Posts mit dem Label Drama werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Drama werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 10. Oktober 2014

Under the Skin

Under the Skin erzählt wenig und erklärt nichts. Und er zeigt oft nichts - gefühlt minutenlange Einstellungen ohne Bewegung, nicht von der Kamera, auch nicht im Bild. Oder es ist überhaupt nichts zu sehen außer Schwärze. Vielleicht damit der Zuschauer narrative Leerstellen im Geiste füllen kann. Erfüllend ist dies jedoch nur bedingt, denn Under the Skin ist kein Film des Inhalts, die Ansatzspunkte zur Interpretation erscheinen ebenso umfänglich wie flach.

Under the Skin ist stattdessen ein Film der Bilder und der Töne. Langsam, diffus als auch offensichtlich beginnt der Film im Weltraum und man mag an die Eröffnung von Terrence Malicks The Tree of Life denken. Doch statt erhabenem Gesang wummern hier Geräusche, die als Lärm bezeichnet werden könnten - nicht zum letzten Mal. Die Bilder des Films wechseln zwischen artifiziellen Sequenzen und der fast dokumentarisch festgehaltenen Autofahrt Scarlett Johanssons durchs raue Schottland. Sie sucht Männer, einsame Männer, und verlockt diese mit der Aussicht auf unerwarteten Sex. Immer wieder und ausschließlich, mehr scheint die Namenlose nicht zu tun.

Under the Skin fordert den Zuschauer, nicht vom Verstand, sondern von der Ausdauer her. Das kann man dem Film positiv als auch negativ anrechnen. Er überrascht mit seinen Bildern, gibt sich jedoch nicht dem fortwährenden Farbrausch hin. Er lockt mit Scarlett Johanssons in dichtem Haar fast verschwindenden Gesicht und verweist damit fast schon dreist auf seinen Plot.

Under the Skin ist ein Erlebnis, das ohne Vorkenntnisse auf der großen Leinwand erfahren werden sollte (das teils unverständliche schottische Englisch passt gar zur allgemeinen Wortkargheit). Aber wenn der Zuschauer abseits des gängigen Blockbuster- und Arthouse-Kinos etwas bewandert ist, so ist es kein Film, der verstört. Emotional versucht er es nicht einmal ernsthaft und audiovisuell setzt Regisseur Jonathan Glazer (Sexy Beast) auf gezielte Reize. Kein "Mindfuck", sondern ein schleichender Trip mit harten Spitzen.

UNDER THE SKIN von Jonathan Glazer (R, B) und Walter Campbell (B), UK/USA/Schweiz 2013, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Film4/BFI/Senator

Samstag, 1. März 2014

Das finstere Tal

Zwei Pferde, ein Mann. Der Reiter (Sam Riley) erreicht Anfang des 20. Jahrhunderts kurz vor dem ersten Schnee ein abgelegenes Alpental. Misstrauische Bewohner erwarten ihn dort, Nebel und Schlamm. Der Unterschied zum Italowestern und dessen verkommenen Siedlungen, in denen Wildnis und Zivilisation um die Vorherrschaft ringen, ist klein. Land und Leute wolle der wortkarge Neuling namens Greider festhalten, mit moderner Fototechnik. Die Überwinterung wird ihm gestattet, denn im Tal entscheiden der Bauer Brenner (Hans-Michael Rehberg) und seine Söhne (Tobias Moretti u.a.). Die Hochzeit der jungen Luzi (Paula Beer) steht alsbald an, doch die Stimmung ist gedämpft. Da kommt es zum ersten Todesfall...

Das finstere Tal ist kein Film der Überraschungen. Der Titel selbst impliziert Abgründe und noch bevor Greider auftritt, werden düstere Vorgänge angedeutet. Und allein, dass ein Fremder in einem Ort mit einseitigen Machtverhältnissen erscheint, dürfte nicht nur Western-Veteranen auf das Kommende vorbereiten. Bis dahin vergeht jedoch einige Zeit. Wie der Winter das Land, so hat die behutsame und wortkarge Alltagsschilderung im Tal den Film in Beschlag genommen. Und so wie der Frühling zunehmend herbeigesehnt wird, erwartet der Zuschauer das Ausbrechen der Gewalt.

Diese kommt, aber zuerst beiläufiger, versteckter, kleiner. Wie vieles in Das finstere Tal, diesem Western im Herzen Europas, kleiner ist als in der weitläufigen Prärie Amerikas: Die Familien-Bande besteht nur aus einer Handvoll Personen und mit Pistolen am Gürtel läuft niemand herum. Sam Riley als Greider ist alles, nur kein harter Cowboy; man wundert sich fast über seinen (sorgfältig entfernten) Bartwuchs. Die spärlichen Ansiedlungen im Tal bilden nur wenige urige Häusern, gedrungene und gleichzeitig gewaltige Holzklötze, doch im Innern hängen alle Decken niedrig.

Zum Ausgleich beeindruckt das Gebirgspanorama der umliegenden Alpen, wenn nicht gerade schlechtes Wetter erneut die Sicht behindert. Umso mehr ist dann das Gehör gefordert. Brachial ächzen die Holzbalken, jeder Schritt im Schnee knirscht gewaltig, der Wind pfeift. Hinzu kommt in ausgewählten Momenten basslastige und alles überlagernde Musik. Und wenn schließlich die Gewehre die lärmende Stille unterbrechen, verteilen sich Blut und Schmerzensschreie im Tal.

So geht Das finstere Tal dann weitgehend wie erwartet zu Ende, Greider hinterlässt gesellschaftlichen Fortschritt im Tal, so ist zu hoffen. Erzählerisch ist der Film daher weniger interessant, auch die Action ist zwar intensiv, aber kurz. Doch die Atmosphäre dieses entschleunigten Westerns der verschobenen Art ist absolut einnehmend, Bild und Ton stechen hervor - allein wegen der österreichischen Sprache, die den Zuschauer selbst zum Fremden im Tal macht.

DAS FINSTERE TAL von Andreas Prochaska (R, B) und Martin Ambrosch (B), Österreich/Deutschland 2014, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © X Verleih

Sonntag, 6. Oktober 2013

Rush - Alles für den Sieg


Vielleicht geht es nur mir so, aber das ständige Umkreisen eines Rundkurses erscheint auf den ersten Blick nicht wie der perfekte Hollywoodstoff. Regisseur Ron Howard hat sich trotzdem an die Umsetzung gewagt.

Von der ersten Sekunde fühlt man sich zurückversetzt in die 70er: Detailgetreu, in Kodakfarben getaucht und mit ohrenbetäubender Soundkulisse setzt Howard das Drehbuch von Peter Morgan um. Niki Lauda (Daniel Brühl) und James Hunt (Chris Hemsworth) stehen sich gegenüber: Als unliebsamer Streber auf der einen und als leidenschaftlicher Lebemann auf der anderen Seite; als akribischer Techniker hier und als lässiges Naturtalent dort. Aus der Unterschiedlichkeit ziehen sie ihre Motivation, sich gegenseitig bis an die Grenzen zu führen - bis alles am 1. August 1976 im fast tödlichen Unfall von Lauda gipfelt.

Besonders Brühl gelingt es, seine Rolle glaubhaft zu verkörpern. Hemsworth hingegen bleibt vergleichsweise blass. Der Brite Hunt ist im Drehbuch aber auch die weniger facettenreiche Figur. Dennoch fiebert man mit den beiden Streithähnen trotz ihrer Gegensätzlichkeit mit. Alexandra Maria Lara spielt übrigens die Frau von Niki Lauda - kann jedoch in ihrer Rolle keine Akzente setzen.

