-Sequenzen sind die Schusswechsel leider recht konventionell gefilmt und zu schnell vorbei. Basslastige Beats heizen wie bei The Raid an, aber der Kick in Dredd ist oft kurz oder schwach - gestreckte Actiondroge? Zudem wagt Dredd zu selten den letzten Schritt bei der Gewaltdarstellung, trotz der verkommenen und schonungslosen Welt. Man könnte die Schießereien zu Beginn von The Raid gar als packender empfinden, obwohl dort nur mit herkömmlichen Waffen hantiert wurde. Die Geschichte stellt sich in Dredd auch nicht ausgefeilter dar, die Telepathie von Anderson als eher unnötiges Beiwerk.

Dredd ist ein visuell interessanter, kompakter und düsterer Actionfilm mit coolen Protagonisten, aufwändiger und nominell abwechslungsreicher als The Raid. Jedoch erreicht die Comicadaption zu selten die Intensität von Gareth Evans' außergewöhnlichem Martial-Arts-Extrakt. Ohne diesen Direktvergleich mag Dredd mehr überzeugen, gelungen ist er nichtsdestotrotz.

DREDD 3D von Pete Travis (R) und Alex Garland (B), UK/USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film/Lionsgate

Mittwoch, 14. November 2012

Skyfall [Doppelkritik]


Die lange verzögerte/erwartete Rückkehr von James Bond wird weitgehend sehr positiv gesehen, was jedoch nicht alle ZFX-Schreiber vorbehaltlos unterschreiben können - deswegen eine Doppelkritik.

I. "Analogheld" von Tobberich


Mal wieder ein neuer Bond. Die Nummer 23. Meine persönliche Geschichte mit dem Geheimagenten Ihrer Majestät begann 1995 mit Pierce Brosnan in GoldenEye, den ich auch retrospektiv noch für einen der Besten der Reihe halte. Nun also das dritte Abenteuer mit Daniel Craig.

Worum geht's? Sagen wir mal: Die Geheimdienstkacke ist am Dampfen. Der britische Geheimdienst MI6 unter der Führung von M (Judie Dench) hat eine supergeheime Festplatte mit den Klarnamen aller NATO-Agenten verloren. Auch Bond konnte den Diebstahl nicht verhindern, schlimmer noch, er wird zu Beginn des Filmes angeschossen und kehrt nach kurzer Auszeit als körperliches und seelisches Wrack zurück ins Königreich. Indes steht es nicht gut um den MI6: Das Hauptquartier wird gesprengt, ein neuer Chefaufseher (Ralph Fiennes) installiert und der politische Druck auf M endlich zurückzutreten wächst. Bond muss nun herausfinden, wer die Festplatte gestohlen hat und warum er dem MI6 so massiv schaden will. Nach kurzer Weltreise in Richtung Asien hat er Raoul Silva (Javier Bardem), den Drahtzieher des Manövers, scheinbar geschnappt: Silva sitzt im Hochsicherheitstrakt des MI6. Mit seiner gelungenen Flucht spitzt sich die Lage jedoch nur noch umso mehr zu.

Auch wenn ich hier eventuell den Spannungsmoment meiner Rezension vorwegnehme: Skyfall ist einer der besten Bond-Filme, den ich bis jetzt gesehen habe. Bereits Casino Royale, die erste Auflage mit Daniel Craig, war eine Wohltat nach den völlig ausufernden Spektakeln, in denen Pierce Brosnan nach GoldenEye mitwirkte. Der zweite Film mit Craig, Ein Quantum Trost, war dann eine Enttäuschung, zumindest konnten meine Augen dem Schnittstakkato auf der Leinwand kaum folgen. In Skyfall wird die Schnittfrequenz etwas zurückgeschraubt und auch sonst einiges anders gemacht.

So oft wie Bond und M betonen, die Dinge wieder auf die altmodische Art regeln zu wollen, muss es auch beim letzten Zuschauer ankommen, dass Regisseur Sam Mendes (American Beauty) mit Skyfall einen anderen Zugang wählt als seine Vorgänger. Und der funktioniert: Wo Bond früher in 90 Minuten um die Welt jagte, um Bösewichte zu fassen, spielt ein Großteil der Handlung nun in Großbritannien. Lakonische Reminiszenzen auf frühere Werke durchziehen den gesamten Film und zünden fast immer.

Bond kehrt zu seinen Ursprüngen zurück, verkörpert den Agenten klassischen Typus. Mehr als das: Bond ist gebrechlich, macht Fehler, seine Hand zittert, wenn er zum Schießen ansetzt und die Kondition war auch schon besser. Mendes inszeniert ihn als analogen Helden in einer digitalen Welt. Online- und Offline-Welt stehen sich gegenüber, personifiziert durch Bond auf der einen und einen genialisch aufspielenden Javier Bardem auf der anderen Seite. Überhaupt Bardem: Was für ein Bösewicht, ein Lausbub mit tiefgreifendem Mutterkomplex - wunderbar! Homoerotische Annäherung an Bond, dass muss man sich erst einmal trauen.

Und sonst: Ein neuer Q (Ben Wishaw), der als digitaler Zauberer Bond aus der Zentrale heraus unterstützt. Passend zum Konzept des analogen Recken gibt er Bond nur zwei minimalistische Gadgets mit auf den Weg: Peilsender und Walther PPK - that's it - und spielt darauf an, dass sie so etwas wie explodierende Kugelschreiber (GoldenEye) schon lange nicht mehr herstellen.

