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Sonntag, 23. Juni 2013

Shortcuts: Faster, Long Weekend & Snowman's Land

Faster


Der schauspielende Wrestler bzw. wrestlende Schauspieler Dwayne "The Rock" Johnson ist ein charismatischer Muskelprotz, der aufgrund seines Showtalents oft bloß in harmlosen Actionkomödien auftritt. Leider! Härtere Kost ist Mangelware - und Faster eine angenehme Ausnahme. Gerade aus dem Knast entlassen, verteilt Johnsons namenlose Figur bereits Kopfschüsse zum Start einer schnörkellosen Blutrache, deren Hintergründe sich erst nach und nach offenbaren. An seine Fersen heften sich ein abgewrackter Cop (Billy Bob Thornton) und ein Auftragskiller (Oliver Jackson-Cohen), dessen Part wirkt jedoch vom Film entrückt, seine Luxuswelt ist ein zu starker Kontrast. Viele Nebenrollen sind mit bekannten Gesichtern besetzt, die Frauen (Carla Gugino, Maggie Grace, Moon Bloodgood, Jennifer Carpenter) alle attraktiv, doch kaum aktiv, fungieren immerhin als Motivation für die Männer. Faster ist stilsicher und treibend inszeniert, verliert sich dabei hin und wieder in zu gewollter Coolness, auch wegen oder trotz des Einsatzes toller, aber zu bekannter Lieder (die Filmmusik von Clint Mansell gefällt). Schade, dass Actionszenen gar nicht so zahlreich vorkommen und die Geschichte zwar überraschend düstere Themen streift, trotzdem ein doch eher versöhnliches Ende nimmt. Es geht noch konsequenter, Dwayne!

FASTER von George Tillman Jr. (R), Tony Gayton (B) und Joe Gayton (B), USA 2010, IMDb, RT, FZ 

Long Weekend


Peter (Jim Caviezel) möchte seine Ehe mit Carla (Claudia Karvan) durch einen Surf- und Campingausflug kitten. Dass Carla gar keine Lust auf Zelten und Wellenreiten hat, erschwert dieses Ansinnen. Der Film legt auf dem Weg zum versteckten und verlassenen Strand typische Horrorfährten: Wortkarge Hinterwäldler, zugewucherte Privatwege, Ausfall der Elektronik. Doch im Fokus bleibt der pulsierende Streit des Paares, dessen Ursache noch nicht ersichtlich ist. Die Beiden würdigen selten die malerische Natur und diese scheint sich zu verändern mit aggressiven Tieren, Kadavern und Zeichen von Umweltverschmutzung. Long Weekend verläuft lange Zeit unaufgeregt, was zu Unbehagen über die Hintergründe und Richtung der Geschehnisse führt. Die Eskalation ist schließlich unvermeidlich und in ihrer Art dann leider vorhersehbar. Eine 10.000-Dollar-Ausrüstung hat Peter hochmütig ins Feld geführt, aber auch damit lässt sich die Natur nicht Untertan machen, sondern wird vielmehr herausgefordert...

LONG WEEKEND von Jamie Blanks (R) und Everett De Roche (B), Australien 2008, IMDb, RT, FZ

Snowman's Land


Der schrullige Killer Walter (Jürgen Rißmann) muss nach einem suboptimal verlaufenen Auftrag in der osteuropäischen Provinz untertauchen und dort mit seinem aufgekratzten Kollegen Micky (Thomas Wodianka) das Anwesen von Gangsterlegende Berger (Reiner Schöne) hüten. Unfälle und Missverständnisse lassen die Lage im abgeschiedenen Wintertal alsbald eskalieren. Snowman's Land punktet mit seinen Figuren, jedoch passen die Schauspielleistungen nicht immer zu den auf (zu) locker oder natürlich gebürsteten Dialogen; Reiner Schöne ist hingegen brillant. Bei der Inszenierung der schwarzen Komödie irritieren die eher nervige Musik sowie seltene MAZ-Einspieler und Voice-overs. Insgesamt aber recht unterhaltsam, auch weil der Film nicht allzu "typisch deutsch" wirkt.