Insgesamt ist Rush ein temporeicher Sportfilm, mit großartigen Rennsequenzen sowie gleichzeitig eine grandiose Charakterstudie. Die Story ist simpel, dennoch gelingt es Howard, den Zuschauer zu fesseln. Bei soviel Benzin in der Luft ist es nach zwei Stunden dann auch egal, ob man Formel-1-Fan ist.

RUSH von Ron Howard (R) und Peter Morgan (B), USA/UK/D 2013. Mit Chris Hemsworth, Daniel Brühl, Olivia Wilde, Alexandra Maria Lara u.a. IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film

Sonntag, 14. April 2013

Shortcuts: In der Hitze von L.A., Julia X & The Dead Outside

In der Hitze von L.A.


Der deutsche Filmtitel ist ebenso verfehlt wie "heiße Tamale", die Übersetzung des Originalnamens, denn Erotik und Essen sind nur Randerscheinungen - nackte Tatsachen und Lateinamerikaner kommen immerhin vor. Von einer tieferen Bedeutung des Titels braucht man nicht auszugehen, schließlich spielte Regisseur Michael Damian sein Leben lang in einer Daily Soap mit und Protagonist Harlan wird von Randy Spelling dargestellt, dem Sohn des TV-Produzenten Aaron Spelling. Aus dessen Serie Beverly Hills, 90210 schaut Jason Priestley für einen kurzen Gastauftritt vorbei, auch sonst sieht man ein paar bekannte Gesichter in Nebenrollen. Am Ende holt sich Carmen Electra noch ihre schnell verdiente Gage ab und damit war das Budget aufgezehrt: Die Polizei muss in normalen Autos herumfahren, Streifenwagen waren nicht mehr drin. Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Harlans Vaters, wird jedoch alsbald vergessen. So macht sich der Spross vom Lande auf in die große Stadt, um dort sein Glück zu finden. Alle Klischees erfüllend landet der Salsa-Schlagzeuger (!) ohne größere Probleme in einer Band und kommt im Vorbeigehen mit der attraktiven Tuesday (Diora Baird) zusammen. Harlan gerät aber in den Fokus von zwei Gangstern, die schließlich seine Freundin entführen, womit Diora Baird dann auch öfters abwesend ist bzw. nicht bezahlt werden musste. Doch trotz der einfallslosen Handlung und einer zu gewollt wirkenden Kamera und Montage wartet In der Hitze von L.A. mit überraschend lockeren Sprüchen und lustigen Szenen auf, was den stets durchschaubaren Film kaum langweilig werden lässt.

IN DER HITZE VON L.A. bzw. HOT TAMALE von Michael Damian (R, B) und Janeen Damian (B), USA 2006, IMDb, RT, FZ

Julia X


Kevin Sorbo entlarvte in der Werbung falschen "Jim Beam" und prügelte sich später als Hercules mit altertümlichen Göttern und Sagengestalten. In Julia X entpuppt er sich bald als Triebtäter und bei dessen Darstellung hat der meist auf Helden abonnierte Sorbo sichtbar Spaß. Vielleicht auch, weil der Killer sehr entspannt und gut gelaunt zu Werke geht. Dies ist aber leider seiner Bedrohlichkeit abträglich, steigert dagegen den Unterhaltungswert, wenn er seinem Blind-Date-Opfer Julia (Valerie Azlynn) entgegenschleudert: "Meine Manieren sind nicht mehr die allerbesten, aber dumme Fotzen wie du sind daran Schuld!" Pech für ihn, dass die "Fotzen" alsbald den Spieß umdrehen und sich eine Art extremer Rosenkrieg entspinnt. Dabei scheint das Geschehen von der Außenwelt entkoppelt und niemand nimmt Notiz von den blutigen Auseinandersetzungen. Probleme bekommt Julia X durch seine Unentschlossenheit: Nominell eine schwarze Horrorkomödie, jedoch sowohl nicht witzig als auch nicht erschreckend genug. Und viel zu ausführliche Versuche, die Charaktere mit Tiefe zu füllen, führen ebenso ins Leere. Desinteresse an den Figuren, der durchaus wendungsreichen Geschichte und damit dem Film ist die Folge.

JULIA X von P. J. Pettiette (R) und Matt Cunningham (B), USA 2011, IMDb, RT, FZ

The Dead Outside


Eine Seuche greift um sich, lässt die Infizierten wahnhaft herumirren und aggressiv nach Hilfe verlangen. Die Zivilisation ist wohl noch nicht untergegangen, auf dem englischen Land aber bereits abwesend. Daniel (Alton Milne) sucht Unterschlupf in einem Haus und trifft dort auf die verschlossene April (Sandra Louise Douglas). Die Zweckgemeinschaft harrt der Dinge, bis eine Außenstehende (Sharon Osdin) auftaucht und das Gleichgewicht bedroht. The Dead Outside ist ein unspektakuläres Kammerspiel, welches die psychischen Belastungen nur anreißt und zudem die interessante Idee der irrsinnigen, aber zu unbedrohlichen "Zombies" kaum beleuchtet. Stattdessen nerven eingestreute Erinnerungen und Halluzinationen sowie eine wackelige Kameraarbeit. Die farbarme Digitaloptik kippt bisweilen gar ins Experiementelle mit harten Kontrasten, Unschärfen und unübersichtlichen Zooms. Was den langweiligsam erzählten, stellenweise recht atmosphärischen Film dann völlig abstürzen lässt, ist die groteske deutsche Synchronisation; die absurde Betonung macht die Dialoge zu dilettantischen Sprechübungen. Doch auch ohne diese Ausfälle ist der Wille der Macher zwar erkennbar, findet sich jedoch viel zu selten im Film wieder.

THE DEAD OUTSIDE von Kerry Anne Mullaney (R, B) und Kris R. Bird (B), UK 2008, IMDb, RT, FZ

Sonntag, 31. März 2013

Shortcuts: Argo, Gnade & Kiss Kiss Bang Bang

Argo


Drei Oscars bekam Ben Afflecks dritte Regiearbeit Argo, inklusive "Bester Film" - für mich nur erklärbar durch den sehr amerikanischen Hintergrund: In den USA dürfte die Geiselnahme von Teheran weit bekannter als im Ausland sein, in deren Umfeld die CIA einige untergetauchte Amerikaner im Rahmen eines vorgegaukelten Filmdrehs aus dem Iran schmuggelte. Nach einem eindrucksvollen Beginn schildert Argo die Entwicklung und Vorbereitung des wahnwitzigen Plans, was zugleich einen Einblick in die Filmwirtschaft Ende der 1970er und Anfang der 80er gewährt. Der Film krankt trotz gediegener Inszenierung mit ausgewaschenen und grobkörnigen Bildern und einer authentisch wirkenden Ausstattung jedoch an der Dramatik seiner Ereignisse. Zum einen wird der vorgebliche Film (Science Fiction!) gar nicht gedreht, zum anderen ist der Verlauf der Aktion überraschend unspannend. Stolpersteine sind als solche klar erkennbar, die tatsächliche Flucht verläuft dann trotzdem zügig und glatt. Dies mag alles der realen Vorlage geschuldet sein, aber Argo ist eben keine Dokumentation und das Bedrohungsgefühl bei dem durchgehend feindseligen Umfeld schlicht zu gering.