Mendes schafft es mit der Rückbesinnung auf die Fähigkeiten eines analogen Helden und der geschickten Verflechtung in die Gesamtgeschichte der Saga einen fulminanten und mit starken Bildern ausgestatteten Beitrag zum 50jährigen Bondjubiläum abzuliefern.

II. "Aufgetakelt" von HomiSite


Die eigene Identität, der Platz im Leben - mit der Lizenz zum Töten im Auftrag Ihrer Majestät sollten dabei keine Zweifel herrschen. Die Aufgabe und damit die Stellung ist seit Jahrzehnten dieselbe - "rette die Cheerleaderin, rette die Welt", wie es andernorts einmal hieß, und obschon den weiblichen Bekanntschaften von James Bond oft kein Glück beschieden war, so erfolgreich war "007" beim Weltretten. Während Sean Connery oder Roger Moore noch den britischen Agenten verkörperten, waren Grenzen und Weltbilder eindeutig und unveränderlich. Und als Pierce Brosnan in den 1990ern von Remington Steele zu James Bond wurde, waren die Filme zunächst vom Ende des Kalten Krieges und einer unklaren Zukunft geprägt, verloren sich dann in spezialeffektvoller Hemmungslosigkeit um die Jahrtausendwende. Nur vier Jahre währte dann die Leinwandabstinenz der Geheimdienstikone, unterdessen zeigten jedoch andere, wie moderne Agentenaction aussieht. Seitdem kämpft Daniel Craig als aktueller Bond um die Kinobedeutung von Ian Flemings Figur und ließ 2008 in Ein Quantum Trost erkennen, dass abgekupferte Inszenierung, realistischerer Stil und jahrzehntelange Bond-Konventionen zusammen nicht der richtige Weg ist. Nicht der eigene. Also wieder vier Jahre Pause.

Skyfall. Am Boden. Umgeben von Krisen, Sozialabbau, Werteverlusten. Aber auch mit beiden Beinen auf der Erde. Der Blick gen Horizont. Wo? Wohin? Der Figur James Bond und damit den Verfilmungen eine Standort- und Identitätsbestimmung verschaffen. Woher? Eine klassische Actionszene eröffnet den 23. offiziellen Film, wilde Stunts und Verfolgungsjagden, aber im Gegensatz zum hektischen Ein Quantum Trost lässt sich das Geschehen auch erkennen (und leider ebenso die Stuntdoubles). Ein fehlgeleiteter Schuss aus den eigenen Reihen, ein Himmelssturz von einer Brücke und Bond erholt sich auf einer Tropeninsel, im Geheimen. Männer wie er steigen jedoch nicht aus und trinken den ganzen Tag kaltes Bier. Erst recht nicht, wenn statt eines Schurkenunterschlupfes am Filmende das Hauptquartier seines Arbeitgebers MI6 zu Beginn explodiert - nicht Skyfalls einziger motivischer Tapetenwechsel. Nicht in Topform, aber mit weiterhin neidisch machender Statur und Kondition, nimmt 007 die Arbeit auf und versucht wiederum klassisch, die graue Eminenz hinter dem Anschlag zu enttarnen. Exotische und recht wirr verbundene Plätze rund um den Globus stehen auf dem Plan, die James Bond über all seine Inkarnationen hinweg schon langsam alle kennen dürfte. Klassisch. Und modern inszeniert, doch nicht mit wildem Kameragehampel, sondern betörenden Bildern voller strahlend farbigem Licht und Kontrasten aus Hell und Dunkel, untermalt von gelungener Musik.

Dann das Zusammentreffen mit dem Schurken - James Bond geht gewohnt bewusst in die Falle -, der in einer Ruine haust und wortwörtlich aus dem Hintergrund hervortritt. Ex-Agent Silva (Javier Bardem) möchte nicht die Welt beherrschen, untergegangene Reiche zu neuer Größe führen oder Erdöl klauen. Er will Rache - an Bonds Vorgesetzter M (Judie Dench), von der er sich verraten fühlt. Diese emotionale Motivation zieht ein quasifamiliäres Dreieck zwischen den genannten Figuren auf und auch die MI6-Seite kämpft nicht selbstlos für die Queen: Beide, Bond und M, wollen beweisen, dass sie es noch drauf haben. Silva mag der Gegenspieler mit dem persönlichsten Antrieb der Bond-Ära sein, sicherlich einer der wunderlichsten: Redegewandt, Singsangstimme, jedoch etwas zu manieriert mit homosexuellen Anwandlungen. Insgesamt fast unfreiwillig komisch (deutsche Synchronisation?), zu berechnend-brav. Ein brillanter Hacker, doch solche - wieder einmal übertrieben mächtig bis unlogisch dargestellten - Fähigkeiten bleiben wenig greifbar, zumal er sich nicht dem Cyberterrorismus verschreibt und spätestens in Handgreiflichkeiten fern eines Laptops kaum Bedrohungspotential aufbaut.

Skyfall ruht also auf einem emotionalen Beziehungsgeflecht, zumal der Film in der zweiten Filmhälfte geradezu asketisch wird. Hilfreiches Agentenwerkzeug hatte der analoge Held, wie Tobberich ihn oben nannte, schon im Vorgänger kaum noch zur Hand, nun nicht einmal mehr ein Smartphone, sondern tatsächlich bloß die berühmt-langweilige Pistole Walther PPK samt billiger Leuchtdioden und einen sperrigen Peilsender, der wahrscheinlich nicht digital arbeitet. Überhaupt bleiben die Errungenschaften moderner Technik blass, dienen vor allem Silva oder bedürfen stets der Hilfe Bonds: Der neue Q (Ben Wishaw), ein eher nerviger Hipster-Nerd, fragt trotz Vollüberwachung stets, wo Bond genau was mache und gibt auch sonst keine glückliche Figur ab. Auf all diese Unterstützung verzichtet Bond, wenn er in plötzlich trister Umgebung den Feind zu sich kommen lässt, um diesen mithilfe der eigenen Vergangenheit zu schlagen. Der berühmte Aston Martin dient als wehrhaftes Gefährt, das in einer vergessenen Garage wie ausgemustert abgestellt war und gelegentlich wohl von Sean Connery poliert wurde.