SNOWMAN'S LAND von Tomasz Thomson (R, B), Deutschland 2010, IMDb, RT, FZ

Dienstag, 22. Januar 2013

Django Unchained [Doppelkritik]

Ein neues Werk von Quentin Tarantino ist immer ein Ereignis und perfekt für unsere Rückkehr aus der Winterpause - ob der Film den beiden ZFX-Schreibern dieses Mal gleichermaßen zugesagt hat?

I. "His Name is King" von Tobberich


Der Plot von Django Unchained, dem aktuellen Werk von Kultregisseur Quentin Tarantino, ist denkbar simpel: Der Sklave Django (Jamie Foxx), im damaligen Jargon ein "Nigger", wird von dem aus Deutschland stammenden Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) aus den Händen von Sklavenhändlern befreit, weil der seine Hilfe benötigt. Im Gegenzug macht er Django ein Angebot: Sobald dieser ihm geholfen hat, eine Bande gesuchter Verbrecher zu identifizieren, will er ihm die Freiheit schenken. Schultz nimmt Django unter seine Obhut, bildet ihn im Gebrauch von Waffen aus und alsbald kann Django als freier Mann mit Hilfe von Schultz eigene Ziele verfolgen: Seine Frau Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) irgendwo im Süden ausfindig machen, sie befreien und mit ihr zusammen in den Sonnenaufgang des liberaleren Nordens reiten.

Bereits an den Namen der Hauptfiguren wird deutlich, dass sich Tarantino wieder tief in der Mythologie der modernen Pop- und Kinokultur bedient hat. Der Name der Titelfigur referiert auf den gleichnamigen Spaghetti-Western von 1966, während Broomhildas Nachname auf eben jenen Shaft von 1971 verweist. Dass Broomhilda vom deutschen Vornamen Brunhilde abgeleitet und somit von Wagners Nibelungen-Saga inspiriert wurde, sei nur am Rande erwähnt.

Die Story teilt sich gefühlt in drei Teile, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch qualitativ voneinander unterscheiden: Die Befreiung Djangos und dessen Ausbildung zum Killer bilden den ersten. Hier ist es vor allem der gebürtige Österreicher Christoph Waltz, der die pointierten Dialoge aus der Feder von Quentin Tarantino mit großem Können trägt und als kongeniales Sprachrohr der Zeilen des Autors fungiert. Man fragt sich als Zuschauer deshalb zu Beginn, wer hier die Hauptrolle spielt: Dder titelgebende Sklave oder der Düsseldorfer Dr. King Schultz, denn zu dominant ist der Redeanteil von Waltz. Django hat eher unbedeutende Anteile und tritt passiv auf - das spiegelt auch das Schüler-Lehrer-Verhältnis, welches zwischen beiden anfangs noch besteht.

Im zweiten Teil machen sich die beiden Revolverhelden auf, um die schöne Broomhilda aus der Sklaverei von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) zu befreien. Hier beginnt die Figur Djangos wichtiger für die Fortentwicklung der Geschichte zu werden, sie emanzipiert sich zusehends von Schultz, beide Figuren agieren jetzt auf Augenhöhe - man könnte an dieser Stelle von einem klassischen Buddy-Movie sprechen. Es ist trotzdem die insgesamt schwächsten Phase des Filmes, die zu einem Großteil auf der Plantage des Sklavenhalters spielt. Der Story fehlt der notwendige Drive, die Dramaturgie wirkt streckenweise ziellos – hier hätte Tarantino etwas stringenter arbeiten und seinen über 160 Minuten langen Film an der ein oder anderen Stelle kürzen können. Im letzten Part, auf der Zielgeraden sozusagen, gewinnt der Plot wieder an Fahrt und hat einige gelungene Szenen zu bieten.

Über den ganzen Film hinweg ist die inhaltliche Nähe zu anderen Werken von Tarantino auffällig, vor allem zu Kill Bill. Beide Werke Tarantinos setzen auf dasselbe Grundschema: Gefallene Figur findet ins Leben zurück und macht sich gestärkt auf in die Vendetta gegen alten Feinde, inklusive des obligatorischen, wenig dezenten Gemetzels am Ende. Hier hätte Tarantino einen ambitionierteren Ansatz verfolgen können. Auch das Thema Rassenhass hat er zuletzt in Inglourious Bastards bereits aufgegriffen.

