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Montag, 20. Mai 2013

Shortcuts: Invasion, Salt & The Ward

Invasion


Oliver Hirschbiegels erster Hollywood-Film nach seinem internationalen Erfolg Der Untergang. Warum er dafür in ein Remake der gefühlt dutzendfach verfilmten Body Snatchers-Geschichte einwilligte, ist schwer nachvollziehbar. Mit ein wenig Interesse an Science Fiction kennt man zumindest eine der früheren Versionen und damit die zugrunde liegende Handlung, die Invasion nicht wesentlich verändert - Spannung sieht anders aus. Die einzige Unklarheit bleibt daher, wie der Film abschließen wird: Mit einem aufgesetzten Happy End, ächz. Die titelgebende Invasion vollzieht sich zudem schnell und durchschaubar, während die Protagonisten quasi nebenbei und auf geradzu absurde Weise die Wahrheit ergründen. Immerhin: Nicole Kidman als Therapeutin Carol Bennell ist wie aus dem Ei gepellt und Daniel Craig als Wissenschaftler Ben Driscoll noch kein gestählter Agent. Das alles wird kompetent, aber passend zum Inhalt unspektakulär inszeniert. Überflüssig.

INVASION bzw. THE INVASION von Oliver Hirschbiegel (R) und David Kajganich (B), USA 2007, IMDb, RT, FZ

Salt: Extended Cut


Evelyn Salt (Angelina Jolie) ist eine hervorragende CIA-Agentin, die plötzlich als russische Spionin mit Attentatsplänen beschuldigt wird. Um ihren Namen reinzuwaschen und die Hintermänner zu erledigen, entzieht sie sich den Behörden. Dabei spielt der Film recht geschickt mit dem Image von Angelina Jolie und es wird zunehmend unklar, ob sie wirklich eine weiße Weste hat. Das Tempo ist hoch - außer, wenn wieder eine unnötige Rückblende eingeschoben wird - und die eher realistisch gehaltene Action mit meist ordentlich kaschierten Doubles oder CGI-Effekten gelungen. Nur Jolies Kampfszenen lassen etwas Brachialität vermissen, trotz einem guten Mittelmaß aus Kameragewackel und Draufhalten. Die Auflösung offenbart rückblickend einige logische Aussetzer, das Ende gerät aber zufriedenstellend. Der Extended Cut ist dabei endgültiger, der Director's Cut zudem pessimistischer als die Kinofassung.

SALT: EXTENDED CUT von Phillip Noyce (R) und Kurt Wimmer (B), USA 2010, IMDb, RT, FZ

The Ward


Ach, John Carpenter, deine Genreklassiker sind unvergessen, doch spätestens nach der Jahrtausendwende schien die Kreativität zu schwinden. Obwohl: Einfallslosigkeit konnte dem bizarren Ghosts of Mars von 2001 nicht vorgeworfen werden, es war bloß kein guter Film. Erst neun Jahre später meldete sich der Regisseur mit The Ward zurück - und scheiterte erneut. Ambitionen wurden vorab schon zurückgefahren, die Ausgangslage des Films ist uninspiriert: Kristen (Amber Heard) wird in den spärlich belegten Mädchentrakt einer Irrenanstalt der 60er Jahre eingewiesen. Früh wird enthüllt, dass ein hässliches Geistermädel hinter den jungen Insassinnen her ist und sie (eher unkreativ) mordet. Der Horror in diesem konventionellen Plot wird leider durch ebenso klischeehafte Mittel versucht zu erreichen: billige Schockeffekte in Kombination mit einer manipulativen Kamera. Unheimliche Atmosphäre kann sich kaum entwickeln, alles geht Schlag auf Schlag und passiert auch am helligten Tag. Ein anderes Problem von The Ward: Gerade weil die Geisterangriffe und deren Hintergründe sehr früh klar sind und der Film in einer Psychiatrie spielt, dürfte sicher vieles anders sein, als es einem vorgegaukelt wird. Anders ist es dann zwar, aber nur marginal besser als der Großteil dieses mäßigen Films.