Und wenn zum Schluss der emotionale Kreis sich schließt, wird erkennbar, dass eine James-Bond-Verfilmung zwar ohne überlebensgroße Standardzutaten funktionieren kann, aber so kein übermäßig spektakulärer Film herausspringt. Und die zum Ausgleich gedachte Zuschauerbindung zu den Charakteren bleibt zu zart, als dass Skyfall auf der Gefühlsebene glänzen könnte, denn trotz aller Vermenschlichung von Bond oder M bleiben diese immer noch Archetypen mit dem Gewicht eines halben Jahrhunderts auf ihren Schultern. Anfangs ein guter, teils neu geeichter Bond-Film mit leisen Reminiszenzen, schließlich ein nüchternes Actiondrama, welches dabei ohne 007 und Co. wohl besser funktioniert hätte, immer gekonnt inszeniert. Nun ist alles Fett weggeschnitten und gleichzeitig vieles wie zu Beginn der Saga. Auch oder gerade in heutigen Zeiten, in denen das Individuum in der allgegenwärtigen Vernetzung aufgeht, ist Bond von Bedeutung, ein Zeitloser gegen unklare Feinden in den Schatten.

James Bond wird einmal mit dem ehemals stolzen Segelschiff verglichen, das in einem Gemälde von einem Dampfer abgeschleppt wird. Doch mit geradezu archaischen Mitteln überlebt er - das vermeintlich alte Eisen - auch diese Mission und so pflügt in einem anderen Wandbild während der Einsatznachbesprechung folgerichtig eine Armada von Großseglern unter vollem Wind durchs Meer. Der Weg scheint frei, das Ziel sehen wir noch nicht.

SKYFALL, JAMES BOND 007 von Sam Mendes (R), Neal Purvis (B), Robert Wade (B) und John Logan (B), UK/USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Freitag, 2. November 2012

Die Wand (No Brick in the Wall)


Das Unbekannte treibt uns um, sei es aus Angst, sei es aus Neugier. Unbekannt, gar unerklärlich ist die nicht sichtbare Barriere, welche über Nacht eine Frau (Martina Gedeck) in einem abgeschiedenen Alpental eingesperrt hat. Über diese Wand kann sie wenig herausfinden, aber dass sie der einzige Mensch innerhalb der völlig undurchdringlichen Mauern zu sein scheint, ist bald nicht mehr zu leugnen. Sie lässt ab von der Erkundung der Grenzen ihres Gefängnisses, gibt sich der Ungewissheit hin - aus den Augen, aus dem Sinn - und flieht vor ihren Gedanken in harte körperliche Arbeit. Doch auf Dauer können ihre wenigen Tiergefährten und das mühselige Tagewerk sie nicht von ihrem Inneren ablenken...

Ihre Gedanken vernimmt der Zuschauer früh, denn die Verfilmung von Marlen Haushofers gleichnamigem und mir unbekanntem Roman fußt auf ausführlichen Schilderungen und Monologen der Frau als zurückblickende Tagebuchschreiberin. Sie muss schreiben, denn sie könnte zwar reden, aber keiner hört sie. Leider ist das Voice-over stets präsent, beschreibt zu Beginn häufig und überflüssig das aktuell gezeigte Geschehen und entfernt sich langsam von den Bildern, bis diese teils als bloße Illustrationen des Erzählten wirken und der eigentliche Filmton gar verstummt.

Das Gesagte - meines Wissens direkt aus dem Buch übernommen - ist dabei von formaler Schlichtheit als auch inhaltlicher Wirkmächtigkeit. Die Frau nähert sich in der Abgeschiedenheit ihrem Seelenleben und dem des Menschen an sich in beinahe naturphilosophischer Meditation (manch ausgeprochene Erkenntnisse geraten zu gewollt und kitschig, andere überaus anregend). Martina Gedeck mit nuanciertem Spiel intoniert ihren Text stets gefasst, aber das Zerbrechen schimmert durch.

Doch den emotionalen Schock, den Zusammenbruch erleidet sie nie offen - Die Wand verweigert sich der audiovisuellen Gefühlsdarstellung in einer Extremsituation, dreht im Zweifel noch den Ton ab. Stumme Schreie, denn die Frau wird von niemandem vernommen. Trotzdem irritiert diese zumindest oberflächliche Selbstbeherrschung der einzigen Protagonistin, zumal sie als Großstädterin unglaubwürdig wenig Probleme hat, sich auf das einsame Landleben von der Hand in den Mund einzustellen.

Angesichts ihrer Herkunft könnte man eingangs auch einen stärkeren Forscherdrang bezüglich der Wand annehmen, selbst wenn keine fortwährenden Fluchtversuche erwartet werden. Ist die frühzeitige Akzeptanz ihrer Gefangenschaft Zeichen der Resignation oder braucht sie diese Kraft, um zu überleben? Und ist ihr Leben wirklich eines oder nur eine reine Existenz (vor der sie sich fürchtet, wie sie einmal bei der Betrachtung von Mensch und Tier ausführt)?