Neben den ausgezeichneten Dialogen sind es der Cast und der Soundtrack, die Django Unchained zu einem unterhaltsamen Film werden lassen. Man kann sich kaum vorstellen, dass eigentlich Will Smith für die Rolle des Django vorgesehen war. Die Wandlung vom schüchternen, gedemütigten Sklaven zum selbstbewussten, aus seinen Ketten befreiten Revolverhelden gelingt Jamie Foxx überzeugend. Einziger Kritikpunkt: Die Entwicklung vollzieht sich sehr schnell, hier hätte der Charakter im Drehbuch weiter ausgearbeitet werden können. Neben Christoph Waltz, der seine Rolle nonchalant mit sublimen Witz spielt, sind vor allem Leonardo DiCaprio als widerwärtiger, maliziöser Plantagenbesitzer und Samuel L. Jackson als klappriger und hinterhältiger Haussklave/Butler Stephen positiv aufgefallen.

Tarantino hat mit Django Unchainend einen ordentlichen Ausflug in das Western-Genre hingelegt und wurde inzwischen auch für den Oscar in der Rubrik "Bester Film" nominiert. Einer starken Besetzung, gelungenen Pointen sowie einem treibendem Soundtrack stehen jedoch Schwächen im Drehbuch gegenüber. Außerdem bietet auch der bisher längste Film des Regisseurs die immer gleichen Angriffspunkte für seine Kritiker: die Vorliebe für ausschweifende Dialoge und brutale Gewaltszenen. Dem Stammpublikum wird das wenig ausmachen.

II. "Der Arzt, dem die Sklaven vertrauen" von HomiSite


Dreck und Matsch und Verfall und Farbarmut - Sergio Corbucci schuf 1966 in Django eine Western-Vorhölle, aus der niemand unbeschadet entkam. Quentin Tarantino präsentiert in Django Unchained stattdessen das weite Land, die verschneiten Berge und schließlich den malerischen Süden der USA. Doch die Abgründe lauern hinter der schönen Fassade weißer Häuser und feiner Herrschaften, auf den unmenschlichen Sklavenplantagen der Großgrundbesitzer. Dort wurde der Grundstein gelegt für das, was Django (Jamie Foxx) sein wird. Zu Filmbeginn trottet er noch verschüchtert und angekettet in einem Gefangenentross dahin, bis ihn Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit. Dieser wunderliche Zahnarzt aus Deutschland verdingt sich mittlerweile als Kopfgeldjäger - kein großer Schritt, mögen manche Patienten einwerfen. Schultz braucht Django, um ein paar gesuchte Verbrecher zu identifizieren, und weil der frisch befreite Sklave dabei viel Eigeninitiative zeigt, setzen die beiden ihre Zusammenarbeit fort. Und nach dem Winter wollen sie Djangos Ehefrau (Kerry Washington) aus der Sklaverei Calvin Candies (Leonardo DiCaprio) befreien...

Quentin Tarantinos 165 Minuten langer Western kann - wie auch von Tobberich geschildert - als aus drei Teilen bestehend betrachtet werden: Eingangs die Kopfgeldjägerzeit von Schultz und Django, in der die Charaktere eingeführt werden. Schultz ist ein redegewandter, geradezu quasselnder Gentleman, der Sklaverei und Verbrechen, doch nicht das schnelle Töten ablehnt. Christoph Waltz fegt durch den Film und drängt Andere oft zur Seite, in gewisser Weise lässt er aber bloß seinen Hans Landa aus Inglourious Basterds neu aufleben - dieses Mal als guter Deutscher. Seine Selbstsynchronisation ist bisweilen derart entfesselt, dass es ins Unglaubwürdige kippt, bleibt trotzdem stets unterhaltsam. Jamie Foxx als schwarzer Django wandelt sich unter Anleitung des Doktors schnell vom scheuen Untergebenen zum harten Cowboy, Schultz ebenbürtig. Die anderen bedeutenden Rollen - Candie und dessen "Hausneger" Stephen - werden von DiCaprio und Samuel L. Jackson mit Verve und auch Overacting gespielt. Ihre Auftritte markieren den zweiten Teil des Films, die direkte Konfrontation mit der Sklaverei und dem Alltag auf der Plantage und schließlich mit den Herren dort.