THE WARD von John Carpenter (R), Michael Rasmussen (B) und Shawn Rasmussen (B), USA 2010, IMDb, RT, FZ

Sonntag, 31. März 2013

Shortcuts: Argo, Gnade & Kiss Kiss Bang Bang

Argo


Drei Oscars bekam Ben Afflecks dritte Regiearbeit Argo, inklusive "Bester Film" - für mich nur erklärbar durch den sehr amerikanischen Hintergrund: In den USA dürfte die Geiselnahme von Teheran weit bekannter als im Ausland sein, in deren Umfeld die CIA einige untergetauchte Amerikaner im Rahmen eines vorgegaukelten Filmdrehs aus dem Iran schmuggelte. Nach einem eindrucksvollen Beginn schildert Argo die Entwicklung und Vorbereitung des wahnwitzigen Plans, was zugleich einen Einblick in die Filmwirtschaft Ende der 1970er und Anfang der 80er gewährt. Der Film krankt trotz gediegener Inszenierung mit ausgewaschenen und grobkörnigen Bildern und einer authentisch wirkenden Ausstattung jedoch an der Dramatik seiner Ereignisse. Zum einen wird der vorgebliche Film (Science Fiction!) gar nicht gedreht, zum anderen ist der Verlauf der Aktion überraschend unspannend. Stolpersteine sind als solche klar erkennbar, die tatsächliche Flucht verläuft dann trotzdem zügig und glatt. Dies mag alles der realen Vorlage geschuldet sein, aber Argo ist eben keine Dokumentation und das Bedrohungsgefühl bei dem durchgehend feindseligen Umfeld schlicht zu gering.

ARGO von Ben Affleck (R) und Chris Terrio (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ

Gnade


Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) wandern mit ihrem Sohn Markus (Henry Stange) aus beruflichen Gründen nach Norwegen aus. Der finstere Winter schlägt bald aufs Gemüt, auch weil sich die Familienmitglieder unterschiedlich schnell einleben. Doch dann überfährt Maria ein Mädchen und begeht Fahrerflucht... Gnade heißt der dreisprachige Film und diese wird der Familie nicht verwehrt. Ein hochemotionaler Leidensweg dahin bleibt jedoch aus, stattdessen wechseln sich die Charaktere regelmäßig als Unsympathen ab - das Mitgefühl des Zuschauers ist entsprechend gering. Hinzu kommt eine ziellose Episode um den Sohn, die an Benny's Video erinnert, aber zu losgelöst vom Rest des Films verläuft. So bleiben nur schöne Naturaufnahmen sowie knarzendes Holz und heulender Wind im winterlichen Norwegen. Und eine erschütternd unbeholfene Kommentierung der Filmhandlung durch ein Konzert im Rahmen eines weiteren überflüssigen Erzählstrangs.

GNADE von Matthias Glasner (R) und Kim Fupz Aakeson (B), Deutschland 2012, IMDb, RT, FZ

Kiss Kiss Bang Bang


Der eher trottelige Kleinkriminelle Harry Lockhart (Robert Downey Jr.) landet zufällig als Schauspieler in Los Angeles und bald darauf mitten in einem vertrackten Mordfall, den er zusammen mit dem abgeklärten Privatdetektiv "Gay" Perry van Shrike (Val Kilmer) zu überstehen und aufzuklären versucht. Downey Juniors damaliger Comeback-Film ist gleichzeitig das Regiedebüt von Shane Black, der erst mit Iron Man 3 wieder als Regisseur tätig wurde. Sein empfehlenswerter Kiss Kiss Bang Bang ist eine clever konstruierte Groschenroman-Krimikomödie mit so spielfreudigen wie gegensätzlichen Protagonisten und schwarzem Humor, weist aber auch manch düstere Untertöne wie Kindesmissbrauch auf.