Die Wand entfaltet mit Martina Gedeck vor dem faszinierenden bis bedrückenden Bergpanorama eine nicht zu leugnende Sogwirkung und scheitert doch als Film, als "motion picture". Keinesfalls sind die Bewegtbilder unwichtig, aber wirken durch die Lein-Wand oft abgeschottet vom Mittelpunkt des Films, der allgegenwärtigen Erzählerin. Dass das Geschehen dramaturgisch eher gemächlich und wenig überraschend gerät, hilft nicht, falls man zum bäuerlichen Dasein der Frau keine besondere Bindung aufbauen kann oder aus formalen Gründen auf Distanz gehalten wird. Beeindruckend ist Die Wand jedoch stets.

DIE WAND von Julian Roman Pölsler (R, B), Deutschland/Österreich 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © StudioCanal

Freitag, 19. Oktober 2012

Moonrise Kingdom (Inselkoller)


Der zwölfjährige Sam (Jared Gilman) türmt 1965 aus einem winzigen Pfadfinderlager eines kleinen Eilands und bald verschwindet auch die ortsansässige Anwaltstochter Suzy (Kara Hayward). Während langsam ein Sturm aufzieht, suchen die Inselbewohner nach den Kindern...

Die erste und bisher einzige Begegnung mit Regisseur Wes Anderson trug sich vor einigen Jahren zu: Im Kreis der Familie ward das Fernsehgerät eingeschaltet und Die Royal Tenenbaums erglomm auf der Mattscheibe. Ob des merkwürdigen Humors immer leicht neben der Spur rissen alsbald Faszination und Irritation mich hin und her. Moonrise Kingdom ist seitdem Andersons vierter Langfilm und wirkt nicht mehr ganz so absonderlich: Die farbenfrohen 60er Jahre, eine oft wie ausgestorben wirkende Insel und die spleenigen Figuren sorgen von vornherein für eine irreale Atmosphäre. Bekannte Darstellergrößen spielen mit, aber der Fokus liegt auf den Kindern, deren sonderbare Verhaltensweisen - oft die von Erwachsenen - man leichter akzeptiert als bei spinnerten Erwachsenen. Komplettiert wird dieser artifizielle Mikrokosmos durch eine starre Kamera, die sich nur auf geraden Bahnen oder in 90°-Schwenks bewegt und so die Erschaffung des Filmraums und die Orientierung darin regelmäßig durchkreuzt.

Die eher simple Geschichte verläuft geradlinig, trotzdem schiebt sich ein allwissender Erzähler als realer, aber kaum eingebundener Charakter gelegentlich in Bild. Es klingen gewichtige Themen wie Familie, Liebe und Zugehörigkeit an, aber Unbeschwertheit und skurriler Humor überwiegen klar. Das Mädchen Suzy liest gerne phantastische Geschichten mit einer weiblichen Heldin und so eine bekommt der Zuschauer durchaus zu sehen, eine Sammlung an visuellen und narrativen Miniaturen. Ernsthaft dramatische Wendungen sind bald nicht mehr zu erwarten, weswegen Moonrise Kingdom zum stürmischen Finale hin auch etwas an Fahrt verliert.

Dies ändert nichts an dem warmen Wohlfühlklima des herrlich abgedrehten Films mit klarer, vielleicht etwas überstrapazierter inszenatorischer Linie und angefüllt von feinsinnigem, abstrusen als auch plakativem Witz. Schlicht schön.

MOONRISE KINGDOM von Wes Anderson (R, B) und Roman Coppola (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Tobis/Focus Features

Montag, 17. September 2012

The Cabin in the Woods (Metabolismus)


Das Spiel mit Erwartungen. Der Trailer zu The Cabin in the Woods nimmt auf den ersten Blick vieles vorweg und auch das Plakatmotiv scheint den doppelten Boden mehr als anzudeuten. Dass es zumindest kein klassischer Backwoods-Horror ist, wird spätestens offensichtlich, wenn eingangs zwei ältere Hemdträger (Richard Jenkins und Bradley Whitford) beim Smalltalk in einem merkwürdigen Bürokomplex auftreten und der erste Schockeffekt - von eher wenigen - der Filmtitel ist. Erst danach werden die Protagonisten eingeführt, eine Gruppe Studenten auf dem Weg in die Wälder. Doch die Holzhütte hält nur kurzzeitig juvenilen Spaß bereit und alsbald ist Überlebenskampf angesagt...

Die Last der Erwartungen. Sowohl Rezipienten als auch Rezensenten stellt The Cabin in the Woods vor Herausforderungen. Bereits der Hinweis, dass hier nicht alles so ist, wie es scheint, wird den Zuschauer beeinflussen. Gleichzeitig funktioniert der Film als traditioneller Vertreter des Genres eingeschränkt, da er dessen Mechanismen regelmäßig stört: Der fortwährende Wechsel zwischen Hütten- und Bürobelegschaft untergräbt den Spannungsaufbau, ebenso wie die eigentliche Horrorhandlung, welche insbesondere anfänglich als geradezu einfallslos bezeichnet werden kann.