ARGO von Ben Affleck (R) und Chris Terrio (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ

Gnade


Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) wandern mit ihrem Sohn Markus (Henry Stange) aus beruflichen Gründen nach Norwegen aus. Der finstere Winter schlägt bald aufs Gemüt, auch weil sich die Familienmitglieder unterschiedlich schnell einleben. Doch dann überfährt Maria ein Mädchen und begeht Fahrerflucht... Gnade heißt der dreisprachige Film und diese wird der Familie nicht verwehrt. Ein hochemotionaler Leidensweg dahin bleibt jedoch aus, stattdessen wechseln sich die Charaktere regelmäßig als Unsympathen ab - das Mitgefühl des Zuschauers ist entsprechend gering. Hinzu kommt eine ziellose Episode um den Sohn, die an Benny's Video erinnert, aber zu losgelöst vom Rest des Films verläuft. So bleiben nur schöne Naturaufnahmen sowie knarzendes Holz und heulender Wind im winterlichen Norwegen. Und eine erschütternd unbeholfene Kommentierung der Filmhandlung durch ein Konzert im Rahmen eines weiteren überflüssigen Erzählstrangs.

GNADE von Matthias Glasner (R) und Kim Fupz Aakeson (B), Deutschland 2012, IMDb, RT, FZ

Kiss Kiss Bang Bang


Der eher trottelige Kleinkriminelle Harry Lockhart (Robert Downey Jr.) landet zufällig als Schauspieler in Los Angeles und bald darauf mitten in einem vertrackten Mordfall, den er zusammen mit dem abgeklärten Privatdetektiv "Gay" Perry van Shrike (Val Kilmer) zu überstehen und aufzuklären versucht. Downey Juniors damaliger Comeback-Film ist gleichzeitig das Regiedebüt von Shane Black, der erst mit Iron Man 3 wieder als Regisseur tätig wurde. Sein empfehlenswerter Kiss Kiss Bang Bang ist eine clever konstruierte Groschenroman-Krimikomödie mit so spielfreudigen wie gegensätzlichen Protagonisten und schwarzem Humor, weist aber auch manch düstere Untertöne wie Kindesmissbrauch auf.

KISS KISS BANG BANG von Shane Black (R, B), USA 2005, IMDb, RT, FZ

Mittwoch, 6. Februar 2013

Zero Dark Thirty (Der dritte Mann)


Die offizielle Wahrheit besagt, dass Osama bin Laden nach einer fast zehnjährigen Suche ausfindig gemacht und im Mai 2011 von einer US-Spezialeinheit erschossen wurde. Diese Geschehnisse schildert Zero Dark Thirty und beginnt dabei an "9/11", mit einem schwarzen Bild. Telefongespräche wegen des ersten Flugzeuges sind zu hören, aber nichts ist zu sehen. Die Zwillingstürme des World Trade Centers werden nicht gezeigt, wie auch Osama bin Laden weitgehend ohne Gesicht bleibt. Auf die berühmtesten Bilder des letzten Jahrzehnts verzichtet Regisseurin Kathryn Bigelow und wendet sich dem zu, wovon es keine Aufnahmen gibt. Der Großteil der zweieinhalb Stunden handelt von CIA-Agenten auf der mühseligen Bin-Laden-Jagd, insbesondere von Maya (Jessica Chastain). Kurz nach den Anschlägen vom 11. September besucht sie ein Geheimgefängnis, wo sie Dan (Jason Clarke) trifft, der der "enhanced interrogation" frönt und Informationen aus Häftlingen herauszufoltern versucht. Über das drastische Vorgehen gerät Maya nur kurz aus der Fassung, dann ist es auch für sie Alltag.

Der Film folgt Maya durch die Jahre ihrer Ermittlungen und Befragungen, reale Terrortaten werden aufgegriffen und immer wieder der Schauplatz gewechselt. Eine Übersicht wäre ohne Jahres- und Ortseinblendungen schwer, Zusammenhänge, Rückschläge oder Durchbrüche der Jagd werden nicht immer deutlich - diese Struktur spiegelt die Suche nach der Nadel im islamistischen Heuhaufen wider. Die Charaktere bleiben in Zero Dark Thirty ebenfalls schwer fassbar: Persönliche Details werden, wenn überhaupt, nebensächlich vermittelt, die CIA bestimmt das Dasein, die Terroristenhatz ist zur Lebensaufgabe geworden. Teil des allumfassenden Jobs ist Folter, von ganz oben verordnet. Gezeigt werden Waterboarding und anderes in deutlichen, obschon nicht zu verstörenden Bildern, die Hauptfiguren setzen sich mit ihrem Tun nicht auseinander. Der Film entzieht sich einer klaren moralischen Stellungnahme, entsprechende Äußerungen von Protagonisten lassen sich unterschiedlich auslegen.

Osama bin Ladens Aufenthaltsort scheint schlussendlich gefunden und er soll erledigt werden, weswegen Special Forces mit Hubschraubern des Nachts ausrücken. Es folgt als Finale eine ausgeprägte Actionszene, untermalt von extrem bassigen Rotorengeräuschen und Explosionen. Doch das Verhalten der Soldaten ist das genaue Gegenteil: Leise und ruhig gehen sie vor, mit Nachtsichtgeräten und schallgedämpften Einzelschüssen - keine Hollywood-Schießerei, mit einem passend unspektakulären Ausgang.

Zero Dark Thirty schafft es, die im Kern allgemein bekannte Geschichte fesselnd zu erzählen. Ob die Herangehensweise in einer Art dramatisierten Dokumentation angemessen ist, gibt Anlass zur Diskussion. Es ist nicht zu übersehen, dass der Film das amerikanische Publikum nicht aufregen, sondern oberflächlich wertfrei ein traumatisierendes Kapitel moderner US-Geschichte bildlich festhalten und gleichzeitig abschließen soll. Im Zusammenspiel mit der oft bruchstückhaften Figurenzeichnung mag sich daher Distanz beim skeptischen Zuschauer einstellen. Kritik schimmert dann aber doch stärker durch: So hat Dan irgendwann genug von seinem Tagewerk - wenn auch diffus begründet - und Folter führt nie zu den wichtigen Erkenntnissen. Die Protagonisten werden dabei aus der Schusslinie genommen (z.B. wird Abu Ghraib nur namentlich erwähnt), die Vorgesetzten und schlussendlich die Regierungsdoktrin geben das Ziel vor: Bringt uns Leute zum Töten. So viel zur Rechtsstaatlichkeit, trotzdem erledigen die Agenten pflichtbewusst ihre Arbeit, können sie irgendwann gar nicht mehr hinterfragen, zu viel Zeit und Blut ist investiert worden.

Kathryn Bigelow schaut also auch in den Hurt Locker: Maya, die zwar selbst nie handgreiflich wird, hat ihr Leben auf den Tod Bin Ladens ausgerichtet, sie würde dazu ein ganzes Haus wegbomben, ungeachtet unschuldiger Mitbewohner. Als es am Ende "mission accomplished" heißt, ist auch sie am Ende: Wie der Soldat in Tödliches Kommando, so existiert der Agent für den Krieg, geht darin auf. Und ohne solche Aufgabe kein Lebenssinn?

Derartige Aspekte hätte man im Film sicher stärker herausarbeiten können oder vielleicht gar sollen, so bleibt insgesamt viel Distanz bestehen, trotz überraschend spannender Erzählung, gekonnter Inszenierung und trefflicher Besetzung. Leider wird wie schon in Tödliches Kommando nicht auf eine etwas melodramatische und vor allem allzu absehbare Nebenhandlung verzichtet. Aber wenn es so gewesen sein soll...

ZERO DARK THIRTY von Kathryn Bigelow (R) und Mark Boal (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universal Pictures

Dienstag, 29. Januar 2013

Flight


What a night! Was für andere eine durchzechte Nacht wäre, scheint für Whip Whitaker (großartig: Denzel Washington) Routine zu sein: In der einen Hand eine Zigarette, neben sich eine junge Dame, die gerade in ihren Schlüpfer steigt, und am Telefon erkundigt sich seine Exfrau, wo denn die aktuelle Unterhaltszahlug bliebe. Kurz noch eine Nase Koks gezogen und drei kleine Wodkafläschen geleert, bevor der amerikanische Inlandsflug aus Orlando losgeht. Whip Whitaker ist der Pilot.