KISS KISS BANG BANG von Shane Black (R, B), USA 2005, IMDb, RT, FZ

Mittwoch, 6. Februar 2013

Zero Dark Thirty (Der dritte Mann)


Die offizielle Wahrheit besagt, dass Osama bin Laden nach einer fast zehnjährigen Suche ausfindig gemacht und im Mai 2011 von einer US-Spezialeinheit erschossen wurde. Diese Geschehnisse schildert Zero Dark Thirty und beginnt dabei an "9/11", mit einem schwarzen Bild. Telefongespräche wegen des ersten Flugzeuges sind zu hören, aber nichts ist zu sehen. Die Zwillingstürme des World Trade Centers werden nicht gezeigt, wie auch Osama bin Laden weitgehend ohne Gesicht bleibt. Auf die berühmtesten Bilder des letzten Jahrzehnts verzichtet Regisseurin Kathryn Bigelow und wendet sich dem zu, wovon es keine Aufnahmen gibt. Der Großteil der zweieinhalb Stunden handelt von CIA-Agenten auf der mühseligen Bin-Laden-Jagd, insbesondere von Maya (Jessica Chastain). Kurz nach den Anschlägen vom 11. September besucht sie ein Geheimgefängnis, wo sie Dan (Jason Clarke) trifft, der der "enhanced interrogation" frönt und Informationen aus Häftlingen herauszufoltern versucht. Über das drastische Vorgehen gerät Maya nur kurz aus der Fassung, dann ist es auch für sie Alltag.

Der Film folgt Maya durch die Jahre ihrer Ermittlungen und Befragungen, reale Terrortaten werden aufgegriffen und immer wieder der Schauplatz gewechselt. Eine Übersicht wäre ohne Jahres- und Ortseinblendungen schwer, Zusammenhänge, Rückschläge oder Durchbrüche der Jagd werden nicht immer deutlich - diese Struktur spiegelt die Suche nach der Nadel im islamistischen Heuhaufen wider. Die Charaktere bleiben in Zero Dark Thirty ebenfalls schwer fassbar: Persönliche Details werden, wenn überhaupt, nebensächlich vermittelt, die CIA bestimmt das Dasein, die Terroristenhatz ist zur Lebensaufgabe geworden. Teil des allumfassenden Jobs ist Folter, von ganz oben verordnet. Gezeigt werden Waterboarding und anderes in deutlichen, obschon nicht zu verstörenden Bildern, die Hauptfiguren setzen sich mit ihrem Tun nicht auseinander. Der Film entzieht sich einer klaren moralischen Stellungnahme, entsprechende Äußerungen von Protagonisten lassen sich unterschiedlich auslegen.

Osama bin Ladens Aufenthaltsort scheint schlussendlich gefunden und er soll erledigt werden, weswegen Special Forces mit Hubschraubern des Nachts ausrücken. Es folgt als Finale eine ausgeprägte Actionszene, untermalt von extrem bassigen Rotorengeräuschen und Explosionen. Doch das Verhalten der Soldaten ist das genaue Gegenteil: Leise und ruhig gehen sie vor, mit Nachtsichtgeräten und schallgedämpften Einzelschüssen - keine Hollywood-Schießerei, mit einem passend unspektakulären Ausgang.

Zero Dark Thirty schafft es, die im Kern allgemein bekannte Geschichte fesselnd zu erzählen. Ob die Herangehensweise in einer Art dramatisierten Dokumentation angemessen ist, gibt Anlass zur Diskussion. Es ist nicht zu übersehen, dass der Film das amerikanische Publikum nicht aufregen, sondern oberflächlich wertfrei ein traumatisierendes Kapitel moderner US-Geschichte bildlich festhalten und gleichzeitig abschließen soll. Im Zusammenspiel mit der oft bruchstückhaften Figurenzeichnung mag sich daher Distanz beim skeptischen Zuschauer einstellen. Kritik schimmert dann aber doch stärker durch: So hat Dan irgendwann genug von seinem Tagewerk - wenn auch diffus begründet - und Folter führt nie zu den wichtigen Erkenntnissen. Die Protagonisten werden dabei aus der Schusslinie genommen (z.B. wird Abu Ghraib nur namentlich erwähnt), die Vorgesetzten und schlussendlich die Regierungsdoktrin geben das Ziel vor: Bringt uns Leute zum Töten. So viel zur Rechtsstaatlichkeit, trotzdem erledigen die Agenten pflichtbewusst ihre Arbeit, können sie irgendwann gar nicht mehr hinterfragen, zu viel Zeit und Blut ist investiert worden.