Dekonstruktion und Metaebene. Dies steht auf der Carte blanche des Films und mag wie eine schmeichelnde Entschuldigung für vermeintliche Mängel wirken, doch die Autoren Drew Goddard (Cloverfield, Lost) und vor allem Joss Whedon (The Avengers) stehen für Glaubwürdigkeit aufgrund ihres bisherigen Schaffens. Und mit Horrorgrundkenntnissen ist es kaum zu übersehen. Die Selbstreflexion wird dabei weniger offen als in Scream oder auch Tucker & Dale vs Evil an- bzw. ausgesprochen, obschon der Kiffer der Truppe frühzeitig und bisweilen völlig willkürlich entsprechende Blicke durch den Spiegel wirft, dies aber natürlich als grünes Geschwafel abgetan wird.

The Cabin in the Woods bearbeitet das Horrorgenre mit einer ambitionslos wirkenden Geschichte, strotzt dabei vor Brechungen und Zitaten, sei es auf der Motiv-, Figuren- oder Handlungsebene. Nicht immer überstrahlt der Subtext das eher gewöhnliche Filmgeschehen und besonders im Finale tritt die Knappheit an erzählerischem Fleisch hervor, wird jedoch herrlich blutig serviert. Und das Filmende ist schlicht großartig (dieser Satz enthält eine Metaebene). Für Gelegenheitsgrusler vielleicht unbefriedigend, aber Pflichtprogramm für kundige Horrorfans.

THE CABIN IN THE WOODS von Drew Goddard (R, B) und Joss Whedon (B), USA 2011, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film/Lionsgate

Dienstag, 28. August 2012

Prometheus - Dunkle Zeichen [Doppelkritik]


Ridley Scotts Prometheus darf sicherlich als einer der am meisten ersehnten Filme des Jahres bezeichnet werden, zumindest im Phantastikbereich. Unter der Bürde der Alien-Filme polarisiert das vorliegende Werk nun, auch uns ZFX-Schreiber, daher erstmals eine Doppelkritik.

I. "Bad Scientists" von HomiSite (2D)


Am Beginn seiner Kinokarriere vor mehr als 30 Jahren führte Ridley Scott Regie bei Alien und Blade Runner - zwei Meilensteine des Science-Fiction-Genres innerhalb von vier Jahren. Aus Alien wurde eine "Quadrilogy" mit vier sehr unterschiedlichen Filmen, der letzte entstand 1997, qualitativ aufgerieben zwischen Hollywood und Frankreich. Prometheus nun verzichtet auf den Namensbezug zur Reihe und wurde zuletzt diffus als eigenständiges Werk im Alien-Universum beworben. Der Film ist jedoch eine Art Prequel. Und misslungen.

Auf der Erde des späten 21. Jahrhunderts entdeckt das Forscherpärchen Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) in Malereien archaischer Völker immer wieder die Darstellung einer fernen Planetenkonstellation samt riesenhafter Menschen. Eine Einladung? Davon überzeugen sie den Großindustriellen Weyland (Guy Pearce), der sie deshalb auf eine billionenteure Reise zu den Sternen schickt...

Die Besatzung des Raumschiffs wird auf fremde Lebensformen stoßen und wenig Gastfreundschaft erfahren, das ist keine Überraschung für den Zuschauer. Die parasitäre Natur der "Xenomorphe" ist popkulturelles Allgemeinwissen. Und dass außerirdische Humanoide existieren, die offenbar das Leben auf der Erde erschufen, enthüllt Prometheus bereits in der plakativen Eingangsszene. Der gedankliche Sprung, dass auch die bekannten Aliens erschaffen wurden, ist somit nur ein müder Hüpfer. Wovon wird Ridley Scott also in den nächsten zwei Stunden noch erzählen? Vom Versagen der Wissenschaft, garniert mit etwas Schöpfungsgeschichte.

Bei Erreichen des Zielplaneten (ein anderer als in Alien!) erweckt der bald als Android identifizierte David (Michael Fassbender) nach einer an Moon erinnerenden Sequenz die illustre Crew aus dem Kälteschlaf. Und dann beginnt der Wettlauf, wer sich am leichtsinnigsten und inkompetentesten benehmen kann und gleichzeitig möglichst unbeeindruckt von einer der größten Entdeckung der Menschheit - Außerirdische - wirkt. Jegliche dramaturgische Zuspitzung beruht auf schwerlich nachvollziehbaren Verhaltensweisen der Figuren. In der zweiten Hälfte wirken zudem Szenen lieblos aneinander geklatscht und verlieren so an emotionaler Wirkung. Wenig überraschend, dass jede bedeutende Wendung bereits im Vorweg absehbar ist - das Drehbuch erschreckt nicht mit unheimlichen Einfällen, sondern ob seiner unverschämten Nachlässigkeit.

Die Mehrzahl der an sich interessanten Charaktere (z.B. Sean Harris als Geologe Fifield sowie Idris Elba als Captain Janek) wird nach geruhsamer Einführung überhastet verheizt oder vergessen, um später verheizt zu werden. Im Zentrum stehen schließlich Elizabeth Shaw, David - dessen wahre Absichten vom kongenialen Grinsen Fassbenders nur unzureichend verborgen werden - und die kühle Weyland-Vertreterin Meredith Vickers, oft abwesend und verkörpert von einer in enge Klamotten gekleideten Charlize Theron. Ebenfalls sehr schön anzuschauen sind die beeindruckend perfekt umgesetzten Spezialeffekte, Landschaften und Sets, die aber leider des Öfteren zu glatt, sauber und hell daherkommen.