Die eingeübte Routine aus Drogen, Alkohol und Frauen gerät aus der der Balance, als sich das Höhenleitruder seines Flugzeuges verabschiedet. Mit einem waghalsigen Manöver gelingt es Whitaker, die Maschine im Gleitflug auf einem freien Feld zu landen und dem Großteil der Passagiere und Crewmitglieder das Leben zu retten. Für seine außergewöhnliche Leistung wird Whip, der das Unglück leicht verletzt überlebt hat, zunächst als Held gefeiert. Doch die Verehrung schlägt um, als der toxikologische Bericht offenbart, dass er während des Fluges mehrere Promille Alkohol im Blut hatte.

Nach der spektakulär inszenierten Absturzszene ändert sich die Tonalität des Filmes zusehends vom mitreißenden Katastrophenfilm zu einem psychologisch komplexen Drama. Dazu passt, das Flight im Englischen sowohl Flug als auch Flucht bedeuten kann, denn Whip flieht stets vor den Konsequenzen seiner Handlungen. Im Krankenhaus lernt er die drogenabhängige Nicole (Kelly Reilly) kennen. Im Laufe des Filmes werden sie ein Paar, mehr noch, zu einer Schicksalsgemeinschaft. Beide sind abhängig von Rauschmitteln, doch während sie unbedingt davon loskommen will, sieht Whip die Notwendigkeit dafür nicht: In einer Rekonstruktion des Unfalls wurde ermittelt, dass alle zehn an dem Versuch beteiligten Piloten mit dem Flugzeug abgestürzt und somit jeder Mensch an Bord gestorben wäre. So kann sich Whip einreden, dass seine Sucht nicht die Ursache für den Absturz war. Vielleicht denkt er sogar, dass sie ihm zu übermenschlichen Taten verhilft.

Regisseur Robert Zemeckis stellt den Zuschauer bis zuletzt vor die Entscheidung, wie er zu dem Menschen steht, der zwar fast hundert Menschen vor dem sicheren Tod bewahrte, gleichzeitig jedoch verantwortungslos mit deren Leben gespielt hat. Der in der Folge weiterhin verantwortungslos bleibt und sich seiner Sucht hingibt. Die Bewertung seiner Handlungen bleibt lange Zeit offen und hierin liegt eine der großen dramaturgischen Stärken des sonst überschaubar ambitionierten Plots. Ist Whip eine verdammt coole Sau, die zugekokst noch lässig ein Flugzeug fliegt, oder muss man ihn nach rechtlichen Maßstäben beurteilen? Dann wäre er ein Krimineller. Sollte sein Verhalten vom Ergebnis oder vom Grundsatz her beurteilt werden? Am Ende des Films findet Zemeckis für diesen spannenden Konflikt eine allzu moralische Lösung. Dennoch ist Flight auch aufgrund des stark aufspielenden Ensembles um Denzel Washington einen Kinobesuch wert.

FLIGHT von Robert Zemeckis (R) und John Gatins (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © StudioCanal

Mittwoch, 23. Januar 2013

Der Geschmack von Rost und Knochen


Der Geschmack von Rost und Knochen ist ein außerordentlicher Liebesfilm des französischen Regisseurs Jacques Audiard - ein Film, der übersehen wurde und das gleich zweimal. Weder bei den Filmfestspielen in Cannes noch bei den Golden Globes konnte der Film mit Marion Cotillard in der Hauptrolle einen der begehrten Preise gewinnen. Es kommt noch schlimmer: Für einen Oscar ist der Film gar nicht nominiert. Um zu verstehen, warum das eine schreiende Ungerechtigkeit ist, fängt man am Besten mit der Geschichte an.

Alain, kurz Ali (Matthias Schoenaerts), flüchtet aus dem Norden in den Süden Frankreichs. Er ist ein Hüne von beeindruckender physischen Präsenz. Zusammen mit seinem kleinen Sohn kommt er bei seiner Schwester unter. Ali ist wohl das, was man am ehesten einen Landstreicher und Herumtreiber nennen kann. Als Türsteher einer Diskothek verdient er zunächst sein Geld und lernt dabei die schöne Stephanie (Marion Cottillard) kennen, die vor dem Club in eine Schlägerei verwickelt wird. Er bringt die Betrunkene nach Hause und lässt ihr seine Nummer da, falls sie sich wieder melden möchte. Wahrscheinlich hätte sie das nie getan, denn so richtig gefunkt hat es zwischen den Beiden nicht. Doch einige Zeit später ändert sich Stephanies Leben schlagartig: Sie arbeitet in einem Sea Life Centre und animiert dort Killerwale zu Kunstücken für die Zuschauer. Eines Tages gerät eine Show außer Kontrolle, sie fällt ins Becken und verliert beide Unterschenkel. Von nun an muss sie ihr Leben im Rollstuhl bestreiten.

Im Vergleich zum ebenfalls aus Frankreich stammenden Ziemlich beste Freunde ist Der Geschmack von Rost und Knochen aber keine Komödie, im Gegenteil, Stephanie stürzt in eine tiefe Depression und verliert ihren Lebensmut. Aus der strahlenden Schönheit wird ein körperliches und seelisches Wrack. In ihrer Verzweiflung meldet sie sich bei Ali, der sie aus ihrer trostlosen Sozialwohnung hinaus in die Welt bringt und mit ihr zum Strand fährt. Als sie mit ansehen muss, wie dieser ins Meer springt, überkommt sie neue Zuversicht und lässt sich von ihm ins Wasser tragen. Eindrucksvoll vermittelt Cotillard, wie neue Lebensfreude in die abgemagerte Stephanie fährt.

Man könnte vermuten, dass der Film von da an in eine kitschige Liebesschnulze abdriftet - mitnichten. Regisseur Audiard beschreibt die Annäherung zwischen den beiden so unterschiedlichen Charakteren völlig unsentimental. Ali, der sein Geld auch mit brutalen Zigeunerkämpfen verdient, bei denen es ohne Regeln zugeht, ist ein gleichgültiger Mensch. Beinahe ein wildes Tier, das seinen Urinstinkten folgt, um zu überleben. Sein Sohn ist da eher ein notwendiges Übel, das er erträgt, nicht weil er will, sondern muss. Ali fragt Stephanie völlig selbstverständlich, ob er mit ihr schlafen soll, damit sie danach weiß, ob das noch geht. Menschliche Bindungen scheinen ihm fremd. Er ist ein von der Gesellschaft Ausgegrenzter, dem es gelingt, Stephanie wieder in das Leben zurückzuholen. Zusammen sind sie stärker als jeder für sich alleine. Sie ziehen sich an und stoßen sich ab. Sie ist bei seinen Kämpfen dabei, bekommt Prothesen und lernt zu laufen. Er lässt sie immer näher an sich heran - der Schläger und die Behinderte lernen einander zu lieben. Im Verlauf des Filmes immer ein Stückchen mehr, aber bis kurz vor Schluss nie ganz.

Der Geschmack von Rost und Knochen ist wuchtig und gleichzeitig poetisch. Grausam und wunderschön im selben Moment. Man wünscht beiden Figuren, dass sie zusammen im Leben ankommen, doch während man hofft, ahnt man, dass sie es schwer haben werden. Ebenso wie man vergebens hofft, dass dieser Film noch große Filmpreise gewinnen wird, die ihm aufgrund seiner Qualität zustehen.

DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN bzw. DE ROUILLE ET D'OS von Jacques Audiard (R, B) und Thomas Bidegain (B), Frankreich/Belgien 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Wild Bunch

Freitag, 2. November 2012

Die Wand (No Brick in the Wall)


Das Unbekannte treibt uns um, sei es aus Angst, sei es aus Neugier. Unbekannt, gar unerklärlich ist die nicht sichtbare Barriere, welche über Nacht eine Frau (Martina Gedeck) in einem abgeschiedenen Alpental eingesperrt hat. Über diese Wand kann sie wenig herausfinden, aber dass sie der einzige Mensch innerhalb der völlig undurchdringlichen Mauern zu sein scheint, ist bald nicht mehr zu leugnen. Sie lässt ab von der Erkundung der Grenzen ihres Gefängnisses, gibt sich der Ungewissheit hin - aus den Augen, aus dem Sinn - und flieht vor ihren Gedanken in harte körperliche Arbeit. Doch auf Dauer können ihre wenigen Tiergefährten und das mühselige Tagewerk sie nicht von ihrem Inneren ablenken...

Ihre Gedanken vernimmt der Zuschauer früh, denn die Verfilmung von Marlen Haushofers gleichnamigem und mir unbekanntem Roman fußt auf ausführlichen Schilderungen und Monologen der Frau als zurückblickende Tagebuchschreiberin. Sie muss schreiben, denn sie könnte zwar reden, aber keiner hört sie. Leider ist das Voice-over stets präsent, beschreibt zu Beginn häufig und überflüssig das aktuell gezeigte Geschehen und entfernt sich langsam von den Bildern, bis diese teils als bloße Illustrationen des Erzählten wirken und der eigentliche Filmton gar verstummt.

Das Gesagte - meines Wissens direkt aus dem Buch übernommen - ist dabei von formaler Schlichtheit als auch inhaltlicher Wirkmächtigkeit. Die Frau nähert sich in der Abgeschiedenheit ihrem Seelenleben und dem des Menschen an sich in beinahe naturphilosophischer Meditation (manch ausgeprochene Erkenntnisse geraten zu gewollt und kitschig, andere überaus anregend). Martina Gedeck mit nuanciertem Spiel intoniert ihren Text stets gefasst, aber das Zerbrechen schimmert durch.

Doch den emotionalen Schock, den Zusammenbruch erleidet sie nie offen - Die Wand verweigert sich der audiovisuellen Gefühlsdarstellung in einer Extremsituation, dreht im Zweifel noch den Ton ab. Stumme Schreie, denn die Frau wird von niemandem vernommen. Trotzdem irritiert diese zumindest oberflächliche Selbstbeherrschung der einzigen Protagonistin, zumal sie als Großstädterin unglaubwürdig wenig Probleme hat, sich auf das einsame Landleben von der Hand in den Mund einzustellen.

Angesichts ihrer Herkunft könnte man eingangs auch einen stärkeren Forscherdrang bezüglich der Wand annehmen, selbst wenn keine fortwährenden Fluchtversuche erwartet werden. Ist die frühzeitige Akzeptanz ihrer Gefangenschaft Zeichen der Resignation oder braucht sie diese Kraft, um zu überleben? Und ist ihr Leben wirklich eines oder nur eine reine Existenz (vor der sie sich fürchtet, wie sie einmal bei der Betrachtung von Mensch und Tier ausführt)?

Die Wand entfaltet mit Martina Gedeck vor dem faszinierenden bis bedrückenden Bergpanorama eine nicht zu leugnende Sogwirkung und scheitert doch als Film, als "motion picture". Keinesfalls sind die Bewegtbilder unwichtig, aber wirken durch die Lein-Wand oft abgeschottet vom Mittelpunkt des Films, der allgegenwärtigen Erzählerin. Dass das Geschehen dramaturgisch eher gemächlich und wenig überraschend gerät, hilft nicht, falls man zum bäuerlichen Dasein der Frau keine besondere Bindung aufbauen kann oder aus formalen Gründen auf Distanz gehalten wird. Beeindruckend ist Die Wand jedoch stets.

DIE WAND von Julian Roman Pölsler (R, B), Deutschland/Österreich 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © StudioCanal

Sonntag, 16. September 2012

A Lonely Place to Die (Trockenbrotzeit)


Eine Gruppe Bergsteiger findet im schottischen Hochland ein Erdloch mit einem gefangenen Mädchen darin, doch dessen Entführer schlagen blutig zurück. Mehr muss vorerst zum Inhalt nicht gesagt werden und das beeindruckende Gebirgspanorama samt erster Klettereinlagen lassen auf eine spannende Extremjagd über Stock und Stein hoffen. Obligatorisch wird die fünfköpfige Kraxeltruppe näher vorgestellt und es wird deutlich, dass Alison (Melissa George) die Protagonistin ist, während der dauernörgelnden Ed (Ed Speleers) die Geduld der anderen strapaziert, insbesondere die von Alex (Garry Sweeney), der mit Jenny (Kate Magowan), dem Hottie der Bergfreunde, zusammen ist. Psychologische Spannungen liegen in der Luft. Dann wird das Mädchen Anna (Holly Boyd) gefunden und die Gruppe trennt sich, um schneller die Polizei im nächsten Dorf benachrichtigen zu können - Handys funktionieren natürlich nicht.

Gelungen irreführend erfolgt der Auftritt der Entführer (Sean Harris und Stephen McCole), die zufällig in der Nähe sind und mal eben ein paar Wilddiebe killen. Denn ohne deren Gewehre würde der Film nicht funktionieren. Unsere Bergsteiger wissen noch nicht, dass sie verfolgt werden, und diese Ungewissheit transportiert A Lonely Place to Die ordentlich. Schnell gibt es die ersten Verluste, doch dauert es, bis überhaupt bemerkt wird, dass es keine tödlichen Unfälle waren. Leider entscheidet sich der Film gegen echte Verfolgungsjagden: Die Protagonisten rennen zwar hochdynamisch gefilmt davon, aber die beiden Schufte mit ihren erbeuteten Präzisionsgewehren ballern bloß entspannt hinterher. Von steilen Felswänden und tiefen Abgründen ist alsbald nichts mehr zu sehen, stattdessen ein lichter Gebirgswald. Die angedeuteten psychologischen Konflikten innerhalb der Gruppe entladen sich nicht, jegliche Charakterisierungen zu Beginn verpuffen und emotional bewegt von den Schicksalen ihrer Freunde ist auch niemand.

Das Gebirge ist ein harter und gefährlicher Ort, aber der Film lässt eine gewisse Physis vermissen: Die Gejagten leiden und bluten kaum, ein verstauchter Knöchel ist das Schlimmste, was ihnen passiert (außer halt unter saftigen Blutfontänen erschossen zu werden). Schlussendlich wird das abendliche Dorf erreicht, in dem ein nicht näher erklärtes Straßenfest mit wild bemalten Highlandern und halbnackten Tänzerinnen stattfindet. Zwischenzeitlich wurde noch eine dritte Partei eingeführt, der viel zu viel Zeit gewidmet wird und die Geschichte mit unnötigem Gelaber weiter ausbremst (wahrscheinlich freuten sich die Macher, dass sie Karel Roden verpflichten konnten). In den belebten Gassen laufen sich dann alle Beteiligten andauernd über den Weg, einige Passanten werden zu Kollateralschäden, während sich Alison strunzdumm verhält. Wer auf den typischen Gegenangriff der Heldin nach langem Leiden hofft, wird enttäuscht. Dies kann A Lonely Place to Die aber kaum weiter schaden, zu gewöhnlich und spannungsarm wurde bereits auf das Ende zugegangen. Und wenn einer der Entführer sich dann noch eine Schweinsmaske aufsetzt und mehrmals ein Grunzen (!) beigeschmischt wird, könnte man darüber fast den unsäglichen Einsatz viel zu zahlreicher Zeitlupenszenen vergessen.

30 Sekunden soll der freie Fall dauern, wenn man von der Eiger-Nordwand stürzt, wird einmal gesagt. Ganz so schnell passiert der qualitative Absturz von A Lonely Place to Die nicht, der Aufprall ist aber ähnlich schmerzhaft.

A LONELY PLACE TO DIE - TODESFALLE HIGHLANDS von Julian Gilbey (R, B) und Will Gilbey (B), UK 2011, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Ascot Elite

Dienstag, 11. September 2012

20th Century Boys - Complete Saga (Find Happiness)


Hohes Gras, nicht grün, braun stattdessen, ausgewaschen, vergilbt. Die Kindheit einer Gruppe von Schulfreunden im Japan des Jahres 1969 ist in Sepiafarben getaucht. In ihrer Höhle in den wuchernden Wiesen ihres Dorfes erschaffen sie das "Buch der Prophezeiungen", mehr malen als schreiben sie von düsteren Heimsuchungen, die in der Zukunft die Menschheit treffen werden. Kindliche Fantasien von Monstern, Aliens, Helden und dem Ende der Welt. Fast 30 Jahre später gewinnt eine merkwürdige Sekte an Einfluss, angeführt vom maskierten "Freund", der das damalige Symbol der Kinder benutzt. Und bald werden ihre Prophezeiungen zur Realität. Wer von ihnen ist der Freund, was hat er vor, wie kann man ihn aufhalten?

20th Century Boys basiert auf der mir nicht bekannten Manga-Saga gleichen Titels von Naoki Urasawa, die von Regisseur Yukihiko Tsutsumi in drei Teilen am Stück verfilmt wurde (trotz eines Millionenbudgets ist eine gewisse Fernsehoptik nicht zu leugnen inklusive schwankender Spezialeffekte; ein japanischer TV-Sender stemmte diese nationale Großproduktion). Zugänglich ist das Werk aus mehreren Gründen nur bedingt: In Deutschland erschien bisher einzig der erste Film unsynchronisiert, die Complete Saga ist immerhin mit englischer Untertitelung erhältlich. Doch vor allem inhaltlich sind Eingangshürden vorhanden: Ungefähr ein Dutzend Protagonisten, eine Vielzahl weiterer Figuren und Erzählstränge in einer Handvoll Zeitebenen. Es gilt somit zig asiatische Namen und Darsteller - sowohl als Kinder als auch erwachsen - einzuordnen.

Damit dürfte manch westlicher Zuschauer im ersten Film Beginning of the End einige Probleme haben; ich führte gar eine kleine Liste der wichtigsten Charaktere. Dass das asiatische Kino in Sekunden von Albernheiten ins Ernsthafte und wieder zurück springen kann, muss ebenso akzeptiert werden, auch wenn dies leider die Dramatik von 20th Century Boys bisweilen beeinträchtigt. Das erste Kapitel der Saga ist trotz unvollständiger Geschichte die kompletteste Erfahrung und vereint Humor, Drama, japanische Eigenheiten und ein beeindruckendes Finale. In The Last Hope wird der Siegeszug des Freundes fortgeschrieben und der Film ist deutlich geerdeter, konzentriert sich auf weniger Figuren und verweigert sich weitgehend dem Spektakel. Dies kehrt in Our Flag zurück, jedoch müht sich der letzte Film mit vielen Erklärungen und Rückblenden ab und gerät teils zäh, weil der Gegenwart zu wenig Zeit gewidmet wird (die Geschichte scheint trotz massiver Kürzungen gegenüber den Mangas immer noch zu umfangreich gewesen zu sein).

Insgesamt ist 20th Century Boys ein beeindruckender und überwältigender Kraftakt: Eine  Adoleszenzgeschichte über Freundschaft und Ausgrenzung. Eine Lebenslauf- und Gesellschaftsstudie des modernen Japans über individualisierte Auflösungserscheinungen und verlorene Träume. Die Verarbeitung von Terrorgefahr, Sektenfaszination und Obrigkeitshörigkeit. All dies wird vorgetragen mit manchmal bizarrer Naivität, ist aber stets aufrichtig.

Und dennoch bleibt die Reihe aufgrund des sperrigen Einstiegs, eines wechselhaften Erzählfokus und vor allem manch dramaturgischer Unentschlossenheit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Wer bloß "typisch japanisch-verrückte" Szenen sehen will, ist hier falsch und müsste Sitzfleisch beweisen - jeder Teil ist weit über zwei Stunden lang -, ein durchgehend ernsthaftes Epos ist die Trilogie zumindest nach Hollywood'schen Maßstäben allerdings ebenso wenig. Trotzdem oder gerade deswegen sehenswert!

20TH CENTURY BOYS - CHAPTER 1: BEGINNING OF THE END von Yukihiko Tsutsumi (R), Yasushi Fukuda (B), Takashi Nagasaki (B), Naoki Urasawa (B) und Yûsuke Watanabe (B), Japan 2008, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © 20th Century Boys Film Partners

20TH CENTURY BOYS - CHAPTER 2: THE LAST HOPE von Yukihiko Tsutsumi (R), Yasushi Fukuda (B), Takashi Nagasaki (B) und Yûsuke Watanabe (B), Japan 2009, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © 20th Century Boys Film Partners

20TH CENTURY BOYS - CHAPTER 3: OUR FLAG von Yukihiko Tsutsumi (R) und Yasushi Fukuda (B), Japan 2009, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © 20th Century Boys Film Partners

Samstag, 1. September 2012

Shortcuts: London, London Boulevard & Solomon Kane

London


Syd (Chris Evans) ist am Boden zerstört. Seine Exfreundin London (Jessica Biel) wird wegziehen und gibt heute ihre Abschiedsfeier, die Syd uneingeladen besucht, um sich auf dem Klo zu verstecken und bei Drogen und Alkohol über die gescheiterte Beziehung nachzudenken. London möchte viel, doch erreicht wenig. Die Reflexion über das gemeinsame Leben wird von Rückblenden visualisiert, der Erkenntnisgewinn bleibt aber gering, außer dass Syd irgendwie ein Arsch ist. Die Gespräche, die Syd im luxuriösen Badezimmer vor allem mit seinem neuen Drogenverkäufer Bateman (Jason Statham mit Haaren) führt, bemühen sich zu sehr um Witz, Cleverness, Drama und Emotionen. Fremde verirren sich nie auf die Toilette und der übermäßige Rauschmittelkonsum trägt kaum etwas zur Geschichte oder zur Inszenierung bei (trotz Musik von - wie passend - The Crystal Method). Den Zugang zum Film erschwert weiterhin das unscharfe Yuppie-Millieu der Protagonisten, die jünger sein sollen als die Darsteller aussehen. Immerhin verkneift sich Regisseur und Drehbuchautor Hunter Richards ein Happy End, findet stattdessen einen trotzdem versöhnlichen Abschluss für sein Debüt.

LONDON - LIEBE DES LEBENS? von Hunter Richards (R, B), USA 2005, IMDb, RT, FZ

London Boulevard


Mitchel (Colin Farrell) kommt aus dem Knast frei und will die schiefe Bahn hinter sich lassen. Er bekommt zufällig einen Job als Haushälter/Leibwächter bei der von Paparazzi bedrängten Schauspielerin Charlotte (Keira Knightley), doch der hiesige Gangsterboss Gant (Ray Winstone) will Mitchel nicht ziehen lassen. London Boulevard ist eine prototypische Geschichte aus der britischen Unterwelt und versammelt dazu eine Menge bekannter Gesichter, die gefühlt in allen Filmen dieses Subgenres mitspielen. Dazu viel Britpop, beiläufige Brutalität und Mitchels zwar mit allen Wassern gewaschener, aber schlussendlich doch sinnloser Kampf um einen Neuanfang und alle Klischees sind bedient - zwar für ein Erstlingswerk gekonnt umgesetzt, aber schlicht zu oft (und besser) gesehen. Da hilft auch Colin Farrell nicht, der ob seines schicken Anzugs wie ein Fremdkörper wirkt und eine eher diffuse Beziehung mit Keira Knightley eingeht.