Kathryn Bigelow schaut also auch in den Hurt Locker: Maya, die zwar selbst nie handgreiflich wird, hat ihr Leben auf den Tod Bin Ladens ausgerichtet, sie würde dazu ein ganzes Haus wegbomben, ungeachtet unschuldiger Mitbewohner. Als es am Ende "mission accomplished" heißt, ist auch sie am Ende: Wie der Soldat in Tödliches Kommando, so existiert der Agent für den Krieg, geht darin auf. Und ohne solche Aufgabe kein Lebenssinn?

Derartige Aspekte hätte man im Film sicher stärker herausarbeiten können oder vielleicht gar sollen, so bleibt insgesamt viel Distanz bestehen, trotz überraschend spannender Erzählung, gekonnter Inszenierung und trefflicher Besetzung. Leider wird wie schon in Tödliches Kommando nicht auf eine etwas melodramatische und vor allem allzu absehbare Nebenhandlung verzichtet. Aber wenn es so gewesen sein soll...

ZERO DARK THIRTY von Kathryn Bigelow (R) und Mark Boal (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universal Pictures

Mittwoch, 14. November 2012

Skyfall [Doppelkritik]


Die lange verzögerte/erwartete Rückkehr von James Bond wird weitgehend sehr positiv gesehen, was jedoch nicht alle ZFX-Schreiber vorbehaltlos unterschreiben können - deswegen eine Doppelkritik.

I. "Analogheld" von Tobberich


Mal wieder ein neuer Bond. Die Nummer 23. Meine persönliche Geschichte mit dem Geheimagenten Ihrer Majestät begann 1995 mit Pierce Brosnan in GoldenEye, den ich auch retrospektiv noch für einen der Besten der Reihe halte. Nun also das dritte Abenteuer mit Daniel Craig.

Worum geht's? Sagen wir mal: Die Geheimdienstkacke ist am Dampfen. Der britische Geheimdienst MI6 unter der Führung von M (Judie Dench) hat eine supergeheime Festplatte mit den Klarnamen aller NATO-Agenten verloren. Auch Bond konnte den Diebstahl nicht verhindern, schlimmer noch, er wird zu Beginn des Filmes angeschossen und kehrt nach kurzer Auszeit als körperliches und seelisches Wrack zurück ins Königreich. Indes steht es nicht gut um den MI6: Das Hauptquartier wird gesprengt, ein neuer Chefaufseher (Ralph Fiennes) installiert und der politische Druck auf M endlich zurückzutreten wächst. Bond muss nun herausfinden, wer die Festplatte gestohlen hat und warum er dem MI6 so massiv schaden will. Nach kurzer Weltreise in Richtung Asien hat er Raoul Silva (Javier Bardem), den Drahtzieher des Manövers, scheinbar geschnappt: Silva sitzt im Hochsicherheitstrakt des MI6. Mit seiner gelungenen Flucht spitzt sich die Lage jedoch nur noch umso mehr zu.

Auch wenn ich hier eventuell den Spannungsmoment meiner Rezension vorwegnehme: Skyfall ist einer der besten Bond-Filme, den ich bis jetzt gesehen habe. Bereits Casino Royale, die erste Auflage mit Daniel Craig, war eine Wohltat nach den völlig ausufernden Spektakeln, in denen Pierce Brosnan nach GoldenEye mitwirkte. Der zweite Film mit Craig, Ein Quantum Trost, war dann eine Enttäuschung, zumindest konnten meine Augen dem Schnittstakkato auf der Leinwand kaum folgen. In Skyfall wird die Schnittfrequenz etwas zurückgeschraubt und auch sonst einiges anders gemacht.

So oft wie Bond und M betonen, die Dinge wieder auf die altmodische Art regeln zu wollen, muss es auch beim letzten Zuschauer ankommen, dass Regisseur Sam Mendes (American Beauty) mit Skyfall einen anderen Zugang wählt als seine Vorgänger. Und der funktioniert: Wo Bond früher in 90 Minuten um die Welt jagte, um Bösewichte zu fassen, spielt ein Großteil der Handlung nun in Großbritannien. Lakonische Reminiszenzen auf frühere Werke durchziehen den gesamten Film und zünden fast immer.

Bond kehrt zu seinen Ursprüngen zurück, verkörpert den Agenten klassischen Typus. Mehr als das: Bond ist gebrechlich, macht Fehler, seine Hand zittert, wenn er zum Schießen ansetzt und die Kondition war auch schon besser. Mendes inszeniert ihn als analogen Helden in einer digitalen Welt. Online- und Offline-Welt stehen sich gegenüber, personifiziert durch Bond auf der einen und einen genialisch aufspielenden Javier Bardem auf der anderen Seite. Überhaupt Bardem: Was für ein Bösewicht, ein Lausbub mit tiefgreifendem Mutterkomplex - wunderbar! Homoerotische Annäherung an Bond, dass muss man sich erst einmal trauen.

Und sonst: Ein neuer Q (Ben Wishaw), der als digitaler Zauberer Bond aus der Zentrale heraus unterstützt. Passend zum Konzept des analogen Recken gibt er Bond nur zwei minimalistische Gadgets mit auf den Weg: Peilsender und Walther PPK - that's it - und spielt darauf an, dass sie so etwas wie explodierende Kugelschreiber (GoldenEye) schon lange nicht mehr herstellen.

Mendes schafft es mit der Rückbesinnung auf die Fähigkeiten eines analogen Helden und der geschickten Verflechtung in die Gesamtgeschichte der Saga einen fulminanten und mit starken Bildern ausgestatteten Beitrag zum 50jährigen Bondjubiläum abzuliefern.

II. "Aufgetakelt" von HomiSite


Die eigene Identität, der Platz im Leben - mit der Lizenz zum Töten im Auftrag Ihrer Majestät sollten dabei keine Zweifel herrschen. Die Aufgabe und damit die Stellung ist seit Jahrzehnten dieselbe - "rette die Cheerleaderin, rette die Welt", wie es andernorts einmal hieß, und obschon den weiblichen Bekanntschaften von James Bond oft kein Glück beschieden war, so erfolgreich war "007" beim Weltretten. Während Sean Connery oder Roger Moore noch den britischen Agenten verkörperten, waren Grenzen und Weltbilder eindeutig und unveränderlich. Und als Pierce Brosnan in den 1990ern von Remington Steele zu James Bond wurde, waren die Filme zunächst vom Ende des Kalten Krieges und einer unklaren Zukunft geprägt, verloren sich dann in spezialeffektvoller Hemmungslosigkeit um die Jahrtausendwende. Nur vier Jahre währte dann die Leinwandabstinenz der Geheimdienstikone, unterdessen zeigten jedoch andere, wie moderne Agentenaction aussieht. Seitdem kämpft Daniel Craig als aktueller Bond um die Kinobedeutung von Ian Flemings Figur und ließ 2008 in Ein Quantum Trost erkennen, dass abgekupferte Inszenierung, realistischerer Stil und jahrzehntelange Bond-Konventionen zusammen nicht der richtige Weg ist. Nicht der eigene. Also wieder vier Jahre Pause.