Prometheus ist ein technisches Blendwerk, das immerhin stringent seine dezent Thing'sche Action abspult und auf endlos ausdiskutierte Erklärungen verzichtet, jedoch die mitschwingenden Fragen um Herkunft, Glaube und Macht auch bloß anschneidet oder mögliche Antworten gleich in einen platt in Aussicht gestellten Nachfolger verschiebt. Der Mehrwert für die Alien-Mythologie ist überschaubar, der Anschluss an die Reihe hinkt und überdies kratzt der Film an HR Gigers Kreatur. Der deutsche Untertitel ist Programm: Kein Feuerbringer fürs SF-Genre.

II. "Pro Metheus" von Tobberich (3D)


Ich muss zugeben, im Alien-Universum bin ich nicht wirklich zu Hause. Okay, der Name Ripley sagt mir etwas und mein popkulturelles Grundwissen reicht insoweit aus, als dass ich die Saga in ihren groben Umrissen kenne, ohne im Detail mit ihr vertraut zu sein. Den Hype um Prometheus, bei dem zumindest mir lange Zeit nicht klar war, ob es sich um ein Prequel, einen eigenständigen Film oder um irgend etwas dazwischen handelt, habe ich am Rande registriert, ohne in zu große Euphorie ob des nahenden Kinostarts zu verfallen.

Die Story wurde oben bereits kurz umrissen: Forscher finden auf der Erde Zeichen für außerirdisches Leben und starten eine Weltraummission, um mit den fremden Wesen, die eventuell die Schöpfer der Menschheit sind, in Kontakt zu treten. Damit beginnt einer der für mich besten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre, neben cineastischen Kleinoden abseits des Mainstream wie Moon oder District 9.

Ridley Scott inszeniert seine Dystopie in kalten, monochromen Farben. Die zerklüfteten Landschaften werden in ruhigen Kamerafahrten eingeführt und zwischen den britischen Inseln und dem fremden Planeten, auf dem die Wissenschaftler nach Jahren im Kälteschlaf landen, gibt es optisch kaum Unterschiede. Die scheinbaren Schöpfer der Menschheit könnten also von einem Planeten stammen, der ganz ähnlich unserem ist.

Die einführenden Szenen, in denen der Android David die noch schlafenden Wissenschaftler bewacht und bei Ankunft auf dem fremden Planeten aufweckt, sind von meditativer Schönheit. Die Sterilität der Szenerie erweckt starke Assoziationen zu 2001: Odyssee im Weltraum. Auch im weiteren Verlauf der Handlung bleibt diese Analogie evident, David entpuppt sich trotz seines computergesteuerten Inneren als verstörend manipulative, janusköpfige Figur. In seiner kühlen Boshaftigkeit steht er in einer Linie mit HAL 9000 aus Stanley Kubricks pessimistischer Zukunftsvision. Michael Fassbender zeigt eine beeindruckende Darstellung dieses Wesens, das gespalten ist von dem Zwang seinen Schöpfern zu dienen und seiner primären Aufgabe, Kontakt zu den fremden Wesen herzustellen.

Auf Darstellerseite stellt Noomi Rapace als Wissenschaftlerin Elizabeth Shaw einen weiteren Höhepunkt dar. Schon in der Millennium-Tilogie strahlte sie eine düstere Faszination aus und langsam scheint sie sich auch in amerikanischen Filmen zu etablieren. Enttäuschend hingegen Charlize Theron, die als kühle Meredith Vickers etwas zu unbeteiligt am Geschehen wirkt.

Leider - und hier muss ich HomiSites obige Kritik unterstreichen - ist das Drehbuch dramaturgisch nicht über jeden Zweifel erhaben, die Motivation der Figuren nicht immer klar. So ist der Captain des Raumschiffes völlig desinteressiert an der Erkundungsmission auf dem Planeten und dem Verbleib zweier Crewmitglieder nach einem Außeneinsatz, die es wegen eines Sturms nicht wieder zurück in das schützende Schiff geschafft haben. Auch die Erzählkurve steuert nicht auf einen Höhepunkt hin, sondern bleibt im Spannungsverlauf lange Zeit flach.

Deswegen Prometheus als technisches Blendwerk zu bezeichnen, halte ich jedoch für überzogen. Es trägt zur mystischen Stimmung bei, dass nicht alle offenen Fragen eindeutig ausdiskutiert werden.  Komplexe Fragestellungen wie die Herkunft allen Lebens sollten Raum für eigene Interpretationen lassen. Für Filmfreunde, die nicht tief in der Alien-Saga verhaftet sind, wird ein fehlender Mehrwert zu verkraften sein. Die fesselnde Atmosphäre, die geniale Darstellung von Michael Fassbender und ein faszinierender Soundtrack sind schlagende Argumente, um sich Prometheus im Kino anzuschauen.

PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN von Ridley Scott (R), Jon Spaihts (B) und Damon Lindelof (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © 20th Century Fox

Sonntag, 12. August 2012

The Dark Knight Rises (Occupy Extreme)


Friedlich liegt New York, äh, Gotham City da. Acht Jahre sind seit dem Terror des verrückten Jokers vergangen, acht Jahre wurde Batman (Christian Bale) nicht mehr gesehen. Mit rigiden Sondergesetzen ist die Stadt dem Verbrechen Herr geworden. Doch der Söldner Bane (Tom Hardy) stört die Ruhe und zwingt den lethargischen Bruce Wayne zurück ins Fledermauskostüm...