LONDON BOULEVARD von William Monahan (R, B), UK/USA 2010, IMDb, RT, FZ

Solomon Kane


Solomon Kane (James Purefoy im Hugh-Jackman-Modus), eine Figur des Conan-Schöpfers Robert E. Howard, ist ein rücksichtsloser Recke, bis eines Tages der Teufel seine Seele einfordert. Kane schwört daraufhin der Gewalt ab, aber als dämonische Heerscharen das Land verwüsten, muss er wieder zum Schwert greifen. Obwohl der Film während der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert spielt, wirkt das England in Solomon Kane trotz antiker Pistolen wie finsteres Mittelalter - Pest, Hexen, Dreck sowie trost- und farblose Landschaften erinnern an Black Death oder Der letzte Tempelritter. Immerhin sind die Schwertkämpfe angenehm zünftig und nachvollziehbar gefilmt, jedoch ist die Dramaturgie unausgewogen: Die leider geringe Präsenz des Übernatürlichen ist sprunghaft (dem Budget geschuldet?), der Protagonist öfters angeschlagen und auch nie ein mächtiger Dämonenjäger und die gewöhnliche Handlung mündet plötzlich in einem etwas losgelöst wirkenden Finale. Nichtsdestotrotz ein ordentlich inszenierter Vertreter des vornehmlich in Osteuropa gedrehten düsteren Ritterfilms - ohne  Ritter, dafür mit einigen bekannten Darstellern wie Max von Sydow und Alice Krige in (sehr) kleinen Nebenrollen.

SOLOMON KANE von Michael J. Bassett (R, B), Frankreich/Tschechien/UK 2009, IMDb, RT, FZ

Samstag, 30. Juni 2012

Kill List (The Wicker Hitman)


Jay (Neil Maskell) hat seit Monaten nicht gearbeitet und die zunehmenden Geldsorgen führen zu Streitereien mit seiner attraktiven Ehefrau Shel (MyAnna Buring). Sein Kriegseinsatz im Irak hat Jay offensichtlich stärker mitgenommen als er zugeben möchte und langsam schält sich heraus, dass er seitdem mit seinem Freund Gal (Michael Smiley) als Auftragsmörder arbeitet. Schließlich nehmen die beiden wieder einen Job an und sollen die titelgebende Todesliste abarbeiten. Als sich das erste Opfer bei Jay bedankt, bevor der ihm eine Kugel in den Kopf jagt, schwant den Berufskillern, dass irgend etwas nicht stimmt...

Kill List ist einer dieser schwer zu besprechenden Film, bei dem jede Auseinandersetzung schon zu viel vom Handlungsverlauf verraten kann. Nach den ersten Filmminuten (und auch später) ist völlig unklar, wohin der Film sich entwickeln wird, am ehesten hängst ein "klassisches" Familiendrama in der Luft, da Jay und Shel noch einen kleinen Jungen haben. Zur Verunsicherung trägt die leicht elliptische Montage bei sowie die Musikuntermalung, die den Film oft übertäubt und dabei ins Atonale kippt.

Trotz erwähnter inszenatorischer Kniffe vor allem inhaltlich ein ungewöhnliches und verwirrendes Werk und deshalb ohne weitere Worte eine Empfehlung!

PS: In den Kommentaren eine kleine Analyse (Spoiler).

KILL LIST von Ben Wheatley (R, B) und Amy Jump (B), UK 2011, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film/Senator

Mittwoch, 20. Juni 2012

Phase 7 (Wayne interessiert's?)


Die übersehene Apokalypse: Wie einst die Titelfigur in Shaun of the Dead wundern sich auch Coco (Daniel Hendler) und die schwangere Pipi (Jazmín Stuart) in Phase 7 beim Einkaufen nicht über merkwürdige  Situationen. Erst zu Hause erfahren sie, dass eine Krankheitswelle sich zu einer weltweiten Seuche auszuweiten droht. Und da wird auch schon ihr Wohnhaus unter Quarantäne gestellt. Was macht man nun? Sich nicht von Fernsehberichten und Leuten in Schutzanzügen aus der Ruhe bringen lassen und als einziges Zugeständnis an die Umstände eine Inventur der Lebensmittel durchführen. Das Aussitzen wird leider durch aufdringliche Nachbarn erschwert...

Das junge Protagonistenduo ist Teil der modernen Medien- und Individualgesellschaft: Abgestumpft von den Überdramatisierungen im stets laufenden TV, ist der Kontakt mit den Mitbewohnern für Coco eine nervige Angelegenheit, die er gerne vermeiden würde. Und mit seiner Partnerin Pipi scheint er eher Streit- als Liebesworte auszutauschen. Seine Geisteshaltung des konstanten Schulterzuckens widersteht auch einer verheerenden Krankheit, was Phase 7 zu einem der unaufgeregtesten und gerade dadurch witzigsten Katastrophenfilme machen dürfte. Dabei spitzt sich die Lage im Apartmentblock - dem ausschließlichen Handlungsort - nicht unblutig zu. Wohin sich der Film entwickeln wird, bleibt lange unklar, auch weil der lockere Tonfall den dramatischen Ereignissen gegenübersteht. Phase 7 ist skurril und geruhsam und blickt dem Untergang entspannt bis gleichgültig entgegen.

PHASE 7 von Nicolás Goldbart (R, B), Argentinien 2011, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Koch Media

Samstag, 5. Mai 2012

Gefährten (War Horse)


Eigentlich habe ich keine Ahnung von Pferdefilmen. Ich denke höchstens an Black Beauty und Der Pferdeflüsterer - außerdem kommt mir auch immer wieder die Wendy in den Sinn. Black Beauty und Der Pferdeflüsterer habe ich nie gesehen und die Wendy nie gelesen, einen Pferdeexperten würde ich mich demnach nicht nennen.

Trotzdem habe ich mir Gefährten angeschaut, indem es um den Farmersjungen Albert (Jeremy Irvine) geht, dessen Vater (Peter Mullan) im Alkoholrausch ein viel zu teures und zur Landarbeit ungeeignetes Rassepferd ersteigert hat. Albert und das Halbblut freunden sich an, retten nebenbei fast die vor dem finanziellen Ruin stehende Farm seines Vaters und alles könnte im happy ever after enden, wenn nicht zufällig der Erste Weltkrieg ausbrechen würde. Um die Farm in der englischen Grafschaft Devon entgültig zu retten, verkauft der Vater das Pferd an die englische Armee; fortan sind Albert und Joey also getrennt. Joey ist zuerst in den Händen der englischen, danach der deutschen Armee, gefolgt von einem kurzen Intermezzo auf dem Hof eines französischen Bauern, um anschließend als Lastpferd den Franzosen zu dienen und sich letztlich im Niemandsland zwischen den Schützengräben englischer und deutscher Soldaten wiederzufinden. Klingt verwirrend und sprunghaft, wird jedoch im Verlauf des Films logisch nachvollziehbar erzählt und natürlich haben sich die Freunde Albert und Joey nach einer Odysee durch die Kriegswirren Europas am Ende wieder.

Regisseur Steven Spielberg verfilmte Gefährten auf Grundlage des Jugendromans War Horse von Michael Morpurgo und schafft es die verschiedenen europäischen Schauplätze allesamt visuell beeindruckend in Szene zu setzen. Manch einer wird sagen, dass diese Art visueller Zuckerguss etwas zuviel des Guten ist, aber mir persönlich haben sowohl die beeindruckenden englischen Landschaften als auch die von Spielberg schauerlich anmutig in Szene gesetzten Kriegsschauplätze in Frankreich gefallen. Gleichzeitig erzeugt Spielberg mit Joey eine starke Identifikationsfigur, so wird auch der Erste Weltkrieg zu einem Großteil aus der Sicht des Pferdes dargestellt. Zum Glück verzichtet er darauf, das Pferd selbst sprechen zu lassen, und erschafft durch gutes Zusammenspiel von Tier und menschlichen Charakteren sowie geschickter Kameradramaturgie eine packende Geschichte.

Die gelungenste und gleichzeitig bizarrste Szene des Films zeigt Joey gefesselt im Stacheldraht zwischen deutschen und englischen Schützengräben. Für einen kurzen Moment ruht deswegen sogar der Krieg und ein deutscher und ein englischer Soldat versuchen gemeinsam, das Pferd aus dem tödlichen Stacheldraht zu befreien: Das Pferd als Fremdkörper, als E.T.-ähnliche Figur, die dem Geschehen auf der Erde entrückt die Dinge mit anderen Augen betrachtet und Menschen verbindet. Man könnte es - positiv gesprochen - als typischen Spielberg-Moment charakterisieren, indem Freundschaft das zentrale Element darstellt.

Es muss nochmals ganz deutlich gesagt werden: Gefährten ist ein durch und durch kitschiger Film. Er ist meisterhaft und mit der ganzen Raffinesse und Erfahrung von Steven Spielberg inszeniert, aber am Ende wird hier eine märchenähnliche Geschichte mit viel Sentimentalität und Emotionen erzählt. Am deutlichsten wird dies, als am Ende des Films Vater und Sohn in einen Sonnenuntergang schauen, der in ein solch strahlend überzuckertes Rot getunkt ist, wie es die Filmwelt in der schönsten Rosamunde-Pilcher-Verfilmung noch nicht gesehen hat. Trotzdem hat mich der Film überzeugt, ich habe ihm seine Überlänge nicht angemerkt und war über zwei Stunden aufmerksamer Zuschauer. Also nennt mich kitschig, aber mir hat's gefallen - auch wenn ich kein Pferdefilmkenner bin.

GEFÄHRTEN bzw. WAR HORSE von Steven Spielberg (R), Lee Hall (B) und Richard Curtis (B), USA 2011, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Walt Disney/DreamWorks

Donnerstag, 26. April 2012

Chronicle (Holzhammer gegen Spinne)


Drei Schulkameraden finden in einem Erdloch eine Kristallformation, die ihnen telekinetische Kräfte gibt. Durch die gemeinsamen Fähigkeiten werden sie zu engen Freunden, aber ihre stetig anwachsende Macht führt schließlich zu Spannungen...

Der deutsche Untertitel "Wozu bist du fähig?" deutet es an: In Chronicle spielt nicht nur das Ausmaß der Superkräfte eine Rolle, sondern auch Art und Zweck ihrer Anwendung. Dies ist nun aber keinesfalls ein neues Motiv, in vielen Superheldenfilmen geht es mal mehr, mal weniger um diese moralische Grundfrage, sei es bei den klassischen Charakteren aus Marvel- und DC-Comics oder Nobodys in Kick-Ass und Super (in denen es aber strenggenommen keine Superkräfte gibt). Chronicle konzentriert sich auf die "Heldengruppe" und deren soziale Stellung. Protagonist Andrew (Dane DeHaan) ist ein white-trashiger Nerd, während der farbige Steve (Michael B. Jordan) beliebt und wohlhabend ist. Jedoch übertreibt es der Film hierbei, denn Andrew hat zudem eine schwerkranke Mutter (Bo Petersen), einen arbeitsunfähigen Alkoholiker als Vater (Michael Kelly) und wird in der Schule als unbeliebter Außenseiter gemobbt. Da ist es wenig hilfreich, dass er zu Beginn sich eine Kamera besorgt und von nun an alles aufzeichnet - Chronicle ist im Blair Witch Project-Stil gefilmt. Vorteilhaft, dass dank Telekinese die Kamera sich trotzdem bald ungebunden bewegen kann.

Andrew kommt am besten mit seinen Kräften zurecht und nach viel gemein- und unterhaltsamem Unsinn ("Boys will be boys") macht er dank Steve und eines Talentwettbewerbs der Schule einen großen Sprung nach oben auf der Beliebtheitsleiter. Dass der Dritte im Bunde, Matt (Alex Russell), kein Problem damit hat, dass durch die öffentliche Nutzung ihrer Fähigkeiten die von ihm aufgestellten Regeln gebrochen werden, zeigt auf das Kernproblem von Chronicle: Viele Motive werden nur angerissen, halbherzig oder sprunghaft verfolgt. Das schließliche Zerbrechen der Freundschaft erscheint nicht zwingend, Aspekte wie Nasenbluten beim Einsatz der Telekinese dienen am Ende nur dem Verketten der Handlung. Es wirkt, als ob die Macher des Films die typischen Bestandteile eines dekonstruktivistischen Superheldenfilms als großflächige Grundierung ins Drehbuch geschrieben hätten, sich aber dann doch auf die Darstellung der Fähigkeiten konzentrieren wollten. Und trotz ein paar durchwachsener Spezialeffekte geraten dann auch die meisten Szenen mit Superkräften, insbesondere das Finale mit seiner schwerelosen und doch beinahe bodenständig wirkenden Zerstörungsorgie sehr eindrucksvoll.

Chronicle mag man ferner als kritischen Teenager-Film über Mobbing, Außenseitertum und auch Amokläufe sehen, nur wird dies wie vieles entweder nicht zu Ende gedacht oder überdeutlich präsentiert. Andrews Haltung zu seinen Kräften zeugt von seinem eher bescheidenen Intellekt: Während er mit den angelesenen Philosophie-Statements seines Cousins Matt nichts anzufangen weiß, schnappt er schließlich irgendwo den Begriff des Spitzenprädators auf. Aufgrund seiner Fähigkeiten sieht es sich als so einer - Übermensch dank Superkräfte? Menschen würden eine Fliege ohne Gewissensbisse zerquetschen, das müsse irgend etwas bedeuten. Die Antwort bleibt aus.

Der Filmtitel, übersetzt Chronik oder Aufzeichnung, erscheint etwas diffus. Andrew beginnt sein Filmprojekt aus von ihm nicht näher erläuterten Gründen (evtl. als Schutzmauer gegen die Welt, wie er einmal mehr im Scherz sagt). Am Ende dürfte er sich in seinen selbstverliebten Allmachtsphantasien filmen, denn vor einem Publikum - dem der Talentshow - hatte er den höchsten Beliebtheitsgrad erreicht. Im weiteren Verlauf werden weitere Bildquellen wie Überwachungs- und Handykameras benutzt, doch es fehlt eine Einordnung, was der Zuschauer nun genau sieht. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine einzelne Person Zugriff auf all diese Aufnahmen hatte und daraus die vorliegende "Dokumentation" schuf.

Abschließend ist Chronicle leider als ein an sich selbst gescheiterter Genrebeitrag zu betrachten, obwohl er einige sehr gelungene, witzige und später dramatische Szenen bietet und beileibe kein schlechter Film ist. Nur eine richtige Einheit erreicht Chronicle nicht (die wenig überzeugende Synchro von Andrew trägt ihren Teil dazu bei). 

CHRONICLE von Josh Trank (R) und Max Landis (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © 20th Century Fox