Bis dahin hält Tarantino die Erzählung stets im Griff, trotz mancher nicht zwingend nötiger Rückblenden oder dialoglastiger Nebenszenen. Doch da ein Held erst wahrlich triumphieren kann, wenn er nach vermeintlichem Sieg tief gefallen ist, gibt es noch einen Schlussteil, der leider nicht allzu geschmeidig dahingleitet. Dies scheint auch Tarantino aufgefallen zu sein, der das tatsächliche Finale dann überraschend kurz hält. Die öfters vernommene Kritik von überflüssigen und selbstzweckhaften Abschnitten und einem insgesamt zu langen und zähen Film ist übertrieben, nichtsdestotrotz darf sich Tarantino zukünftig gerne einer etwas stringenteren Erzählweise bedienen. Und vielleicht sollte er den Inhalt seiner Filme variieren: Rache ist das Leitmotiv vieler seiner Werke und Django Unchained wirkt in direkter Folge auf Inglourious Basterds strukturell sehr ähnlich.

Natürlich bleibt Tarantino neben diversen filmischen und inhaltlichen Zitaten seiner ausgeprägten Soundtrackgestaltung treu, die wiederum sehr gefällig, wenn auch nicht seine innovativste ist. Gegen Ende bringt Tarantino fast zu viele Lieder unter, was in harten Wechseln mündet. Auf visueller Ebene ist der einfallsreiche Regisseur für seine nicht zurückhaltende Gewaltdarstellung bekannt und Django Unchained könnte sein blutigstes Werk sein: Jede Schusswunde führt zu Blutfontänen, die eher splattriger Spaß statt unangenehmem sind. Die zentrale Schießerei, die glücklicherweise von den Trailern nicht vorweggenommen wurde, dürfte neue Western-Maßstäbe im Blutvergießen setzen und ist so famos wie packend inszeniert. Als Kontrapunkt setzt Tarantino immer wieder erschütternde Momente, in denen die grafische Gewalt beinahe vollkommen abwesend, die Wirkung aber gerade dadurch größer ist.

Schlussendlich ist Django Unchained trotz aller Brutalität ein überwiegend heiterer und unverfänglicher Film, der gleichwohl plakativ Kritik an der Sklaverei und damit amerikanischen Vergangenheit übt. Auch die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft wird thematisiert, doch droht all dies in den rhetorischen als auch blutigen Unterhaltungsszenen unterzugehen (vielleicht ist genau dies Absicht). So oder so streicht Tarantino die Herrenhäuser mit dem Blut ihrer Besitzer und erinnert an den vergossene Lebenssaft der Sklaven, mit dem der Wohlstand des weißen Mannes errichtet wurde. Mit den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg suchte sich Quentin Tarantino eine im Western selten behandelte Nische, die Genre-Revolution oder einen klassischen Italowestern hat er jedoch nicht gedreht. Da dürfte Keoma das Maß aller Dinge bleiben, mit dem originalen Django Franco Nero - natürlich in einer Nebenrolle in Tarantinos gelungener Neuinterpretation.

DJANGO UNCHAINED von Quentin Tarantino (R, B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Freitag, 19. Oktober 2012

Moonrise Kingdom (Inselkoller)


Der zwölfjährige Sam (Jared Gilman) türmt 1965 aus einem winzigen Pfadfinderlager eines kleinen Eilands und bald verschwindet auch die ortsansässige Anwaltstochter Suzy (Kara Hayward). Während langsam ein Sturm aufzieht, suchen die Inselbewohner nach den Kindern...

Die erste und bisher einzige Begegnung mit Regisseur Wes Anderson trug sich vor einigen Jahren zu: Im Kreis der Familie ward das Fernsehgerät eingeschaltet und Die Royal Tenenbaums erglomm auf der Mattscheibe. Ob des merkwürdigen Humors immer leicht neben der Spur rissen alsbald Faszination und Irritation mich hin und her. Moonrise Kingdom ist seitdem Andersons vierter Langfilm und wirkt nicht mehr ganz so absonderlich: Die farbenfrohen 60er Jahre, eine oft wie ausgestorben wirkende Insel und die spleenigen Figuren sorgen von vornherein für eine irreale Atmosphäre. Bekannte Darstellergrößen spielen mit, aber der Fokus liegt auf den Kindern, deren sonderbare Verhaltensweisen - oft die von Erwachsenen - man leichter akzeptiert als bei spinnerten Erwachsenen. Komplettiert wird dieser artifizielle Mikrokosmos durch eine starre Kamera, die sich nur auf geraden Bahnen oder in 90°-Schwenks bewegt und so die Erschaffung des Filmraums und die Orientierung darin regelmäßig durchkreuzt.

Die eher simple Geschichte verläuft geradlinig, trotzdem schiebt sich ein allwissender Erzähler als realer, aber kaum eingebundener Charakter gelegentlich in Bild. Es klingen gewichtige Themen wie Familie, Liebe und Zugehörigkeit an, aber Unbeschwertheit und skurriler Humor überwiegen klar. Das Mädchen Suzy liest gerne phantastische Geschichten mit einer weiblichen Heldin und so eine bekommt der Zuschauer durchaus zu sehen, eine Sammlung an visuellen und narrativen Miniaturen. Ernsthaft dramatische Wendungen sind bald nicht mehr zu erwarten, weswegen Moonrise Kingdom zum stürmischen Finale hin auch etwas an Fahrt verliert.

Dies ändert nichts an dem warmen Wohlfühlklima des herrlich abgedrehten Films mit klarer, vielleicht etwas überstrapazierter inszenatorischer Linie und angefüllt von feinsinnigem, abstrusen als auch plakativem Witz. Schlicht schön.

MOONRISE KINGDOM von Wes Anderson (R, B) und Roman Coppola (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Tobis/Focus Features

Freitag, 5. Oktober 2012

Die drei Musketiere (Paul für alle, alle für Milla)

Milla morgens am Frühstückstisch: "Paul, ich möchte auch mal schicke Klamotten im Film tragen."
Paul schmiert sich ein Marmeladentoast: "Hä, also ich finde dich in meinen Resident Evils absolut heiß!"
Milla blickt ihn über die Kaffeetasse an: "Du Charmeur. Das ist mir aber auf Dauer etwas zu viel Fetisch, das ganze Lack und Leder und so..."
Paul beißt jetzt eher lustlos ins Brot: "Willst du Sackleinen tragen oder wie?"
Milla gießt sich Kaffe nach: "Hör doch mal zu, ich sagte 'schicke Klamotten'! Edle Gewänder, wallende Kleider, so etwas."
Paul pellt nun sein Ei: "Also möchtest du eine süße Prinzessin sein?"
Milla schaut zwischen Müsli und Obst hin und her: "Du bist echt ein Morgenmuffel. Aber höfische Mode würde mir in der Tat gefallen... Der Sonnenkönig!"
Paul sucht das Salz: "Ist das eine Sagengestalt? Hm, Resident Evil goes Fantasy..."
Milla schält eine Banane: "Blödsinn! Kennst du wenigstens Die drei Musketiere?"
Paul schaut etwas anzüglich, wie Milla die Banane isst: "Die Serie mit David Hasselhoff?"
Milla wirft ihm die Bananenschale ins Gesicht: "Sicher nicht! Der Historienroman von Alexandre Dumas, mit wackeren Recken und schönen Frauen und bösen Kirchenmännern und vielen Degenkämpfen. Also das 17. Jahrhundert in Frankreich!"
Paul wischt sich sein Gesicht: "Aha. Und wer ist dieser Lichtkaiser?"
Milla verdreht die Augen: "Sonnenkönig! Ludwig XIV., der herrschte jedoch erst später. Aber ein Film mit so einem Hintergrund, das würde mir gefallen."
Paul gibt nach: "Okay, von mir aus. Ich habe aber keine Lust, mit da noch viel auszudenken. Können wir die Serie nicht neu verfilmen?"
Milla betrachtet das durchs Fenster fallende Morgenlicht: "Das Buch! Ja, das würde gehen. Fände ich zwar einfallslos, aber man sicher kann ein paar Dinge verändern."
Paul versucht zu erkennen, was Milla im Fenster sieht: "Wohl keine Mutanten, nehme ich an. Vielleicht Luftschiffe... Na ja, ich werde da Schreiber suchen."
Milla ist hocherfreut: "Sehr schön, danke, Paul! Ich will auch mal eine etwas ambivalentere Rolle spielen. Zu Hofe geht's ja auch oft um Intrigen."
Paul hält Ausschau nach einem Fremdwörterbuch: "Also eine attraktive Frau in tollen Kleidern, nicht unbedingt die strahlende Heldin. Aber wir machen dich trotzdem zu 'ner Arschtreterin, ja?"
Milla verzieht ihr Gesicht: "Benutz nicht solche Worte, unsere Tochter könnte die aufschnappen. Aber ich bin einverstanden. Die Protagonisten im Buch sind ja eh die Musketiere und ein dazustoßender Jüngling."
Paul macht sich bereits Notizen: "So? Da könnten wir versuchen, irgend einen Mädchenschwarm aufzubauen. Und für die anderen Rollen frage ich einfach mal angesagte Europäer, zum Beispiel Tarantinos Obernazi oder diesen Dänen aus James Bond."
Milla nickt zustimmend: "Gute Idee, Christoph Waltz und Mads Mikkelsen sind fantastische Schauspieler!"
Paul steht auf: "Alles klar, ich muss dann jetzt ein paar Anrufe tätigen und so."
Milla stöhnt, als sie bemerkt, dass sie wieder einmal alleine die Küche aufräumen muss.
Der fertige Film, schlicht Die drei Musketiere, adaptiert die Grundmerkmale der von mir ungelesenen Buchvorlage - also königstreue Recken versus Kardinalsverschwörung -, was dahingehend schade ist, da eine eigenständige Geschichte in einer möglicherweise alternativen Vergangenheit mit klarem Bekenntnis zu Steampunk weit interessanter gewesen wäre. Regisseur Paul W. S. Anderson liefert natürlich trotzdem keine werkgetreue Literaturverfilmung, sondern fügt seine übertriebene Resident Evil-Action, die Ikonisierung von Milla Jovovich sowie den lockeren Humor der Pirates of the Carribean-Reihe hinzu, unübersehbar durch die Teilnahme von Orlando Bloom (dessen Part als Herzog von Buckingham kleiner ist als das Kinoplakat nahelegt).

Das Ergebnis funktioniert erstaunlich gut, weil die ausladenden Kulissen und farbenfrohen Kostüme des 17. Jahrhunderts derart aufwändig nicht alltäglich zu sehen und alle Schauspieler mit Spaß und Schalk im Nacken bei der Sache sind. Im Gegensatz zu den bereits erwähnten Resident Evil-Filmen nimmt sich Die drei Musketiere nicht allzu ernst, was angesichts des abgehobenen Geschehens sehr angenehm ist - wodurch das leichtfertige Niedermachen unzähliger Feinde durch die Helden aber einen dezenten Beigeschmack erhält. Wesentlich schwerwiegender ist die Besetzung von D'Artagnan, denn Logan Lerman als aalglatt-uninteressanter Jungspund nervt schon bald und man wünscht sich einen stärkeren Fokus auf seine gestandenen und teils zu kurz kommenden Kollegen anstelle seines Gebalzes mit dem Dekolleté einer königlichen Hofdame (Gabriella Wilde).

Nichtsdestotrotz vermögen Lerman zusammen mit ein paar schwachen Charakteren und Witzen den Unterhaltungswert des Films nur in Maßen zu schmälern, zumal erst gegen Ende Logiklöcher sich nachteilig auftun. Die drei Musketiere ist nicht fundamental anders als die Zombiewerke des Regisseurs, aber wird vom leichtfüßigen Tonfall emporgetragen in qualitative Sphären, die alte Luftschiffe so erreichen können.

DIE DREI MUSKETIERE bzw. THE THREE MUSKETEERS von Paul W. S. Anderson (R), Alex Litvak (B) und Andrew Davies (B), Deutschland/Frankreich/UK/USA 2011, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Constantin Film/Summit

Samstag, 9. Juni 2012

The Bird People in China (Existentialism Air)


Ein japanischer Büroangestellter (Masahiro Motoki) muss kurzfristig nach China reisen, um dort ein Edelsteinvorkommen zu beurteilen. Die kleine Expedition wird trotz Führer (Makoto "Mako" Iwamatsu) zur Odyssee, auch weil ihn bald ein Yakuza (Renji Ishibashi) begleitet und ihm auf die Finger guckt...

Ein Geschäftsmann mit da Vinci'eskem Fluggerät stellt das Titelmotiv des Films dar, welches einiges vorwegzunehmen scheint. Bei Regisseur Takashi Miike sollte man jedoch immer alles erwarten, blutrünstige Vogelmenschen im Reich der Mitte wären also nicht ausgeschlossen. Für Miike-Kenner ist dieser vermeintliche Wissensvorsprung ein Quell der Spannung, weil man sich stets fragt, zu welchen obskuren Wendungen es vielleicht kommen mag (Miike dreht von Psychohorror wie Audition bis Kinderfilme beinahe alles). Kennt man den Regisseur jedoch nicht, fällt dieser Aspekt natürlich weg und die ausführlich geschilderte Irrfahrt könnte etwas langatmig wirken. Dabei steht Japan für die moderne Effizienzgesellschaft, während das chinesische Hinterland wie der Wilde Westen wirkt - "unzivilisiert", geheimnisvoll, gefährlich? Die japanischen Protagonisten, besonders der aufbrausende Yakuza, geraten schnell an den Rand der Verzweiflung, als die Straßen und Fortbewegungsmittel zunehmend archaischer werden. Ihr heimischer Ortskundiger ist die Mühen der Reise gewohnt und hadert eher mit der Hysterie seiner Schutzbefohlenen. Wenn sich die Gruppe schließlich durch regenverhangene Gebirgswälder schlägt, erinnert dies gar an Aguirre, der Zorn Gottes. The Bird People in China ist jedoch kein Wahnsinnstrip ins Herz der Finsternis, vielmehr verlässt sich der Film eingangs auf Situationskomik.

Ungefähr zur Halbzeit wird dann das Ziel erreicht: Ein kleines Bergdorf, wie aus der Zeit gefallen, in dessen Umland Jade zu finden ist. Eine junge Frau unterrichtet die Kinder im Trockenflug und setzt so die Arbeit ihres toten Großvaters fort - aber mehr um dessen Andenkens Willen, denn wirklich geflogen ist noch niemand. Der Film ändert mit Betreten der Siedlung den Tonfall, wird fast zu einem unaufgeregten Krimi, als die Hauptfiguren die Identität des Großvaters und die Herkunft der Flugschule zu ergründen suchen. Darüber bekommen sie Gewissensbisse, ob sie diese malerische und naturverbundene Enklave der modernen Zivilisation aussetzen sollen, indem sie den Jadeabbau und damit auch den Fortschritt in die Wege leiten. Ausgewogen und leichtfüßig wird diese Frage von The Bird People in China diskutiert, es geht ebenso um Glück, Weltbilder und Lebensentwürfe, um Liebe, Aufrichtigkeit und Folgsamkeit (im asiatischen Raum bekanntlich von großem Stellenwert). Und auch die Völkerverständigung von China und Japan lässt Miike anklingen. Große Fragen, die undramatisch mit dem Glauben an gute Kompromisse beantwortet werden. Das versöhnliche Ende einer Reise mit Fragen, von denen man nicht erwartete, sie sich überhaupt zu stellen. Schön!

THE BIRD PEOPLE IN CHINA von Takashi Miike (R) und Masa Nakamura (B), Japan 1998, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Ascot Elite