Christopher Nolans euphorisch aufgefasster The Dark Knight hatte bei knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit dramaturgische Durchhänger, der Nachfolgefilm ist nun eine Viertelstunde länger und trotzdem zu kurz. Was ist passiert? Vielleicht um die beeindruckende Performance des mittlerweile verstorbenen Joker-Darstellers Heath Ledger zu kompensieren, wurde das Drehbuch schlicht überladen und erdrückt bisweilen The Dark Knight Rises: Batman im freiwilligen Ruhestand. Bruce Wayne sitzt ohne sein Alter Ego lichtscheu wie eine Fledermaus im Dunklen. Meinungsverschiedenheiten mit dem treuen Butler Alfred. Eine katzenhafte Meisterdiebin, die nicht Catwoman heißt. Der selbsternannte Freiheitskämpfer Bane gegen das Kapital und die Gesellschaft. Saubere Energie und dreckige Bomben.

Um diese nur auszugsweise beschriebenen Handlungsmotive unterzubringen, hetzt Nolan seine Darsteller durch den Film, lässt sie teils plakative Sinnsprüche austauschen, weil die Zeit für natürliche Dialoge oft nicht reicht. Auch für die zahlreichen Charaktere wird es eng und so verkommen manche zu bloßen Stichwortgebern. Alfred verabschiedet sich bald und Selina Kyle formally known as Catwoman (Anne Hathaway, mäßige Besetzung) wird ohne Hintergrund in den Film gedrückt und ist lange Zeit nicht involviert, obwohl sie bei vielen Wendungen anwesend ist. Und Batman selbst wird zwischendurch aus dem Film genommen, um dem unübersehbar als Flattermann-Nachfolger gedachten Polizisten Blake (Joseph Gordon-Levitt) Raum zu geben.

Der Gegenspieler Bane wurde im Vergleich zu den Comics auf einen (nicht uncharismatischen) Schläger mit Atemmaske reduziert und wird mehrmals vom Drehbuch demontiert: Im ersten Kampf zwischen ihm und Batman ist letzterer außer Form - ein durchschaubarer Trick, um die Spannung vermeintlich zu erhöhen, so wird aber auch Banes Bedrohungspotential untergraben. Bevor er später überraschend degradiert und dann in Sekunden abserviert wird, verfolgt er einen schlecht kommunizierten Plan irgendwo zwischen Joker und Ra's al Ghul (Batman Begins). Für viel Unmut sorgte die Stimme von Bane, der im Englischen gestellt, aber schwer verständlich spricht und in der deutschen Synchronisation an unnatürlicher, dem Original nacheifernder Betonung leidet. Abgesehen davon, dass Schauspieler und Stimme aufgrund der Maske getrennt voneinander wirken, hatte die zwar trashige Stimme einen eigentümlichen Charme auf mich - unerträglicher als Batmans Sprachverzerrer ist sie zumindest kaum.

Dass The Dark Knight Rises trotz genannter Unzulänglichkeiten nicht zerbricht, liegt an Christopher Nolans Händchen für durch dauerepische Musikbeschallung verstärkte Dramatik, die dieses Mal nicht pausiert wird. Nach einer zähen Anfangsphase nimmt der Film mit der Ausführung von Banes Plan ordentlich Fahrt auf, sodass Batmans erwähnte Auszeit wenig stört (wie diese hingegen aussieht, das knarzt eher). Wie schon in The Dark Knight wird ein moralisches Dreieck aus Selbsterhaltung, Mitgefühl und Mut konstruiert, welches nun aber nicht in unrealistischem Glauben an die Menschlichkeit aufgelöst wird, dafür etwas verworren bleibt: Bane erklärt, er würde den normalen Menschen die Stadt und damit ihr Leben zurückgeben,  und fordert die Massen auf zum Handeln gegen Börse, Banker und das obere 1%. Wie das aber mit seiner Bombe und der abgeriegelten Stadt zusammenpassen soll, bleibt unbeantwortet. So lässt sich auch der Regisseur nicht auf eine politische Position festlegen, untergräbt die kapitalismuskritischen Aussagen vielleicht sogar, schließlich ist Bane ein mörderischer Schurke. Protestieren ja, aber bitte keine Revolution? Und ob die gemeinen Bürger Banes Aufforderung nachkommen, wird kaum deutlich - man sieht überall nur befreite Gefängnisinsassen sowie Standgerichte mit wahnsinnigen Richtern. Und wenn schlussendlich die Gothamer Polizei Banes falscher Ordnungsmacht aufrecht und unbewaffnet entgegenschreitet, kann man fragen, für wen oder was die Cops hier gerade marschieren.

Derartige Unschärfen und Logiklöcher lassen sich noch mehr finden, wenn auch wie gesagt Nolans zügige Inszenierung vieles kaschiert. Ärgerlich jedoch, dass dabei die Übersicht über die erzählte Zeit von Bord geworfen wird - im Film vergehen einige Monate - und Figuren immer zur rechten Zeit am rechten Ort auftauchen (dabei sind manche Enwicklungen schon deutlich vorhersehbar). Leider nicht neu ist Nolans Schwäche, Action packend zu inszenieren, trotz des Verzichts auf verwackelte Bilder. Und dass der Film aufgrund seiner niedrigen Altersfreigabe schlicht nicht hart und brutal genug ist, hilft natürlich ebenso wenig.

The Dark Knight Rises ist ein von interessanten Motiven überfrachteter Superheldenfilm, bodenständiger als mancher Actionreißer (z.B. fast keine Bat-Gimmicks) und überwiegend gut in Szene gesetzt. Nolan schließt seine Trilogie insgesamt recht stimmig ab, kann sich einen plakativen Epilog jedoch nicht verkneifen. Mit einem konzentrierteren und mutigeren Drehbuch wären Zeit- und Logikmängel sicher vermeidbar gewesen, so bleibt eine ernste, überambitioniert erscheinende Comicadaption mit düsterem Anstrich. Und da ich The Dark Knight nicht so überragend fand, konnte mich dessen schwächerer Nachfolger zwar kaum fesseln, aber aufgrund niedrigerer Erwartungen unterhalten. Christopher Nolan hätte zuletzt wohl einfach nicht Inception drehen sollen.