Skyfall. Am Boden. Umgeben von Krisen, Sozialabbau, Werteverlusten. Aber auch mit beiden Beinen auf der Erde. Der Blick gen Horizont. Wo? Wohin? Der Figur James Bond und damit den Verfilmungen eine Standort- und Identitätsbestimmung verschaffen. Woher? Eine klassische Actionszene eröffnet den 23. offiziellen Film, wilde Stunts und Verfolgungsjagden, aber im Gegensatz zum hektischen Ein Quantum Trost lässt sich das Geschehen auch erkennen (und leider ebenso die Stuntdoubles). Ein fehlgeleiteter Schuss aus den eigenen Reihen, ein Himmelssturz von einer Brücke und Bond erholt sich auf einer Tropeninsel, im Geheimen. Männer wie er steigen jedoch nicht aus und trinken den ganzen Tag kaltes Bier. Erst recht nicht, wenn statt eines Schurkenunterschlupfes am Filmende das Hauptquartier seines Arbeitgebers MI6 zu Beginn explodiert - nicht Skyfalls einziger motivischer Tapetenwechsel. Nicht in Topform, aber mit weiterhin neidisch machender Statur und Kondition, nimmt 007 die Arbeit auf und versucht wiederum klassisch, die graue Eminenz hinter dem Anschlag zu enttarnen. Exotische und recht wirr verbundene Plätze rund um den Globus stehen auf dem Plan, die James Bond über all seine Inkarnationen hinweg schon langsam alle kennen dürfte. Klassisch. Und modern inszeniert, doch nicht mit wildem Kameragehampel, sondern betörenden Bildern voller strahlend farbigem Licht und Kontrasten aus Hell und Dunkel, untermalt von gelungener Musik.

Dann das Zusammentreffen mit dem Schurken - James Bond geht gewohnt bewusst in die Falle -, der in einer Ruine haust und wortwörtlich aus dem Hintergrund hervortritt. Ex-Agent Silva (Javier Bardem) möchte nicht die Welt beherrschen, untergegangene Reiche zu neuer Größe führen oder Erdöl klauen. Er will Rache - an Bonds Vorgesetzter M (Judie Dench), von der er sich verraten fühlt. Diese emotionale Motivation zieht ein quasifamiliäres Dreieck zwischen den genannten Figuren auf und auch die MI6-Seite kämpft nicht selbstlos für die Queen: Beide, Bond und M, wollen beweisen, dass sie es noch drauf haben. Silva mag der Gegenspieler mit dem persönlichsten Antrieb der Bond-Ära sein, sicherlich einer der wunderlichsten: Redegewandt, Singsangstimme, jedoch etwas zu manieriert mit homosexuellen Anwandlungen. Insgesamt fast unfreiwillig komisch (deutsche Synchronisation?), zu berechnend-brav. Ein brillanter Hacker, doch solche - wieder einmal übertrieben mächtig bis unlogisch dargestellten - Fähigkeiten bleiben wenig greifbar, zumal er sich nicht dem Cyberterrorismus verschreibt und spätestens in Handgreiflichkeiten fern eines Laptops kaum Bedrohungspotential aufbaut.

Skyfall ruht also auf einem emotionalen Beziehungsgeflecht, zumal der Film in der zweiten Filmhälfte geradezu asketisch wird. Hilfreiches Agentenwerkzeug hatte der analoge Held, wie Tobberich ihn oben nannte, schon im Vorgänger kaum noch zur Hand, nun nicht einmal mehr ein Smartphone, sondern tatsächlich bloß die berühmt-langweilige Pistole Walther PPK samt billiger Leuchtdioden und einen sperrigen Peilsender, der wahrscheinlich nicht digital arbeitet. Überhaupt bleiben die Errungenschaften moderner Technik blass, dienen vor allem Silva oder bedürfen stets der Hilfe Bonds: Der neue Q (Ben Wishaw), ein eher nerviger Hipster-Nerd, fragt trotz Vollüberwachung stets, wo Bond genau was mache und gibt auch sonst keine glückliche Figur ab. Auf all diese Unterstützung verzichtet Bond, wenn er in plötzlich trister Umgebung den Feind zu sich kommen lässt, um diesen mithilfe der eigenen Vergangenheit zu schlagen. Der berühmte Aston Martin dient als wehrhaftes Gefährt, das in einer vergessenen Garage wie ausgemustert abgestellt war und gelegentlich wohl von Sean Connery poliert wurde.

Und wenn zum Schluss der emotionale Kreis sich schließt, wird erkennbar, dass eine James-Bond-Verfilmung zwar ohne überlebensgroße Standardzutaten funktionieren kann, aber so kein übermäßig spektakulärer Film herausspringt. Und die zum Ausgleich gedachte Zuschauerbindung zu den Charakteren bleibt zu zart, als dass Skyfall auf der Gefühlsebene glänzen könnte, denn trotz aller Vermenschlichung von Bond oder M bleiben diese immer noch Archetypen mit dem Gewicht eines halben Jahrhunderts auf ihren Schultern. Anfangs ein guter, teils neu geeichter Bond-Film mit leisen Reminiszenzen, schließlich ein nüchternes Actiondrama, welches dabei ohne 007 und Co. wohl besser funktioniert hätte, immer gekonnt inszeniert. Nun ist alles Fett weggeschnitten und gleichzeitig vieles wie zu Beginn der Saga. Auch oder gerade in heutigen Zeiten, in denen das Individuum in der allgegenwärtigen Vernetzung aufgeht, ist Bond von Bedeutung, ein Zeitloser gegen unklare Feinden in den Schatten.

James Bond wird einmal mit dem ehemals stolzen Segelschiff verglichen, das in einem Gemälde von einem Dampfer abgeschleppt wird. Doch mit geradezu archaischen Mitteln überlebt er - das vermeintlich alte Eisen - auch diese Mission und so pflügt in einem anderen Wandbild während der Einsatznachbesprechung folgerichtig eine Armada von Großseglern unter vollem Wind durchs Meer. Der Weg scheint frei, das Ziel sehen wir noch nicht.

SKYFALL, JAMES BOND 007 von Sam Mendes (R), Neal Purvis (B), Robert Wade (B) und John Logan (B), UK/USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Sonntag, 27. Mai 2012

Safe House (Afrika Boombaataa?)


Tobin Frost (Denzel Washington) ist ein abtrünniger CIA-Agent, der seit Jahren Geheimdienstinfos vertickt. Seit er aber in Besitz eines Datenspeichers ist, wird er von Brutalos gejagt und schließlich gezwungen, sich in der südafrikanischen US-Botschaft zu stellen. Zur Befragung bringt die "Firma" ihn in einen sicheren Unterschlupf, den Matt Weston (Ryan Reynolds) seit Monaten gelangweilt betreut. Nach einem Überraschungsangriff auf das Safe House befinden sich Frost und Weston auf der Flucht vor den schießwütigen Verfolgern, während die CIA-Vorgesetzten (Brendan Gleeson, Vera Farmiga, Sam Shepard) grübeln, ob Weston ein Verräter ist...

Mit Knarren und Karren durch Südafrika, zumindest zum WM-Stadion, in die Townships und aufs Land - das ist Safe House. Ein (humorloser) Buddy-Film, in dessen Verlauf sich Frost und der eigentliche Protagonist Weston natürlich annähern, angesiedelt im Schlapphutmilieu, wo jeder außer Weston ein doppeltes Spiel zu spielen scheint. Trotzdem oder gerade deswegen: Große Überraschungen darf man hier nicht erwarten. Zum Ausgleich gönnt sich der Film selten eine Verschnaufpause und präsentiert Verfolgungsjagden, Schießereien und Faustkämpfe in schöner Abwechslung. Safe House versucht dabei realistisch zu bleiben, gerät so jedoch selten eindrucksvoll. Bemerkenswert sind nur die mit wackelnder Kamera - eher nervig - festgehaltenen Prügeleien, die nichts mit eleganter Kampfkunst zu tun haben, sondern zu schweißtreibenden und blutigen Ausdauerschlachten werden. Zum Ende werden Ecken und Kanten noch schnell politisch/moralisch korrekt abgeschmirgelt und das solide, aber bald vergessene Hollywood-Debüt von Regisseur Daniel Espinosa ist nach knapp zwei Stunden vorbei.

SAFE HOUSE von Daniel Espinosa (R) und David Guggenheim (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universal Pictures