THE DARK KNIGHT RISES von Christopher Nolan (R, B) und Jonathan Nolan (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Warner Bros.

Freitag, 10. August 2012

The Amazing Spider-Man

"Es gibt nur eine Art von Plot, wenn man eine Geschichte erzählen will. Es dreht sich immer alles um die Frage: Wer bin ich?"
Immerhin, im neuen Spider-Man-Film wird zwischendurch auch mal gekonnt selbstreflexiv philosophiert. Knapp zehn Jahre nach dem ersten Teil von Sam Raimis Spider-Man-Trilogie, in dem Tobey Maguire den Rächer im rotblauen Ganzkörperanzug mimte, steht bereits das Remake auf der Matte. Im Marketingsprech dieser Tage nennt man das dann "Reboot".

Die Story ist schnell erzählt: Die Hauptfigur Peter Parker (Andrew Garfield) verliert als Kind seine Eltern und lebt anschließend bei seinem Onkel und seiner Tante. Die beiden kümmern sich hingebungsvoll um das Waisenkind. Einige Jahre später fängt Peter an, sich für Frauen und den Verbleib seiner Eltern zu interessieren. Auf seiner Suche wird er von einer genetisch veränderten Spinne gebissen und vom Pfeil der Liebe getroffen. Mit den frisch erhaltenen Superkräften und seiner hübschen Freundin Gwen Stacy (Emma Stone) im Schlepptau scheint sein Leben perfekt. Alles ändert sich abrupt, als sein Onkel bei einem Raubüberfall auf offener Straße erschossen wird. Peter sinnt auf Rache, erfindet sein Alter Ego Spider-Man und kämpft gegen die Geister der Vergangenheit, die sich in Form des Bösewichts Lizard manifestieren. Der Lizard AKA Dr. Connors (Rhys Ifans) ist eigentlich ein bedeutender Wissenschaftler und ehemaliger Kollege von Peters Vater. Durch ein fehlgeschlagenes, genetisches Experiment mutiert er zur grünen Riesenechse, und will die gesamte Stadt mit seinem Medikament einnebeln , um eine Armee mutierter Urviecher zu erschaffen.

Eigentlich wollte ich The Amazing Spider-Man nicht mögen. Warum startet die Serie nach so kurzer Zeit wieder neu, was soll hier anders erzählt werden und wer ist überhaupt dieser Bubi, der sich jetzt in das Kostüm zwängt? Hier soll doch nur Geld aus der Hollywood-Maschinerie gepresst werden, könnte man sich echauffieren. Das Problem: Der Bubi ist gar nicht schlecht, irgendwie sympathisch. Andrew Garfield überzeugt durch Charisma und Schauspieltalent - dass er fast dreißig ist, merkt man ihm zu keiner Sekunde an. Garfield kann die deutlich jüngere Figur des Peter Parker glaubhaft verkörpern. Emma Stone in ihrer Rolle als Gwen Stacy wird als blondes Mädel mit hohen Schuhen und knappen Röcken dargestellt, was ihr nicht gerecht wird. Sie ist zwar die Chef-Praktikantin von Dr. Connors, wird jedoch als Anhängsel von Spider-Man eingeführt und  lässt zu keiner Zeit einen Funken Durchsetzungskraft durchschimmern. Hier hat man eindeutig schauspielerisches Potential vergeudet.

Erzähltechnisch wird - die Floskel sei erlaubt - das Rad nicht neu erfunden. Der Film handelt immer noch von der ersten Liebe, vom Erwachsen werden und zwischendurch werden ein paar Bösewichter vermöbelt. Die Grundgeschichte ist die gleiche wie vor zehn Jahren, die Details haben sich jedoch ein wenig geändert: Die Stimmung ist deutlich düsterer und bedrohlicher geworden. Die Stadt erscheint nicht mehr so comichaft überzeichnet wie in den Vorgängerfilmen. Außerdem ist Peter nicht mehr der Einzelgänger, der er vor zehn Jahren noch war. Er weiht seine Freundin Gwen frühzeitig in seinen Nebenberuf als Teilzeit-Superheld ein, lässt sich sogar von ihr wieder zusammenflicken, wenn ein Kampf mit dem Lizard zu kraftraubend war. Teilweise fällt der Film jedoch zu stark ins Pathetische ab, wenn etwa die versammelte Welt der Kranführer New Yorks für den verwundeten Spider-Man Spalier steht, damit dieser sich zum finalen Kampf mit seinem Gegenspieler aufschwingen kann. Hier wäre weniger mehr gewesen, soviel Pathos hat der Film nicht nötig.

Insgesamt bin ich immer noch zwiegespalten: Das, was ich gesehen habe, überzeugt und kann durchaus fesseln. Ob der Neustart der Reihe notwendig war, kann ich trotzdem nicht ohne eine gehörige Portion Restzweifel beantworten. Für Neueinsteiger in die Spider-Man-Welt ist der Reboot auf jeden Fall empfehlenswert. Für alle anderen gibt es - trotz der nicht zu verleugnenden Eigenständigkeit des Reboots - zu wenig Neues.

THE AMAZING SPIDER-MAN von Marc Webb (R), James Vanderbilt (B), Alvin Sargent (B) und Steve Kloves (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures