Sonntag, 6. Oktober 2013

Rush - Alles für den Sieg


Vielleicht geht es nur mir so, aber das ständige Umkreisen eines Rundkurses erscheint auf den ersten Blick nicht wie der perfekte Hollywoodstoff. Regisseur Ron Howard hat sich trotzdem an die Umsetzung gewagt.

Von der ersten Sekunde fühlt man sich zurückversetzt in die 70er: Detailgetreu, in Kodakfarben getaucht und mit ohrenbetäubender Soundkulisse setzt Howard das Drehbuch von Peter Morgan um. Niki Lauda (Daniel Brühl) und James Hunt (Chris Hemsworth) stehen sich gegenüber: Als unliebsamer Streber auf der einen und als leidenschaftlicher Lebemann auf der anderen Seite; als akribischer Techniker hier und als lässiges Naturtalent dort. Aus der Unterschiedlichkeit ziehen sie ihre Motivation, sich gegenseitig bis an die Grenzen zu führen - bis alles am 1. August 1976 im fast tödlichen Unfall von Lauda gipfelt.

Besonders Brühl gelingt es, seine Rolle glaubhaft zu verkörpern. Hemsworth hingegen bleibt vergleichsweise blass. Der Brite Hunt ist im Drehbuch aber auch die weniger facettenreiche Figur. Dennoch fiebert man mit den beiden Streithähnen trotz ihrer Gegensätzlichkeit mit. Alexandra Maria Lara spielt übrigens die Frau von Niki Lauda - kann jedoch in ihrer Rolle keine Akzente setzen.

Insgesamt ist Rush ein temporeicher Sportfilm, mit großartigen Rennsequenzen sowie gleichzeitig eine grandiose Charakterstudie. Die Story ist simpel, dennoch gelingt es Howard, den Zuschauer zu fesseln. Bei soviel Benzin in der Luft ist es nach zwei Stunden dann auch egal, ob man Formel-1-Fan ist.

RUSH von Ron Howard (R) und Peter Morgan (B), USA/UK/D 2013. Mit Chris Hemsworth, Daniel Brühl, Olivia Wilde, Alexandra Maria Lara u.a. IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Drei Monate ohne Filme?

"Nein!" lautet die Antwort auf diese Frage. Jedoch ist offensichtlich, dass wir Zelluloidfreaks es in letzter Zeit nicht über das Anschauen von Filmen und Anfertigen von Textentwürfen zu denselben hinaus geschafft haben. Im Rahmen eines Weblogs sind Phasen von Funkstille nichts übermäßig Schlimmes, zumal wir hier ein privates Hobby pflegen, trotzdem soll "offiziell" mitgeteilt werden: Uns gibt es noch! Und vielleicht erscheinen neue Rezensionen - und wenn es wie zuletzt "nur" Shortcuts sind -  schneller als gedacht...

Sonntag, 23. Juni 2013

Shortcuts: Faster, Long Weekend & Snowman's Land

Faster


Der schauspielende Wrestler bzw. wrestlende Schauspieler Dwayne "The Rock" Johnson ist ein charismatischer Muskelprotz, der aufgrund seines Showtalents oft bloß in harmlosen Actionkomödien auftritt. Leider! Härtere Kost ist Mangelware - und Faster eine angenehme Ausnahme. Gerade aus dem Knast entlassen, verteilt Johnsons namenlose Figur bereits Kopfschüsse zum Start einer schnörkellosen Blutrache, deren Hintergründe sich erst nach und nach offenbaren. An seine Fersen heften sich ein abgewrackter Cop (Billy Bob Thornton) und ein Auftragskiller (Oliver Jackson-Cohen), dessen Part wirkt jedoch vom Film entrückt, seine Luxuswelt ist ein zu starker Kontrast. Viele Nebenrollen sind mit bekannten Gesichtern besetzt, die Frauen (Carla Gugino, Maggie Grace, Moon Bloodgood, Jennifer Carpenter) alle attraktiv, doch kaum aktiv, fungieren immerhin als Motivation für die Männer. Faster ist stilsicher und treibend inszeniert, verliert sich dabei hin und wieder in zu gewollter Coolness, auch wegen oder trotz des Einsatzes toller, aber zu bekannter Lieder (die Filmmusik von Clint Mansell gefällt). Schade, dass Actionszenen gar nicht so zahlreich vorkommen und die Geschichte zwar überraschend düstere Themen streift, trotzdem ein doch eher versöhnliches Ende nimmt. Es geht noch konsequenter, Dwayne!

FASTER von George Tillman Jr. (R), Tony Gayton (B) und Joe Gayton (B), USA 2010, IMDb, RT, FZ 

Long Weekend


Peter (Jim Caviezel) möchte seine Ehe mit Carla (Claudia Karvan) durch einen Surf- und Campingausflug kitten. Dass Carla gar keine Lust auf Zelten und Wellenreiten hat, erschwert dieses Ansinnen. Der Film legt auf dem Weg zum versteckten und verlassenen Strand typische Horrorfährten: Wortkarge Hinterwäldler, zugewucherte Privatwege, Ausfall der Elektronik. Doch im Fokus bleibt der pulsierende Streit des Paares, dessen Ursache noch nicht ersichtlich ist. Die Beiden würdigen selten die malerische Natur und diese scheint sich zu verändern mit aggressiven Tieren, Kadavern und Zeichen von Umweltverschmutzung. Long Weekend verläuft lange Zeit unaufgeregt, was zu Unbehagen über die Hintergründe und Richtung der Geschehnisse führt. Die Eskalation ist schließlich unvermeidlich und in ihrer Art dann leider vorhersehbar. Eine 10.000-Dollar-Ausrüstung hat Peter hochmütig ins Feld geführt, aber auch damit lässt sich die Natur nicht Untertan machen, sondern wird vielmehr herausgefordert...

LONG WEEKEND von Jamie Blanks (R) und Everett De Roche (B), Australien 2008, IMDb, RT, FZ

Snowman's Land


Der schrullige Killer Walter (Jürgen Rißmann) muss nach einem suboptimal verlaufenen Auftrag in der osteuropäischen Provinz untertauchen und dort mit seinem aufgekratzten Kollegen Micky (Thomas Wodianka) das Anwesen von Gangsterlegende Berger (Reiner Schöne) hüten. Unfälle und Missverständnisse lassen die Lage im abgeschiedenen Wintertal alsbald eskalieren. Snowman's Land punktet mit seinen Figuren, jedoch passen die Schauspielleistungen nicht immer zu den auf (zu) locker oder natürlich gebürsteten Dialogen; Reiner Schöne ist hingegen brillant. Bei der Inszenierung der schwarzen Komödie irritieren die eher nervige Musik sowie seltene MAZ-Einspieler und Voice-overs. Insgesamt aber recht unterhaltsam, auch weil der Film nicht allzu "typisch deutsch" wirkt.

SNOWMAN'S LAND von Tomasz Thomson (R, B), Deutschland 2010, IMDb, RT, FZ

Montag, 20. Mai 2013

Shortcuts: Invasion, Salt & The Ward

Invasion


Oliver Hirschbiegels erster Hollywood-Film nach seinem internationalen Erfolg Der Untergang. Warum er dafür in ein Remake der gefühlt dutzendfach verfilmten Body Snatchers-Geschichte einwilligte, ist schwer nachvollziehbar. Mit ein wenig Interesse an Science Fiction kennt man zumindest eine der früheren Versionen und damit die zugrunde liegende Handlung, die Invasion nicht wesentlich verändert - Spannung sieht anders aus. Die einzige Unklarheit bleibt daher, wie der Film abschließen wird: Mit einem aufgesetzten Happy End, ächz. Die titelgebende Invasion vollzieht sich zudem schnell und durchschaubar, während die Protagonisten quasi nebenbei und auf geradzu absurde Weise die Wahrheit ergründen. Immerhin: Nicole Kidman als Therapeutin Carol Bennell ist wie aus dem Ei gepellt und Daniel Craig als Wissenschaftler Ben Driscoll noch kein gestählter Agent. Das alles wird kompetent, aber passend zum Inhalt unspektakulär inszeniert. Überflüssig.

INVASION bzw. THE INVASION von Oliver Hirschbiegel (R) und David Kajganich (B), USA 2007, IMDb, RT, FZ

Salt: Extended Cut


Evelyn Salt (Angelina Jolie) ist eine hervorragende CIA-Agentin, die plötzlich als russische Spionin mit Attentatsplänen beschuldigt wird. Um ihren Namen reinzuwaschen und die Hintermänner zu erledigen, entzieht sie sich den Behörden. Dabei spielt der Film recht geschickt mit dem Image von Angelina Jolie und es wird zunehmend unklar, ob sie wirklich eine weiße Weste hat. Das Tempo ist hoch - außer, wenn wieder eine unnötige Rückblende eingeschoben wird - und die eher realistisch gehaltene Action mit meist ordentlich kaschierten Doubles oder CGI-Effekten gelungen. Nur Jolies Kampfszenen lassen etwas Brachialität vermissen, trotz einem guten Mittelmaß aus Kameragewackel und Draufhalten. Die Auflösung offenbart rückblickend einige logische Aussetzer, das Ende gerät aber zufriedenstellend. Der Extended Cut ist dabei endgültiger, der Director's Cut zudem pessimistischer als die Kinofassung.

SALT: EXTENDED CUT von Phillip Noyce (R) und Kurt Wimmer (B), USA 2010, IMDb, RT, FZ

The Ward


Ach, John Carpenter, deine Genreklassiker sind unvergessen, doch spätestens nach der Jahrtausendwende schien die Kreativität zu schwinden. Obwohl: Einfallslosigkeit konnte dem bizarren Ghosts of Mars von 2001 nicht vorgeworfen werden, es war bloß kein guter Film. Erst neun Jahre später meldete sich der Regisseur mit The Ward zurück - und scheiterte erneut. Ambitionen wurden vorab schon zurückgefahren, die Ausgangslage des Films ist uninspiriert: Kristen (Amber Heard) wird in den spärlich belegten Mädchentrakt einer Irrenanstalt der 60er Jahre eingewiesen. Früh wird enthüllt, dass ein hässliches Geistermädel hinter den jungen Insassinnen her ist und sie (eher unkreativ) mordet. Der Horror in diesem konventionellen Plot wird leider durch ebenso klischeehafte Mittel versucht zu erreichen: billige Schockeffekte in Kombination mit einer manipulativen Kamera. Unheimliche Atmosphäre kann sich kaum entwickeln, alles geht Schlag auf Schlag und passiert auch am helligten Tag. Ein anderes Problem von The Ward: Gerade weil die Geisterangriffe und deren Hintergründe sehr früh klar sind und der Film in einer Psychiatrie spielt, dürfte sicher vieles anders sein, als es einem vorgegaukelt wird. Anders ist es dann zwar, aber nur marginal besser als der Großteil dieses mäßigen Films.

THE WARD von John Carpenter (R), Michael Rasmussen (B) und Shawn Rasmussen (B), USA 2010, IMDb, RT, FZ

Sonntag, 14. April 2013

Shortcuts: In der Hitze von L.A., Julia X & The Dead Outside

In der Hitze von L.A.


Der deutsche Filmtitel ist ebenso verfehlt wie "heiße Tamale", die Übersetzung des Originalnamens, denn Erotik und Essen sind nur Randerscheinungen - nackte Tatsachen und Lateinamerikaner kommen immerhin vor. Von einer tieferen Bedeutung des Titels braucht man nicht auszugehen, schließlich spielte Regisseur Michael Damian sein Leben lang in einer Daily Soap mit und Protagonist Harlan wird von Randy Spelling dargestellt, dem Sohn des TV-Produzenten Aaron Spelling. Aus dessen Serie Beverly Hills, 90210 schaut Jason Priestley für einen kurzen Gastauftritt vorbei, auch sonst sieht man ein paar bekannte Gesichter in Nebenrollen. Am Ende holt sich Carmen Electra noch ihre schnell verdiente Gage ab und damit war das Budget aufgezehrt: Die Polizei muss in normalen Autos herumfahren, Streifenwagen waren nicht mehr drin. Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Harlans Vaters, wird jedoch alsbald vergessen. So macht sich der Spross vom Lande auf in die große Stadt, um dort sein Glück zu finden. Alle Klischees erfüllend landet der Salsa-Schlagzeuger (!) ohne größere Probleme in einer Band und kommt im Vorbeigehen mit der attraktiven Tuesday (Diora Baird) zusammen. Harlan gerät aber in den Fokus von zwei Gangstern, die schließlich seine Freundin entführen, womit Diora Baird dann auch öfters abwesend ist bzw. nicht bezahlt werden musste. Doch trotz der einfallslosen Handlung und einer zu gewollt wirkenden Kamera und Montage wartet In der Hitze von L.A. mit überraschend lockeren Sprüchen und lustigen Szenen auf, was den stets durchschaubaren Film kaum langweilig werden lässt.

IN DER HITZE VON L.A. bzw. HOT TAMALE von Michael Damian (R, B) und Janeen Damian (B), USA 2006, IMDb, RT, FZ

Julia X


Kevin Sorbo entlarvte in der Werbung falschen "Jim Beam" und prügelte sich später als Hercules mit altertümlichen Göttern und Sagengestalten. In Julia X entpuppt er sich bald als Triebtäter und bei dessen Darstellung hat der meist auf Helden abonnierte Sorbo sichtbar Spaß. Vielleicht auch, weil der Killer sehr entspannt und gut gelaunt zu Werke geht. Dies ist aber leider seiner Bedrohlichkeit abträglich, steigert dagegen den Unterhaltungswert, wenn er seinem Blind-Date-Opfer Julia (Valerie Azlynn) entgegenschleudert: "Meine Manieren sind nicht mehr die allerbesten, aber dumme Fotzen wie du sind daran Schuld!" Pech für ihn, dass die "Fotzen" alsbald den Spieß umdrehen und sich eine Art extremer Rosenkrieg entspinnt. Dabei scheint das Geschehen von der Außenwelt entkoppelt und niemand nimmt Notiz von den blutigen Auseinandersetzungen. Probleme bekommt Julia X durch seine Unentschlossenheit: Nominell eine schwarze Horrorkomödie, jedoch sowohl nicht witzig als auch nicht erschreckend genug. Und viel zu ausführliche Versuche, die Charaktere mit Tiefe zu füllen, führen ebenso ins Leere. Desinteresse an den Figuren, der durchaus wendungsreichen Geschichte und damit dem Film ist die Folge.

JULIA X von P. J. Pettiette (R) und Matt Cunningham (B), USA 2011, IMDb, RT, FZ

The Dead Outside


Eine Seuche greift um sich, lässt die Infizierten wahnhaft herumirren und aggressiv nach Hilfe verlangen. Die Zivilisation ist wohl noch nicht untergegangen, auf dem englischen Land aber bereits abwesend. Daniel (Alton Milne) sucht Unterschlupf in einem Haus und trifft dort auf die verschlossene April (Sandra Louise Douglas). Die Zweckgemeinschaft harrt der Dinge, bis eine Außenstehende (Sharon Osdin) auftaucht und das Gleichgewicht bedroht. The Dead Outside ist ein unspektakuläres Kammerspiel, welches die psychischen Belastungen nur anreißt und zudem die interessante Idee der irrsinnigen, aber zu unbedrohlichen "Zombies" kaum beleuchtet. Stattdessen nerven eingestreute Erinnerungen und Halluzinationen sowie eine wackelige Kameraarbeit. Die farbarme Digitaloptik kippt bisweilen gar ins Experiementelle mit harten Kontrasten, Unschärfen und unübersichtlichen Zooms. Was den langweiligsam erzählten, stellenweise recht atmosphärischen Film dann völlig abstürzen lässt, ist die groteske deutsche Synchronisation; die absurde Betonung macht die Dialoge zu dilettantischen Sprechübungen. Doch auch ohne diese Ausfälle ist der Wille der Macher zwar erkennbar, findet sich jedoch viel zu selten im Film wieder.

THE DEAD OUTSIDE von Kerry Anne Mullaney (R, B) und Kris R. Bird (B), UK 2008, IMDb, RT, FZ

Sonntag, 31. März 2013

Shortcuts: Argo, Gnade & Kiss Kiss Bang Bang

Argo


Drei Oscars bekam Ben Afflecks dritte Regiearbeit Argo, inklusive "Bester Film" - für mich nur erklärbar durch den sehr amerikanischen Hintergrund: In den USA dürfte die Geiselnahme von Teheran weit bekannter als im Ausland sein, in deren Umfeld die CIA einige untergetauchte Amerikaner im Rahmen eines vorgegaukelten Filmdrehs aus dem Iran schmuggelte. Nach einem eindrucksvollen Beginn schildert Argo die Entwicklung und Vorbereitung des wahnwitzigen Plans, was zugleich einen Einblick in die Filmwirtschaft Ende der 1970er und Anfang der 80er gewährt. Der Film krankt trotz gediegener Inszenierung mit ausgewaschenen und grobkörnigen Bildern und einer authentisch wirkenden Ausstattung jedoch an der Dramatik seiner Ereignisse. Zum einen wird der vorgebliche Film (Science Fiction!) gar nicht gedreht, zum anderen ist der Verlauf der Aktion überraschend unspannend. Stolpersteine sind als solche klar erkennbar, die tatsächliche Flucht verläuft dann trotzdem zügig und glatt. Dies mag alles der realen Vorlage geschuldet sein, aber Argo ist eben keine Dokumentation und das Bedrohungsgefühl bei dem durchgehend feindseligen Umfeld schlicht zu gering.

ARGO von Ben Affleck (R) und Chris Terrio (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ

Gnade


Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) wandern mit ihrem Sohn Markus (Henry Stange) aus beruflichen Gründen nach Norwegen aus. Der finstere Winter schlägt bald aufs Gemüt, auch weil sich die Familienmitglieder unterschiedlich schnell einleben. Doch dann überfährt Maria ein Mädchen und begeht Fahrerflucht... Gnade heißt der dreisprachige Film und diese wird der Familie nicht verwehrt. Ein hochemotionaler Leidensweg dahin bleibt jedoch aus, stattdessen wechseln sich die Charaktere regelmäßig als Unsympathen ab - das Mitgefühl des Zuschauers ist entsprechend gering. Hinzu kommt eine ziellose Episode um den Sohn, die an Benny's Video erinnert, aber zu losgelöst vom Rest des Films verläuft. So bleiben nur schöne Naturaufnahmen sowie knarzendes Holz und heulender Wind im winterlichen Norwegen. Und eine erschütternd unbeholfene Kommentierung der Filmhandlung durch ein Konzert im Rahmen eines weiteren überflüssigen Erzählstrangs.

GNADE von Matthias Glasner (R) und Kim Fupz Aakeson (B), Deutschland 2012, IMDb, RT, FZ

Kiss Kiss Bang Bang


Der eher trottelige Kleinkriminelle Harry Lockhart (Robert Downey Jr.) landet zufällig als Schauspieler in Los Angeles und bald darauf mitten in einem vertrackten Mordfall, den er zusammen mit dem abgeklärten Privatdetektiv "Gay" Perry van Shrike (Val Kilmer) zu überstehen und aufzuklären versucht. Downey Juniors damaliger Comeback-Film ist gleichzeitig das Regiedebüt von Shane Black, der erst mit Iron Man 3 wieder als Regisseur tätig wurde. Sein empfehlenswerter Kiss Kiss Bang Bang ist eine clever konstruierte Groschenroman-Krimikomödie mit so spielfreudigen wie gegensätzlichen Protagonisten und schwarzem Humor, weist aber auch manch düstere Untertöne wie Kindesmissbrauch auf.

KISS KISS BANG BANG von Shane Black (R, B), USA 2005, IMDb, RT, FZ

Freitag, 29. März 2013

Shortcuts: Die Rache des weißen Indianers, On the Run & The Devil's Rock

Die Rache des weißen Indianers


Enzo G. Castellari schuf 1976 mit Keoma den endgültigen Italowestern, der Stil und Narration des Subgenres verdichtete und zudem mit Django-Darsteller Franco Nero aufwarten konnte. Fast 20 Jahre später entstand diese indirekte Fortsetzung in einer Zeit, in der Filme im Wilden Westen keine bedeutende Rolle mehr spielten. So gerät Die Rache des weißen Indianers zu einem Abgesang auf das gesamte Genre, wie einst der Italowestern eine Dekonstruktion des US-Westerns war. Statt Revolverheldentum herrscht nun eine von Der mit dem Wolf tanzt inspirierte Naturromantik: Der Protagonist Jonathan (Franco Nero) wuchs nach dem gewaltsamen Tod seiner Eltern durch Banditen bei Indianern auf und hatte zudem einen Bären zum Freund. Sein Leben lang jagte er dann die damaligen Mörder und galt unter Weißen stets als Außenseiter. Auf seine Kindheit verwendet der Film sehr viel Zeit, Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander, als Jonathan in seine Heimat zurückkehrt. Dieses Stilmittel kam auch schon in Keoma zum Einsatz, leider wird sonst kaum etwas übernommen - keine verspielte Bildmontage, harte Action oder lockeren Sprüche. Gleichzeitig ist der zähe Einstieg für die Handlung nicht so wichtig, wie ihm Platz eingeräumt wird, mag aber verdeutlichen, was durch den technischen Fortschritt verloren zu gehen droht. Denn auf dem Gebiet von Jonathans Indianerstamm wurde Öl gefunden und ein "zivilisierter" Geschäftsmann (John Saxon) kommt in das benachbarte Dorf, um die Bewohner der heruntergekommenen Siedlung auf die rücksichtslose Ausbeutung des schwarzen Goldes einzuschwören. Zufällig ist er auch einer der Mörder von Jonathans Eltern, räumt aber paradoxerweise erst einmal eine Menge anderer Widersacher von Jonathan mit seinen eigenen Handlangern aus dem Weg. Eine große Konfrontation zwischen Indianern und Weißen ist unausweichlich und nachdem sich Staub sowie Pulverdampf gelegt haben und die Kamera lieber stürzende Pferde als sterbende Menschen zeigte, ist das Dorf vom Mann entvölkert. Es werden jedoch immer welche wiederkommen, meint die Oberhure und lässt den Saloon mit einem archaischen Staubsauger reinigen. Aus der Zeit gefallen ist Die Rache des weißen Indianers ein interessanter Post-mortem-Blick aufs Genre, jedoch nie so entfesselt oder grotesk wie zu dessen Hochzeit ein Viertel Jahrhundert früher.

DIE RACHE DES WEISSEN INDIANDERS bzw. JONATHAN DEGLI ORSI von Enzo G. Castellari (R, B) und Lorenzo De Luca (B), Italien/Russland 1994, IMDb, RT, FZ

On the Run


Franck Adrien (Albert Dupontel) sitzt im Knast und harrt seiner nahenden Entlassung, um die draußen versteckte Beute mit seiner Familie zu genießen. Doch er vertraut den falschen Leuten und muss bald ausbrechen. On the Run ist unübersehbar französisch: Markante und gestandene Männer, schöne Frauen, helle Farben, aber stets düstere Abgründe am Bildrand. Leider schielt der Film zu sehr auf den Mainstream und untergräbt fortwährend seine unangenehmen und brutalen Szenen. Und die Flucht vor der Polizei ist schon sehr konstruiert, wenn man beispielsweise die Trefferausbeute bei Schießereien betrachtet. Das nachgeschobene Happy End passt dazu perfekt, leider.

ON THE RUN bzw. LA PROIE von Eric Valette (R), Laurent Turner (B) und Luc Bossi (B), Frankreich 2011, IMDb, RT, FZ

The Devil's Rock


Kurz vor dem D-Day: Captain Grogan (Craig Hall) und Sergeant Tane (Karlos Drinkwater) sollen die deutsche Geschützstellung auf einer einsamen Insel sprengen. Doch irgend etwas scheint dort vorgefallen zu sein bei all dem Blut und den Schreien. Und der letzte überlebende Nazi Meyer (Matthew Sunderland) warnt vor einer angeketteten Frau (Gina Varela)... Mal wieder Nazis und Dämonen, mal wieder nicht gelungen! Der atmosphärische und ruhige Beginn mit unheimlicher Musik lässt noch hoffen, aber schon bald versandet das höllische Kammerspiel. Was genau vor dem Eintreffen der Protagonisten passierte, bleibt auch unklar. Eine Menge zerfetzter Körper täuscht nur kurz darüber hinweg, dass das Budget kaum Splattereffekte hergab. Selbst der - keine Überraschung - weibliche Dämon ist meistens von menschlicher Gestalt und verwandelt sich außerhalb der Kamera. Der Machtkampf der Beteiligten und die Verwirrspiele der Dämonin sind durchschaubar und abwechslungsarm. Kaum mehr als ein aufgeblasener Kurzfilm.

THE DEVIL'S ROCK von Paul Campion (R, B), Paul Finch (B) und Brett Ihaka (B), Neuseeland 2011, IMDb, RT, FZ

Donnerstag, 7. Februar 2013

Shortcuts: Cat Run, Six Bullets & Ted

Cat Run


Catalina (Paz Vega) ist auf der Flucht, nachdem sie Zeugin wurde, wie ein korrupter Politiker (Christopher McDonald) im Lustrausch eine Edelhure erdrosselte. Nach einigen Irrungen und Wirrungen helfen ihr die selbsternannten Detektive Anthony (Scott Mechlowicz) und Julian (Alphonso McAuley) im Kampf gegen eine brutale Auftragsmörderin (Janet McTeer). Cat Run ist ein fehlgeleiteter Film: Die fluffigen Dialoge der Hobbyschnüffler sind bisweilen spaßig, doch der Buddy-Humor wirkt aufgesetzt und altbacken (z.B. quirliger Schwarzer mit Fiepssynchro). Als merkwürdigen Kontrast gibt es harte Gewaltszenen, die rücksichtslose Killerin macht keine halbe Sachen bzw. doch... Sie wechselt schließlich die Seiten, wird sogleich als Sympathieträgerin umgezeichnet und vom Protagonistentrio schnell akzeptiert - völlig unglaubwürdig angesichts ihrer Taten. Anthony macht auch eine Metamorphose durch: Anfangs ein nervig allwissender Sherlock-Holmes-Verschnitt, setzt er schließlich seine Brille ab, schmiert sich Gel ins Haar und ist dadurch sofort, äh, cool. Bis dahin zieht sich der gefällig fotografierte Film trotz überschaubarer Laufzeit hin, weil es zwar fortwährend Schauplatzwechsel in ganz Europa gibt, aber bis die Detektive überhaupt mit Catalina vereint sind, dauert es zu lange. Unentschieden in seiner Identität bleibt Cat Run eine Sammlung mal mehr und mal weniger gelungener Szenen und Charaktere.

CAT RUN von John Stockwell (R), Nick Ball (B) und John Niven (B), USA 2011, IMDb, RT, FZ


Six Bullets


Jean-Claude Van Damme spielt den ehemaligen Söldner Samson Gaul (!), der seinen Lebensunterhalt mit dem Befreien von Entführungsopfern bestreitet. Eingangs rettet er einen Jungen aus einer unangenehmen Pädophilenvilla, bei der anschließenden Flucht sterben Unschuldige und diese Bilder verfolgen ihn seitdem. Derweil will der MMA-Kämpfer Andrew (Joe Flanigan) sein Comeback in Osteuropa einleiten, doch seine Tochter Becky (Charlotte Beaumont) wird aus dem Hotel entführt und die Polizei findet keine heiße Spur. JCVD ist ihre letzte Hoffnung, doch der Gebrochene weist die Eltern ab und widmet sich lieber seiner ranzigen Fleischerei. Daraufhin spielt er für längere Zeit keine große Rolle mehr und Andrew stellt eigenmächtig unbeholfene Ermittlungen an. Weil es klar ist, dass Van Damme schlussendlich helfen wird, gerät dieser ausgeprägte Zwischenpart zu weitgehend uninteressantem Füllmaterial - wie so oft bei Direct-to-DVD-Actionfilmen. Irgendwann legt Jean-Claude dann los und zeigt absolut keine Rücksicht mit den widerlichen Kinderschiebern. Beim finalen Sturm auf den schurkischen Unterschlupf verhalten sich alle Beteiligten recht beschränkt, besonders die Schufte, die JCVD erst anlocken, aber dann panisch feststellen: "Das ist der Metzger, der hat ein ganzes Arsenal dabei! Mit dem haben wir nicht gerechntet!" Und dann greift der auch noch tief in die Trickkiste, erklärt's aber zum Glück ausführlich, bevor den Bösewichten das Lebenslicht ausgeblasen wird. Die Action ist zwar von angemessener Härte, aber angesichts von fast zwei Stunden Laufzeit zu selten, zumal Charakterentwicklungen auch überschaubar bleiben. Warum müssen diese kleinen Actionfilme oft derart lang sein und dabei so viel Leerlauf aufweisen? Und Joe Flanigan (Stargate Atlantis) ist übrigens viel zu schmächtig für einen Kampfsportler und kommt stellenweise selbst wie einer der Schmierlappen rüber, die seine Tochter kidnappten.

SIX BULLETS bzw. 6 BULLETS von Ernie Barbarash (R), Chad Law (B) und Evan Law (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ


Ted


Eine typische Komödie, die niemandem weh tut und gemächlich vor sich hinplätschert: Die halbwegs clevere Idee eines lebendigen Teddybären, der mit "Erwachsenwerden" wie sein Besitzer und bester Freund unanständig rumdrogt und -hurt, reicht für einige gelungene Witze, aber besonders komisch oder kreativ ist der Film nie. Vielleicht auch, weil er eine moralisierende Geschichte um ewig junge Erwachsene abspult, die sich endlich dem Leben stellen sollen/müssen und entsprechend eine Entscheidung zu treffen haben (hier: kiffen mit Ted oder ficken mit Mila Kunis). Der Verlauf des eher braven Films ist daher weitgehend klischeehaft und vorhersehbar. Zudem ist das (Gag-)Tempo gelegentlich erstaunlich niedrig, z.B. beim Höhepunkt des Films, einer Privatparty mit Auftritt von Sam J. Jones. Das ist der Darsteller von Flash Gordon aus dem herrlich bekloppten SF-Film von 1980 und er spielt sich selbst. Solch nostalgischen Cameo-Auftritte funktionieren eigentlich immer, sind aber schlicht Selbstläufer. Und es hätte mehr gezündet, wenn das DVD-Menü nicht als allererstes Jones zeigen würde. Insgesamt muss man sich bei Ted nicht ärgern oder langweilen, Schmunzler und Lacher sind vorhanden - es bleibt jedoch zu viel Potential ungenutzt. Bis auf den tricktechnisch toll umgesetzten Bären würde man wenig verpassen. "Der Typ von Family Guy hat 'nen Kinofilm gemacht" lautet die platte Tagline - Einladung für die einen, Abschreckung für die anderen.

TED von Seth MacFarlane (R, B), Alec Sulkin (B) und Wellesley Wild (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ

Mittwoch, 6. Februar 2013

Zero Dark Thirty (Der dritte Mann)


Die offizielle Wahrheit besagt, dass Osama bin Laden nach einer fast zehnjährigen Suche ausfindig gemacht und im Mai 2011 von einer US-Spezialeinheit erschossen wurde. Diese Geschehnisse schildert Zero Dark Thirty und beginnt dabei an "9/11", mit einem schwarzen Bild. Telefongespräche wegen des ersten Flugzeuges sind zu hören, aber nichts ist zu sehen. Die Zwillingstürme des World Trade Centers werden nicht gezeigt, wie auch Osama bin Laden weitgehend ohne Gesicht bleibt. Auf die berühmtesten Bilder des letzten Jahrzehnts verzichtet Regisseurin Kathryn Bigelow und wendet sich dem zu, wovon es keine Aufnahmen gibt. Der Großteil der zweieinhalb Stunden handelt von CIA-Agenten auf der mühseligen Bin-Laden-Jagd, insbesondere von Maya (Jessica Chastain). Kurz nach den Anschlägen vom 11. September besucht sie ein Geheimgefängnis, wo sie Dan (Jason Clarke) trifft, der der "enhanced interrogation" frönt und Informationen aus Häftlingen herauszufoltern versucht. Über das drastische Vorgehen gerät Maya nur kurz aus der Fassung, dann ist es auch für sie Alltag.

Der Film folgt Maya durch die Jahre ihrer Ermittlungen und Befragungen, reale Terrortaten werden aufgegriffen und immer wieder der Schauplatz gewechselt. Eine Übersicht wäre ohne Jahres- und Ortseinblendungen schwer, Zusammenhänge, Rückschläge oder Durchbrüche der Jagd werden nicht immer deutlich - diese Struktur spiegelt die Suche nach der Nadel im islamistischen Heuhaufen wider. Die Charaktere bleiben in Zero Dark Thirty ebenfalls schwer fassbar: Persönliche Details werden, wenn überhaupt, nebensächlich vermittelt, die CIA bestimmt das Dasein, die Terroristenhatz ist zur Lebensaufgabe geworden. Teil des allumfassenden Jobs ist Folter, von ganz oben verordnet. Gezeigt werden Waterboarding und anderes in deutlichen, obschon nicht zu verstörenden Bildern, die Hauptfiguren setzen sich mit ihrem Tun nicht auseinander. Der Film entzieht sich einer klaren moralischen Stellungnahme, entsprechende Äußerungen von Protagonisten lassen sich unterschiedlich auslegen.

Osama bin Ladens Aufenthaltsort scheint schlussendlich gefunden und er soll erledigt werden, weswegen Special Forces mit Hubschraubern des Nachts ausrücken. Es folgt als Finale eine ausgeprägte Actionszene, untermalt von extrem bassigen Rotorengeräuschen und Explosionen. Doch das Verhalten der Soldaten ist das genaue Gegenteil: Leise und ruhig gehen sie vor, mit Nachtsichtgeräten und schallgedämpften Einzelschüssen - keine Hollywood-Schießerei, mit einem passend unspektakulären Ausgang.

Zero Dark Thirty schafft es, die im Kern allgemein bekannte Geschichte fesselnd zu erzählen. Ob die Herangehensweise in einer Art dramatisierten Dokumentation angemessen ist, gibt Anlass zur Diskussion. Es ist nicht zu übersehen, dass der Film das amerikanische Publikum nicht aufregen, sondern oberflächlich wertfrei ein traumatisierendes Kapitel moderner US-Geschichte bildlich festhalten und gleichzeitig abschließen soll. Im Zusammenspiel mit der oft bruchstückhaften Figurenzeichnung mag sich daher Distanz beim skeptischen Zuschauer einstellen. Kritik schimmert dann aber doch stärker durch: So hat Dan irgendwann genug von seinem Tagewerk - wenn auch diffus begründet - und Folter führt nie zu den wichtigen Erkenntnissen. Die Protagonisten werden dabei aus der Schusslinie genommen (z.B. wird Abu Ghraib nur namentlich erwähnt), die Vorgesetzten und schlussendlich die Regierungsdoktrin geben das Ziel vor: Bringt uns Leute zum Töten. So viel zur Rechtsstaatlichkeit, trotzdem erledigen die Agenten pflichtbewusst ihre Arbeit, können sie irgendwann gar nicht mehr hinterfragen, zu viel Zeit und Blut ist investiert worden.

Kathryn Bigelow schaut also auch in den Hurt Locker: Maya, die zwar selbst nie handgreiflich wird, hat ihr Leben auf den Tod Bin Ladens ausgerichtet, sie würde dazu ein ganzes Haus wegbomben, ungeachtet unschuldiger Mitbewohner. Als es am Ende "mission accomplished" heißt, ist auch sie am Ende: Wie der Soldat in Tödliches Kommando, so existiert der Agent für den Krieg, geht darin auf. Und ohne solche Aufgabe kein Lebenssinn?

Derartige Aspekte hätte man im Film sicher stärker herausarbeiten können oder vielleicht gar sollen, so bleibt insgesamt viel Distanz bestehen, trotz überraschend spannender Erzählung, gekonnter Inszenierung und trefflicher Besetzung. Leider wird wie schon in Tödliches Kommando nicht auf eine etwas melodramatische und vor allem allzu absehbare Nebenhandlung verzichtet. Aber wenn es so gewesen sein soll...

ZERO DARK THIRTY von Kathryn Bigelow (R) und Mark Boal (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universal Pictures

Dienstag, 29. Januar 2013

Flight


What a night! Was für andere eine durchzechte Nacht wäre, scheint für Whip Whitaker (großartig: Denzel Washington) Routine zu sein: In der einen Hand eine Zigarette, neben sich eine junge Dame, die gerade in ihren Schlüpfer steigt, und am Telefon erkundigt sich seine Exfrau, wo denn die aktuelle Unterhaltszahlug bliebe. Kurz noch eine Nase Koks gezogen und drei kleine Wodkafläschen geleert, bevor der amerikanische Inlandsflug aus Orlando losgeht. Whip Whitaker ist der Pilot.

Die eingeübte Routine aus Drogen, Alkohol und Frauen gerät aus der der Balance, als sich das Höhenleitruder seines Flugzeuges verabschiedet. Mit einem waghalsigen Manöver gelingt es Whitaker, die Maschine im Gleitflug auf einem freien Feld zu landen und dem Großteil der Passagiere und Crewmitglieder das Leben zu retten. Für seine außergewöhnliche Leistung wird Whip, der das Unglück leicht verletzt überlebt hat, zunächst als Held gefeiert. Doch die Verehrung schlägt um, als der toxikologische Bericht offenbart, dass er während des Fluges mehrere Promille Alkohol im Blut hatte.

Nach der spektakulär inszenierten Absturzszene ändert sich die Tonalität des Filmes zusehends vom mitreißenden Katastrophenfilm zu einem psychologisch komplexen Drama. Dazu passt, das Flight im Englischen sowohl Flug als auch Flucht bedeuten kann, denn Whip flieht stets vor den Konsequenzen seiner Handlungen. Im Krankenhaus lernt er die drogenabhängige Nicole (Kelly Reilly) kennen. Im Laufe des Filmes werden sie ein Paar, mehr noch, zu einer Schicksalsgemeinschaft. Beide sind abhängig von Rauschmitteln, doch während sie unbedingt davon loskommen will, sieht Whip die Notwendigkeit dafür nicht: In einer Rekonstruktion des Unfalls wurde ermittelt, dass alle zehn an dem Versuch beteiligten Piloten mit dem Flugzeug abgestürzt und somit jeder Mensch an Bord gestorben wäre. So kann sich Whip einreden, dass seine Sucht nicht die Ursache für den Absturz war. Vielleicht denkt er sogar, dass sie ihm zu übermenschlichen Taten verhilft.

Regisseur Robert Zemeckis stellt den Zuschauer bis zuletzt vor die Entscheidung, wie er zu dem Menschen steht, der zwar fast hundert Menschen vor dem sicheren Tod bewahrte, gleichzeitig jedoch verantwortungslos mit deren Leben gespielt hat. Der in der Folge weiterhin verantwortungslos bleibt und sich seiner Sucht hingibt. Die Bewertung seiner Handlungen bleibt lange Zeit offen und hierin liegt eine der großen dramaturgischen Stärken des sonst überschaubar ambitionierten Plots. Ist Whip eine verdammt coole Sau, die zugekokst noch lässig ein Flugzeug fliegt, oder muss man ihn nach rechtlichen Maßstäben beurteilen? Dann wäre er ein Krimineller. Sollte sein Verhalten vom Ergebnis oder vom Grundsatz her beurteilt werden? Am Ende des Films findet Zemeckis für diesen spannenden Konflikt eine allzu moralische Lösung. Dennoch ist Flight auch aufgrund des stark aufspielenden Ensembles um Denzel Washington einen Kinobesuch wert.

FLIGHT von Robert Zemeckis (R) und John Gatins (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © StudioCanal

Mittwoch, 23. Januar 2013

Der Geschmack von Rost und Knochen


Der Geschmack von Rost und Knochen ist ein außerordentlicher Liebesfilm des französischen Regisseurs Jacques Audiard - ein Film, der übersehen wurde und das gleich zweimal. Weder bei den Filmfestspielen in Cannes noch bei den Golden Globes konnte der Film mit Marion Cotillard in der Hauptrolle einen der begehrten Preise gewinnen. Es kommt noch schlimmer: Für einen Oscar ist der Film gar nicht nominiert. Um zu verstehen, warum das eine schreiende Ungerechtigkeit ist, fängt man am Besten mit der Geschichte an.

Alain, kurz Ali (Matthias Schoenaerts), flüchtet aus dem Norden in den Süden Frankreichs. Er ist ein Hüne von beeindruckender physischen Präsenz. Zusammen mit seinem kleinen Sohn kommt er bei seiner Schwester unter. Ali ist wohl das, was man am ehesten einen Landstreicher und Herumtreiber nennen kann. Als Türsteher einer Diskothek verdient er zunächst sein Geld und lernt dabei die schöne Stephanie (Marion Cottillard) kennen, die vor dem Club in eine Schlägerei verwickelt wird. Er bringt die Betrunkene nach Hause und lässt ihr seine Nummer da, falls sie sich wieder melden möchte. Wahrscheinlich hätte sie das nie getan, denn so richtig gefunkt hat es zwischen den Beiden nicht. Doch einige Zeit später ändert sich Stephanies Leben schlagartig: Sie arbeitet in einem Sea Life Centre und animiert dort Killerwale zu Kunstücken für die Zuschauer. Eines Tages gerät eine Show außer Kontrolle, sie fällt ins Becken und verliert beide Unterschenkel. Von nun an muss sie ihr Leben im Rollstuhl bestreiten.

Im Vergleich zum ebenfalls aus Frankreich stammenden Ziemlich beste Freunde ist Der Geschmack von Rost und Knochen aber keine Komödie, im Gegenteil, Stephanie stürzt in eine tiefe Depression und verliert ihren Lebensmut. Aus der strahlenden Schönheit wird ein körperliches und seelisches Wrack. In ihrer Verzweiflung meldet sie sich bei Ali, der sie aus ihrer trostlosen Sozialwohnung hinaus in die Welt bringt und mit ihr zum Strand fährt. Als sie mit ansehen muss, wie dieser ins Meer springt, überkommt sie neue Zuversicht und lässt sich von ihm ins Wasser tragen. Eindrucksvoll vermittelt Cotillard, wie neue Lebensfreude in die abgemagerte Stephanie fährt.

Man könnte vermuten, dass der Film von da an in eine kitschige Liebesschnulze abdriftet - mitnichten. Regisseur Audiard beschreibt die Annäherung zwischen den beiden so unterschiedlichen Charakteren völlig unsentimental. Ali, der sein Geld auch mit brutalen Zigeunerkämpfen verdient, bei denen es ohne Regeln zugeht, ist ein gleichgültiger Mensch. Beinahe ein wildes Tier, das seinen Urinstinkten folgt, um zu überleben. Sein Sohn ist da eher ein notwendiges Übel, das er erträgt, nicht weil er will, sondern muss. Ali fragt Stephanie völlig selbstverständlich, ob er mit ihr schlafen soll, damit sie danach weiß, ob das noch geht. Menschliche Bindungen scheinen ihm fremd. Er ist ein von der Gesellschaft Ausgegrenzter, dem es gelingt, Stephanie wieder in das Leben zurückzuholen. Zusammen sind sie stärker als jeder für sich alleine. Sie ziehen sich an und stoßen sich ab. Sie ist bei seinen Kämpfen dabei, bekommt Prothesen und lernt zu laufen. Er lässt sie immer näher an sich heran - der Schläger und die Behinderte lernen einander zu lieben. Im Verlauf des Filmes immer ein Stückchen mehr, aber bis kurz vor Schluss nie ganz.

Der Geschmack von Rost und Knochen ist wuchtig und gleichzeitig poetisch. Grausam und wunderschön im selben Moment. Man wünscht beiden Figuren, dass sie zusammen im Leben ankommen, doch während man hofft, ahnt man, dass sie es schwer haben werden. Ebenso wie man vergebens hofft, dass dieser Film noch große Filmpreise gewinnen wird, die ihm aufgrund seiner Qualität zustehen.

DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN bzw. DE ROUILLE ET D'OS von Jacques Audiard (R, B) und Thomas Bidegain (B), Frankreich/Belgien 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Wild Bunch

Dienstag, 22. Januar 2013

Django Unchained [Doppelkritik]

Ein neues Werk von Quentin Tarantino ist immer ein Ereignis und perfekt für unsere Rückkehr aus der Winterpause - ob der Film den beiden ZFX-Schreibern dieses Mal gleichermaßen zugesagt hat?

I. "His Name is King" von Tobberich


Der Plot von Django Unchained, dem aktuellen Werk von Kultregisseur Quentin Tarantino, ist denkbar simpel: Der Sklave Django (Jamie Foxx), im damaligen Jargon ein "Nigger", wird von dem aus Deutschland stammenden Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) aus den Händen von Sklavenhändlern befreit, weil der seine Hilfe benötigt. Im Gegenzug macht er Django ein Angebot: Sobald dieser ihm geholfen hat, eine Bande gesuchter Verbrecher zu identifizieren, will er ihm die Freiheit schenken. Schultz nimmt Django unter seine Obhut, bildet ihn im Gebrauch von Waffen aus und alsbald kann Django als freier Mann mit Hilfe von Schultz eigene Ziele verfolgen: Seine Frau Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) irgendwo im Süden ausfindig machen, sie befreien und mit ihr zusammen in den Sonnenaufgang des liberaleren Nordens reiten.

Bereits an den Namen der Hauptfiguren wird deutlich, dass sich Tarantino wieder tief in der Mythologie der modernen Pop- und Kinokultur bedient hat. Der Name der Titelfigur referiert auf den gleichnamigen Spaghetti-Western von 1966, während Broomhildas Nachname auf eben jenen Shaft von 1971 verweist. Dass Broomhilda vom deutschen Vornamen Brunhilde abgeleitet und somit von Wagners Nibelungen-Saga inspiriert wurde, sei nur am Rande erwähnt.

Die Story teilt sich gefühlt in drei Teile, die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch qualitativ voneinander unterscheiden: Die Befreiung Djangos und dessen Ausbildung zum Killer bilden den ersten. Hier ist es vor allem der gebürtige Österreicher Christoph Waltz, der die pointierten Dialoge aus der Feder von Quentin Tarantino mit großem Können trägt und als kongeniales Sprachrohr der Zeilen des Autors fungiert. Man fragt sich als Zuschauer deshalb zu Beginn, wer hier die Hauptrolle spielt: Dder titelgebende Sklave oder der Düsseldorfer Dr. King Schultz, denn zu dominant ist der Redeanteil von Waltz. Django hat eher unbedeutende Anteile und tritt passiv auf - das spiegelt auch das Schüler-Lehrer-Verhältnis, welches zwischen beiden anfangs noch besteht.

Im zweiten Teil machen sich die beiden Revolverhelden auf, um die schöne Broomhilda aus der Sklaverei von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) zu befreien. Hier beginnt die Figur Djangos wichtiger für die Fortentwicklung der Geschichte zu werden, sie emanzipiert sich zusehends von Schultz, beide Figuren agieren jetzt auf Augenhöhe - man könnte an dieser Stelle von einem klassischen Buddy-Movie sprechen. Es ist trotzdem die insgesamt schwächsten Phase des Filmes, die zu einem Großteil auf der Plantage des Sklavenhalters spielt. Der Story fehlt der notwendige Drive, die Dramaturgie wirkt streckenweise ziellos – hier hätte Tarantino etwas stringenter arbeiten und seinen über 160 Minuten langen Film an der ein oder anderen Stelle kürzen können. Im letzten Part, auf der Zielgeraden sozusagen, gewinnt der Plot wieder an Fahrt und hat einige gelungene Szenen zu bieten.

Über den ganzen Film hinweg ist die inhaltliche Nähe zu anderen Werken von Tarantino auffällig, vor allem zu Kill Bill. Beide Werke Tarantinos setzen auf dasselbe Grundschema: Gefallene Figur findet ins Leben zurück und macht sich gestärkt auf in die Vendetta gegen alten Feinde, inklusive des obligatorischen, wenig dezenten Gemetzels am Ende. Hier hätte Tarantino einen ambitionierteren Ansatz verfolgen können. Auch das Thema Rassenhass hat er zuletzt in Inglourious Bastards bereits aufgegriffen.

Neben den ausgezeichneten Dialogen sind es der Cast und der Soundtrack, die Django Unchained zu einem unterhaltsamen Film werden lassen. Man kann sich kaum vorstellen, dass eigentlich Will Smith für die Rolle des Django vorgesehen war. Die Wandlung vom schüchternen, gedemütigten Sklaven zum selbstbewussten, aus seinen Ketten befreiten Revolverhelden gelingt Jamie Foxx überzeugend. Einziger Kritikpunkt: Die Entwicklung vollzieht sich sehr schnell, hier hätte der Charakter im Drehbuch weiter ausgearbeitet werden können. Neben Christoph Waltz, der seine Rolle nonchalant mit sublimen Witz spielt, sind vor allem Leonardo DiCaprio als widerwärtiger, maliziöser Plantagenbesitzer und Samuel L. Jackson als klappriger und hinterhältiger Haussklave/Butler Stephen positiv aufgefallen.

Tarantino hat mit Django Unchainend einen ordentlichen Ausflug in das Western-Genre hingelegt und wurde inzwischen auch für den Oscar in der Rubrik "Bester Film" nominiert. Einer starken Besetzung, gelungenen Pointen sowie einem treibendem Soundtrack stehen jedoch Schwächen im Drehbuch gegenüber. Außerdem bietet auch der bisher längste Film des Regisseurs die immer gleichen Angriffspunkte für seine Kritiker: die Vorliebe für ausschweifende Dialoge und brutale Gewaltszenen. Dem Stammpublikum wird das wenig ausmachen.

II. "Der Arzt, dem die Sklaven vertrauen" von HomiSite


Dreck und Matsch und Verfall und Farbarmut - Sergio Corbucci schuf 1966 in Django eine Western-Vorhölle, aus der niemand unbeschadet entkam. Quentin Tarantino präsentiert in Django Unchained stattdessen das weite Land, die verschneiten Berge und schließlich den malerischen Süden der USA. Doch die Abgründe lauern hinter der schönen Fassade weißer Häuser und feiner Herrschaften, auf den unmenschlichen Sklavenplantagen der Großgrundbesitzer. Dort wurde der Grundstein gelegt für das, was Django (Jamie Foxx) sein wird. Zu Filmbeginn trottet er noch verschüchtert und angekettet in einem Gefangenentross dahin, bis ihn Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit. Dieser wunderliche Zahnarzt aus Deutschland verdingt sich mittlerweile als Kopfgeldjäger - kein großer Schritt, mögen manche Patienten einwerfen. Schultz braucht Django, um ein paar gesuchte Verbrecher zu identifizieren, und weil der frisch befreite Sklave dabei viel Eigeninitiative zeigt, setzen die beiden ihre Zusammenarbeit fort. Und nach dem Winter wollen sie Djangos Ehefrau (Kerry Washington) aus der Sklaverei Calvin Candies (Leonardo DiCaprio) befreien...

Quentin Tarantinos 165 Minuten langer Western kann - wie auch von Tobberich geschildert - als aus drei Teilen bestehend betrachtet werden: Eingangs die Kopfgeldjägerzeit von Schultz und Django, in der die Charaktere eingeführt werden. Schultz ist ein redegewandter, geradezu quasselnder Gentleman, der Sklaverei und Verbrechen, doch nicht das schnelle Töten ablehnt. Christoph Waltz fegt durch den Film und drängt Andere oft zur Seite, in gewisser Weise lässt er aber bloß seinen Hans Landa aus Inglourious Basterds neu aufleben - dieses Mal als guter Deutscher. Seine Selbstsynchronisation ist bisweilen derart entfesselt, dass es ins Unglaubwürdige kippt, bleibt trotzdem stets unterhaltsam. Jamie Foxx als schwarzer Django wandelt sich unter Anleitung des Doktors schnell vom scheuen Untergebenen zum harten Cowboy, Schultz ebenbürtig. Die anderen bedeutenden Rollen - Candie und dessen "Hausneger" Stephen - werden von DiCaprio und Samuel L. Jackson mit Verve und auch Overacting gespielt. Ihre Auftritte markieren den zweiten Teil des Films, die direkte Konfrontation mit der Sklaverei und dem Alltag auf der Plantage und schließlich mit den Herren dort.

Bis dahin hält Tarantino die Erzählung stets im Griff, trotz mancher nicht zwingend nötiger Rückblenden oder dialoglastiger Nebenszenen. Doch da ein Held erst wahrlich triumphieren kann, wenn er nach vermeintlichem Sieg tief gefallen ist, gibt es noch einen Schlussteil, der leider nicht allzu geschmeidig dahingleitet. Dies scheint auch Tarantino aufgefallen zu sein, der das tatsächliche Finale dann überraschend kurz hält. Die öfters vernommene Kritik von überflüssigen und selbstzweckhaften Abschnitten und einem insgesamt zu langen und zähen Film ist übertrieben, nichtsdestotrotz darf sich Tarantino zukünftig gerne einer etwas stringenteren Erzählweise bedienen. Und vielleicht sollte er den Inhalt seiner Filme variieren: Rache ist das Leitmotiv vieler seiner Werke und Django Unchained wirkt in direkter Folge auf Inglourious Basterds strukturell sehr ähnlich.

Natürlich bleibt Tarantino neben diversen filmischen und inhaltlichen Zitaten seiner ausgeprägten Soundtrackgestaltung treu, die wiederum sehr gefällig, wenn auch nicht seine innovativste ist. Gegen Ende bringt Tarantino fast zu viele Lieder unter, was in harten Wechseln mündet. Auf visueller Ebene ist der einfallsreiche Regisseur für seine nicht zurückhaltende Gewaltdarstellung bekannt und Django Unchained könnte sein blutigstes Werk sein: Jede Schusswunde führt zu Blutfontänen, die eher splattriger Spaß statt unangenehmem sind. Die zentrale Schießerei, die glücklicherweise von den Trailern nicht vorweggenommen wurde, dürfte neue Western-Maßstäbe im Blutvergießen setzen und ist so famos wie packend inszeniert. Als Kontrapunkt setzt Tarantino immer wieder erschütternde Momente, in denen die grafische Gewalt beinahe vollkommen abwesend, die Wirkung aber gerade dadurch größer ist.

Schlussendlich ist Django Unchained trotz aller Brutalität ein überwiegend heiterer und unverfänglicher Film, der gleichwohl plakativ Kritik an der Sklaverei und damit amerikanischen Vergangenheit übt. Auch die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft wird thematisiert, doch droht all dies in den rhetorischen als auch blutigen Unterhaltungsszenen unterzugehen (vielleicht ist genau dies Absicht). So oder so streicht Tarantino die Herrenhäuser mit dem Blut ihrer Besitzer und erinnert an den vergossene Lebenssaft der Sklaven, mit dem der Wohlstand des weißen Mannes errichtet wurde. Mit den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg suchte sich Quentin Tarantino eine im Western selten behandelte Nische, die Genre-Revolution oder einen klassischen Italowestern hat er jedoch nicht gedreht. Da dürfte Keoma das Maß aller Dinge bleiben, mit dem originalen Django Franco Nero - natürlich in einer Nebenrolle in Tarantinos gelungener Neuinterpretation.

DJANGO UNCHAINED von Quentin Tarantino (R, B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Sonntag, 9. Dezember 2012

All the Boys Love Mandy Lane (Sommergefühle)


Ein blümchenverziertes Oberteil und die gaffend-sehnsüchtigen Blicke ihrer pickeligen Mitschüler, erst dann wird ihr formvollendetes Gesicht gezeigt: Mandy Lane (Amber Heard) ist das schönste Mädchen an der Schule. Keine Cheerleaderin, die mit dem Kapitän der Sportmannschaft liiert ist, stattdessen lässt sie die Jungs beim Sprint hinter sich. Unnahbar und unberührt, Ruhepol als auch Fremdkörper in einer gierigen Teenagerwelt aus Alkohol, Drogen und Sex. Trotzdem sagt Mandy zu, als eine kleine Partyclique sie auf eine alte Ranch einlädt. Wer Mandy Lane in der ländlichen Abgeschiedenheit endlich herumbekommen wird, ist das Hauptthema unter den männlichen Begleitern. Doch ein ungebetener Gast möchte dabei ein Wörtchen mitreden, mit endgültigen Argumenten...

All the Boys Love Mandy Lane macht bereits im Vorspann keinen Hehl um seinen Inhalt, obwohl eingangs noch ein Jugenddrama um Außenseitertum möglich scheint. Durch leichte Verschiebungen verschleiert er seine typischen Slasher-Bestandteile oder überhöht sie: Mandy Lane unübersehbar als unschuldige Heldin im Kreise "verdorbener" Jugendlicher, die komplett unsympathisch ihren Dauertrieben folgen. Der obligatorische Killer ist dann jedoch wenig bedrohlich oder mysteriös und bedient kaum das Klischee der blutig-kreativen Tötungen. Ebenso verkürzt gerät die Phase des Terrors, in der nach ersten Verlusten die Gefahr erkannt wird. Aber der schlussendlich dargebotene Ausgleich für diese Genrevariationen kann nur bedingt überzeugen, entschädigt nicht für eine weitgehend träge Handlung. Uninteressant ist die Auflösung keineswegs und auch passend zum Film, bleibt indes eine Idee ohne konsequente Ausarbeitung. Da nützen auch keine Amber Heard oder künstlerisch fotografierte, letztlich ziellose Einstellungen - gescheiterte Ambitionen erdrücken All the Boys Love Mandy Lane: Immer noch ein Slasher und dazu ein langweiliger.

PS: In den Kommentaren ein paar Worte zur Auflösung (Spoiler).

ALL THE BOYS LOVE MANDY LANE von Jonathan Levine (R) und Jacob Forman (B), USA 2006, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film/Senator

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Dredd (Doppelwumme?)


2 Elite-Polizisten und 200 Stockwerke - die Plotparallele zu The Raid ist unübersehbar: Judge Dredd (Karl Urban) untersucht mit der telepathisch begabten Anfängerin Anderson (Olivia Thirlby) einen Mordfall in einem titanischen Wohnblock. Damit keine Zeugen ihrer Drogengeschäfte zum Verhör abtransportiert werden, lässt die ansässige Unterweltchefin Ma-Ma (Lena Headey) das gesamte Gebäude abriegeln und ruft zur Kopfjagd auf die beiden Ordnungshüter.

Eine reduzierte Geschichte, die in einer ebenso knapp umrissenen Welt spielt: Im zukünftigen Nordamerika ist das Land verseucht und die endlose Mega-City One an der Ostküste eine der letzten Enklaven. Heimgesucht von zahllosen Verbrechen vereinen die "Judges" nun Polizei, Gericht und Strafvollzug in einer Person. Vom zivilisatorischen Verfall wird jedoch nur wenig abgebildet, die eindrucksvollen Stadtbilder aus der Vogelperspektive bleiben unkonkret. Da hatte tatsächlich die aufwändige Erstverfilmung des britischen Comics - Judge Dredd mit Sylvester Stallone - mehr von der verkommenen Welt gezeigt. Und auch mehr von der Hauptfigur, denn nun lässt Dredd seinen ikonischen Helm stets auf, Karl Urbans Kopf bleibt bis auf die grimmig verzogene Mundpartie verdeckt. Olivia Thirlby hingegen darf natürlich ihr hübsches Gesicht zeigen, was immerhin erklärt wird.

Bald müssen sich der hartgesottene Dredd und die unerfahrene Anderson gegen die heranstürmenden Gangsterhorden erwehren und nutzen ihre futuristischen Pistolen weidlich aus. In Dredd wird viel, schnell und blutig gestorben, mit angenehm zurückhaltendem CGI-Einsatz. Und auch die Zivilbevölkerung wird nicht verschont, wenn Ma-Ma die Geduld mit ihren unfähigen Untergebenen verliert und die großen Kaliber auspackt. Lena Headey spielt das Verbrecheroberhaupt herrlich distanziert-sadistisch, hätte jedoch mehr aktive Auftritte vertragen können.

Dredd kann als Komplementärwerk zum bereits erwähnten The Raid verstanden werden: Letzterer konzentrierte sich auf ausgeprägte Nahkampfszenen, in Dredd sind es zügige Schießereien. The Raid hatte einen langen Endfight, Dredd verweigert sich dem klassischen Showdown. Beide spielen in heruntergekommenen Bauwerken, einmal in der asiatischen Gegenwart, Dredd in einer dystopischen US-Zukunft. Der indonesische Actionkracher ist bodenständig inszeniert, während die Judges Schurken in Zeitlupe erledigen. Denn als visuelle Besonderheit wird die Wirkung der Droge "Slo-Mo" durch extrem verlangsamte Szenen samt knalliger Farben illustriert, ästhetisch-stilisierte Bilder, die auch für brutale Schussverletzungen benutzt werden. Überstrapaziert wird dies nicht, es hätte gar noch eine Actionszene mehr solcher Art nicht gestört. Und in diesen Abschnitten ist das 3D halbwegs sinnvoll, ansonsten unauffällig bis störend. Wie immer.

Spielen aber nun The Raid und Dredd in derselben Liga? Wer keine Übersättigung durch die Dauerkämpfe bei The Raid verspürte, dürfte hier nur bedingt beeindruckt sein. Abgesehen von geschilderten Slo-Mo-Sequenzen sind die Schusswechsel leider recht konventionell gefilmt und zu schnell vorbei. Basslastige Beats heizen wie bei The Raid an, aber der Kick in Dredd ist oft kurz oder schwach - gestreckte Actiondroge? Zudem wagt Dredd zu selten den letzten Schritt bei der Gewaltdarstellung, trotz der verkommenen und schonungslosen Welt. Man könnte die Schießereien zu Beginn von The Raid gar als packender empfinden, obwohl dort nur mit herkömmlichen Waffen hantiert wurde. Die Geschichte stellt sich in Dredd auch nicht ausgefeilter dar, die Telepathie von Anderson als eher unnötiges Beiwerk.

Dredd ist ein visuell interessanter, kompakter und düsterer Actionfilm mit coolen Protagonisten, aufwändiger und nominell abwechslungsreicher als The Raid. Jedoch erreicht die Comicadaption zu selten die Intensität von Gareth Evans' außergewöhnlichem Martial-Arts-Extrakt. Ohne diesen Direktvergleich mag Dredd mehr überzeugen, gelungen ist er nichtsdestotrotz.

DREDD 3D von Pete Travis (R) und Alex Garland (B), UK/USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Universum Film/Lionsgate

Freitag, 30. November 2012

Shortcuts: 21 Jump Street, Night of the Demons & Thale

21 Jump Street


Depp(en)! Von der "kultigen" Jugendserie Ende der 1980er, die ich nie gesehen habe, zu einer chaotischen Kinokomödie - das kann ja heiter werden. Schmidt (Jonah Hill) ist ein Außenseiter an seiner Schule und tritt eingangs im Slim-Shady-Outfit auf. Dies wird natürlich mit Eminem-Mucke unterlegt, damit auch jeder Zuschauer den visuellen Gag versteht. Er und die Sportskanone Jenko (Channing Tatum) treffen sich später auf der Polizeiakademie wieder und helfen sich gegenseitig durch die Ausbildung. Schließlich landen sie aufgrund ihren jungen Aussehens als Undercover-Ermittler an einer High School und sollen einen Drogenring sprengen. Bis dahin muss der viel zu alberne Anfang überstanden werden und der unausgegorene Tonfall des Films wird ein Problem bleiben: Blödelfarce, Schulkomödie, Actionkrimi? Recht gewitzt spielt 21 Jump Street mit früheren und heutigen Jugendtrends und verdreht das typische Streber-Sportler-Schema, bleibt aber meist oberflächlich denn hintersinnig. Gelungen und Highlight des Films sind die abstrusen und unangebrachten Kommentare der Protagonisten, auch als gegen Ende überraschend blutig, aber stets undramatisch herumgeballert wird. Man kann lachen, manchmal.

21 JUMP STREET von Phil Lord (R), Chris Miller (R) und Michael Bacall (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ

Night of the Demons


Halloween! Maddie (Monica Keena), Lily (Diora Baird) und Suzanne (Bobbi Sue Luther) besuchen die langerwartete Party von Angela (Shannon Elizabeth) in einem leerstehenden Anwesen mit mysteriöser Vergangenheit. Doch nachdem die Polizei den Laden dichtgemacht hat, wollen ein paar Dämonen noch weiterfeiern... Die vollbusigen Darstellerinnen laufen natürlich in entsprechenden Kostümen herum bzw. irren bald kreischend durchs Horrorhaus. Hier ein bisschen Gore, da etwas nackte Haut und dort ein paar nette Monstermasken. Aufregend oder gruselig ist diese dämonische Nacht kaum, setzt auch mehr auf teils ganz lustige Witze. Plötzlich und völlig aufgesetzt wird dann das simple Geschehen haargenau erklärt, denn "die anderen sind jetzt Dämonen. Sie sind nicht mehr die, die wir kannten. Sie sind jetzt böse, sie sind fies, hinterhältig, mordlüstern und pervers". Die Erläuterungen sind jedoch überflüssig, da der Film mit einem passend im Stummfilmstil gedrehten Prolog beginnt - der bereits das Wesentliche vorwegnimmt. Nights of the Demons ist eine klischeehafte und günstige Horrorkomödie, immerhin einigermaßen spaßig samt Schauwerten für männliches Publikum (der aufgedunsene Edward Furlong dürfte das andere Geschlecht dagegen wenig begeistern).

NIGHT OF THE DEMONS von Adam Gierasch (R, B) und Jace Anderson (B), USA 2009, IMDb, RT, FZ

Thale


Schade! Das Filmplakat definiert mal eben den Begriff "Spoiler" neu. Aber ohne dessen Kenntnis entspinnt Thale langsam und wortkarg seine Geschichte von zwei Tatortreinigern (Erlend Nervold und Jon Sigve Skard), die am hellichten Tag - das verrät das Plakat nicht - eine abgelegene Waldhütte säubern müssen. Ein typischer Horroraufbau, aber die Spannung, als die beiden merkwürdige Kellerräume entdecken, wird durch die Entschleunigung und die lakonischen Protagonisten effektvoll verstärkt. Mit der Entdeckung einer jungen Frau (Silje Reinamo) bricht das Unheil immer noch nicht los, während sich Andeutungen mehren. Und dann wusste Regisseur und Autor Aleksander Nordaas offenbar nicht weiter und setzt neben einem bereits etablierten Erzählmittel zusätzlich auf konstruierte Rückblenden - der Erklärbär frisst den Film, der nun mit ausschweifendem und zumindest recht wortgewandtem Voice-over bisweilen gar an Die Wand erinnert. Ein kitschiges Ende darf ebenso wenig fehlen und gegen diese ganzen Fehltritte kommen die poetische Bildgestaltung, schöne Musik, Grundidee und ordentlichen Effekte schwerlich an.

THALE - EIN DUNKLES GEHEIMNIS von Aleksander Nordaas (R, B), Norwegen 2012, IMDb, RT, FZ

Samstag, 17. November 2012

Shortcuts: 30 Days of Night: Dark Days, The Hit List & Transit

30 Days of Night: Dark Days


Die ursprüngliche 2007er Comicverfilmung bot abgesehen von seiner unerträglich hyperaktiven Optik eine interessante Ausgangslage: Vampire griffen eine Siedlung jenseits des Polarkreises an. Davon ist im Nachfolger Dark Days nichts übrig, die einzige Überlebende der dreißigtägigen Blutnacht - Stella - wird nicht mehr von Melissa George, sondern nun von Kiele Sanchez dargestellt und versucht mittlerweile, die Welt über die Untoten aufzuklären. Schnell trifft sie auf eine kleine Vampirjägertruppe (Rhys Coiro, Diora Baird, Harold Perrineau), die von einem völlig überflüssigen Blutsauger menschenfreundlicher Natur (Ben Cotton) bei der Jagd auf eine ebenfalls neu eingeführte Vampirkönigin mit Klischeenamen Lilith (Mia Kirshner) unterstützt wird. Die bösen Vampire hampeln tierhaft in Gothic-Outfits herum, während die Protagonisten sich als die wirklich inkompetentesten Untotenbekämpfer aller Zeiten blamieren. Unterbrochen von ein paar zünftigen Bluteffekten kriecht die nicht verlustfreie Suche nach der Herrscherin zäh durch leere Lagerhallen und marode Schiffsbäuche voran. Selbst in der letzten Szene geht Stella sicher, dass der Zuschauer ihre Dummheit nicht vergisst.

30 DAYS OF NIGHT: DARK DAYS von Ben Ketai (R), Steve Niles (B), Stuart Beattie (B) und Brian Nelson (B), USA 2010, IMDb, RT, FZ

The Hit List


Cole Hauser (Allan Campbell) ist angepisst: Ein Arbeitskollege klaut seine Idee, vermasselt ihm so die erwartete Beförderung und dann erwischt er seine Freundin (Ginny Weirick) beim Matratzensport mit dem besten Freund. Im Scherz und Suff schreibt er abends in einer Bar die titelgebende Todesliste - doof jedoch, dass der fremde Trinkpartner Jonas Arbor (Cuba Gooding Jr.) tatsächlich ein Auftragsmörder ist und sich sogleich ans Werk macht. Leider wird die Idee des unbewusst angeheuerten Killers nicht ausgereizt, weil Cole niemals zur Handlung gegen den steifbeinig spielenden Cuba Gooding Jr. gezwungen wird, bis zum Finale  (dort dann aber über die Stränge schlägt). So köchelt die Spannung auf Sparflamme bei preisgünstiger und eher unbeholfener Inszenierung mit nur solider, aber überraschend harter Action.

THE HIT LIST von William Kaufman (R), Chad Law (B) und Evan Law (B), USA 2011, IMDb, RT, FZ

Transit


Nach dem Überfall auf einen Geldtransporter versteckt eine Gangstertruppe notgedrungen ihre Beute im Gepäck einer vierköpfigen Familie, die ihre Probleme beim Camping bereinigen möchte. Leidlich unterhaltsam versuchen die Schufte dann, die Spur der ahnungslosen Familie nicht zu verlieren, und jagen im heißen Schlitten hinterher - wer so ein Auto fährt, ist natürlich cool oder böse oder eben beides. Beim Zusammentreffen der Familie unter Papa Nate (Jim Caviezel) mit Mareks (James Frain) Outlaws (u.a. "DDiora" Baird und Harold Perrineau, nach Dark Days kurzzeitig wiedervereint) kommt es leider kaum zu psychologischen Spannungen, es wird sofort körperlich. Nach unansehnlich zerschnittenen Autounfällen geht die Hatz in den Sümpfen weiter, das liebe Geld führt zu trotzdem schwer nachvollziehbaren Handlungen der Verbrecher und die größte Überraschung bleibt, dass niemand von einem hungrigen Alligator angegriffen wird.

TRANSIT von Antonio Negret (R) und Michael Gilvary (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ

Mittwoch, 14. November 2012

Skyfall [Doppelkritik]


Die lange verzögerte/erwartete Rückkehr von James Bond wird weitgehend sehr positiv gesehen, was jedoch nicht alle ZFX-Schreiber vorbehaltlos unterschreiben können - deswegen eine Doppelkritik.

I. "Analogheld" von Tobberich


Mal wieder ein neuer Bond. Die Nummer 23. Meine persönliche Geschichte mit dem Geheimagenten Ihrer Majestät begann 1995 mit Pierce Brosnan in GoldenEye, den ich auch retrospektiv noch für einen der Besten der Reihe halte. Nun also das dritte Abenteuer mit Daniel Craig.

Worum geht's? Sagen wir mal: Die Geheimdienstkacke ist am Dampfen. Der britische Geheimdienst MI6 unter der Führung von M (Judie Dench) hat eine supergeheime Festplatte mit den Klarnamen aller NATO-Agenten verloren. Auch Bond konnte den Diebstahl nicht verhindern, schlimmer noch, er wird zu Beginn des Filmes angeschossen und kehrt nach kurzer Auszeit als körperliches und seelisches Wrack zurück ins Königreich. Indes steht es nicht gut um den MI6: Das Hauptquartier wird gesprengt, ein neuer Chefaufseher (Ralph Fiennes) installiert und der politische Druck auf M endlich zurückzutreten wächst. Bond muss nun herausfinden, wer die Festplatte gestohlen hat und warum er dem MI6 so massiv schaden will. Nach kurzer Weltreise in Richtung Asien hat er Raoul Silva (Javier Bardem), den Drahtzieher des Manövers, scheinbar geschnappt: Silva sitzt im Hochsicherheitstrakt des MI6. Mit seiner gelungenen Flucht spitzt sich die Lage jedoch nur noch umso mehr zu.

Auch wenn ich hier eventuell den Spannungsmoment meiner Rezension vorwegnehme: Skyfall ist einer der besten Bond-Filme, den ich bis jetzt gesehen habe. Bereits Casino Royale, die erste Auflage mit Daniel Craig, war eine Wohltat nach den völlig ausufernden Spektakeln, in denen Pierce Brosnan nach GoldenEye mitwirkte. Der zweite Film mit Craig, Ein Quantum Trost, war dann eine Enttäuschung, zumindest konnten meine Augen dem Schnittstakkato auf der Leinwand kaum folgen. In Skyfall wird die Schnittfrequenz etwas zurückgeschraubt und auch sonst einiges anders gemacht.

So oft wie Bond und M betonen, die Dinge wieder auf die altmodische Art regeln zu wollen, muss es auch beim letzten Zuschauer ankommen, dass Regisseur Sam Mendes (American Beauty) mit Skyfall einen anderen Zugang wählt als seine Vorgänger. Und der funktioniert: Wo Bond früher in 90 Minuten um die Welt jagte, um Bösewichte zu fassen, spielt ein Großteil der Handlung nun in Großbritannien. Lakonische Reminiszenzen auf frühere Werke durchziehen den gesamten Film und zünden fast immer.

Bond kehrt zu seinen Ursprüngen zurück, verkörpert den Agenten klassischen Typus. Mehr als das: Bond ist gebrechlich, macht Fehler, seine Hand zittert, wenn er zum Schießen ansetzt und die Kondition war auch schon besser. Mendes inszeniert ihn als analogen Helden in einer digitalen Welt. Online- und Offline-Welt stehen sich gegenüber, personifiziert durch Bond auf der einen und einen genialisch aufspielenden Javier Bardem auf der anderen Seite. Überhaupt Bardem: Was für ein Bösewicht, ein Lausbub mit tiefgreifendem Mutterkomplex - wunderbar! Homoerotische Annäherung an Bond, dass muss man sich erst einmal trauen.

Und sonst: Ein neuer Q (Ben Wishaw), der als digitaler Zauberer Bond aus der Zentrale heraus unterstützt. Passend zum Konzept des analogen Recken gibt er Bond nur zwei minimalistische Gadgets mit auf den Weg: Peilsender und Walther PPK - that's it - und spielt darauf an, dass sie so etwas wie explodierende Kugelschreiber (GoldenEye) schon lange nicht mehr herstellen.

Mendes schafft es mit der Rückbesinnung auf die Fähigkeiten eines analogen Helden und der geschickten Verflechtung in die Gesamtgeschichte der Saga einen fulminanten und mit starken Bildern ausgestatteten Beitrag zum 50jährigen Bondjubiläum abzuliefern.

II. "Aufgetakelt" von HomiSite


Die eigene Identität, der Platz im Leben - mit der Lizenz zum Töten im Auftrag Ihrer Majestät sollten dabei keine Zweifel herrschen. Die Aufgabe und damit die Stellung ist seit Jahrzehnten dieselbe - "rette die Cheerleaderin, rette die Welt", wie es andernorts einmal hieß, und obschon den weiblichen Bekanntschaften von James Bond oft kein Glück beschieden war, so erfolgreich war "007" beim Weltretten. Während Sean Connery oder Roger Moore noch den britischen Agenten verkörperten, waren Grenzen und Weltbilder eindeutig und unveränderlich. Und als Pierce Brosnan in den 1990ern von Remington Steele zu James Bond wurde, waren die Filme zunächst vom Ende des Kalten Krieges und einer unklaren Zukunft geprägt, verloren sich dann in spezialeffektvoller Hemmungslosigkeit um die Jahrtausendwende. Nur vier Jahre währte dann die Leinwandabstinenz der Geheimdienstikone, unterdessen zeigten jedoch andere, wie moderne Agentenaction aussieht. Seitdem kämpft Daniel Craig als aktueller Bond um die Kinobedeutung von Ian Flemings Figur und ließ 2008 in Ein Quantum Trost erkennen, dass abgekupferte Inszenierung, realistischerer Stil und jahrzehntelange Bond-Konventionen zusammen nicht der richtige Weg ist. Nicht der eigene. Also wieder vier Jahre Pause.

Skyfall. Am Boden. Umgeben von Krisen, Sozialabbau, Werteverlusten. Aber auch mit beiden Beinen auf der Erde. Der Blick gen Horizont. Wo? Wohin? Der Figur James Bond und damit den Verfilmungen eine Standort- und Identitätsbestimmung verschaffen. Woher? Eine klassische Actionszene eröffnet den 23. offiziellen Film, wilde Stunts und Verfolgungsjagden, aber im Gegensatz zum hektischen Ein Quantum Trost lässt sich das Geschehen auch erkennen (und leider ebenso die Stuntdoubles). Ein fehlgeleiteter Schuss aus den eigenen Reihen, ein Himmelssturz von einer Brücke und Bond erholt sich auf einer Tropeninsel, im Geheimen. Männer wie er steigen jedoch nicht aus und trinken den ganzen Tag kaltes Bier. Erst recht nicht, wenn statt eines Schurkenunterschlupfes am Filmende das Hauptquartier seines Arbeitgebers MI6 zu Beginn explodiert - nicht Skyfalls einziger motivischer Tapetenwechsel. Nicht in Topform, aber mit weiterhin neidisch machender Statur und Kondition, nimmt 007 die Arbeit auf und versucht wiederum klassisch, die graue Eminenz hinter dem Anschlag zu enttarnen. Exotische und recht wirr verbundene Plätze rund um den Globus stehen auf dem Plan, die James Bond über all seine Inkarnationen hinweg schon langsam alle kennen dürfte. Klassisch. Und modern inszeniert, doch nicht mit wildem Kameragehampel, sondern betörenden Bildern voller strahlend farbigem Licht und Kontrasten aus Hell und Dunkel, untermalt von gelungener Musik.

Dann das Zusammentreffen mit dem Schurken - James Bond geht gewohnt bewusst in die Falle -, der in einer Ruine haust und wortwörtlich aus dem Hintergrund hervortritt. Ex-Agent Silva (Javier Bardem) möchte nicht die Welt beherrschen, untergegangene Reiche zu neuer Größe führen oder Erdöl klauen. Er will Rache - an Bonds Vorgesetzter M (Judie Dench), von der er sich verraten fühlt. Diese emotionale Motivation zieht ein quasifamiliäres Dreieck zwischen den genannten Figuren auf und auch die MI6-Seite kämpft nicht selbstlos für die Queen: Beide, Bond und M, wollen beweisen, dass sie es noch drauf haben. Silva mag der Gegenspieler mit dem persönlichsten Antrieb der Bond-Ära sein, sicherlich einer der wunderlichsten: Redegewandt, Singsangstimme, jedoch etwas zu manieriert mit homosexuellen Anwandlungen. Insgesamt fast unfreiwillig komisch (deutsche Synchronisation?), zu berechnend-brav. Ein brillanter Hacker, doch solche - wieder einmal übertrieben mächtig bis unlogisch dargestellten - Fähigkeiten bleiben wenig greifbar, zumal er sich nicht dem Cyberterrorismus verschreibt und spätestens in Handgreiflichkeiten fern eines Laptops kaum Bedrohungspotential aufbaut.

Skyfall ruht also auf einem emotionalen Beziehungsgeflecht, zumal der Film in der zweiten Filmhälfte geradezu asketisch wird. Hilfreiches Agentenwerkzeug hatte der analoge Held, wie Tobberich ihn oben nannte, schon im Vorgänger kaum noch zur Hand, nun nicht einmal mehr ein Smartphone, sondern tatsächlich bloß die berühmt-langweilige Pistole Walther PPK samt billiger Leuchtdioden und einen sperrigen Peilsender, der wahrscheinlich nicht digital arbeitet. Überhaupt bleiben die Errungenschaften moderner Technik blass, dienen vor allem Silva oder bedürfen stets der Hilfe Bonds: Der neue Q (Ben Wishaw), ein eher nerviger Hipster-Nerd, fragt trotz Vollüberwachung stets, wo Bond genau was mache und gibt auch sonst keine glückliche Figur ab. Auf all diese Unterstützung verzichtet Bond, wenn er in plötzlich trister Umgebung den Feind zu sich kommen lässt, um diesen mithilfe der eigenen Vergangenheit zu schlagen. Der berühmte Aston Martin dient als wehrhaftes Gefährt, das in einer vergessenen Garage wie ausgemustert abgestellt war und gelegentlich wohl von Sean Connery poliert wurde.

Und wenn zum Schluss der emotionale Kreis sich schließt, wird erkennbar, dass eine James-Bond-Verfilmung zwar ohne überlebensgroße Standardzutaten funktionieren kann, aber so kein übermäßig spektakulärer Film herausspringt. Und die zum Ausgleich gedachte Zuschauerbindung zu den Charakteren bleibt zu zart, als dass Skyfall auf der Gefühlsebene glänzen könnte, denn trotz aller Vermenschlichung von Bond oder M bleiben diese immer noch Archetypen mit dem Gewicht eines halben Jahrhunderts auf ihren Schultern. Anfangs ein guter, teils neu geeichter Bond-Film mit leisen Reminiszenzen, schließlich ein nüchternes Actiondrama, welches dabei ohne 007 und Co. wohl besser funktioniert hätte, immer gekonnt inszeniert. Nun ist alles Fett weggeschnitten und gleichzeitig vieles wie zu Beginn der Saga. Auch oder gerade in heutigen Zeiten, in denen das Individuum in der allgegenwärtigen Vernetzung aufgeht, ist Bond von Bedeutung, ein Zeitloser gegen unklare Feinden in den Schatten.

James Bond wird einmal mit dem ehemals stolzen Segelschiff verglichen, das in einem Gemälde von einem Dampfer abgeschleppt wird. Doch mit geradezu archaischen Mitteln überlebt er - das vermeintlich alte Eisen - auch diese Mission und so pflügt in einem anderen Wandbild während der Einsatznachbesprechung folgerichtig eine Armada von Großseglern unter vollem Wind durchs Meer. Der Weg scheint frei, das Ziel sehen wir noch nicht.

SKYFALL, JAMES BOND 007 von Sam Mendes (R), Neal Purvis (B), Robert Wade (B) und John Logan (B), UK/USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Sony Pictures

Freitag, 2. November 2012

Die Wand (No Brick in the Wall)


Das Unbekannte treibt uns um, sei es aus Angst, sei es aus Neugier. Unbekannt, gar unerklärlich ist die nicht sichtbare Barriere, welche über Nacht eine Frau (Martina Gedeck) in einem abgeschiedenen Alpental eingesperrt hat. Über diese Wand kann sie wenig herausfinden, aber dass sie der einzige Mensch innerhalb der völlig undurchdringlichen Mauern zu sein scheint, ist bald nicht mehr zu leugnen. Sie lässt ab von der Erkundung der Grenzen ihres Gefängnisses, gibt sich der Ungewissheit hin - aus den Augen, aus dem Sinn - und flieht vor ihren Gedanken in harte körperliche Arbeit. Doch auf Dauer können ihre wenigen Tiergefährten und das mühselige Tagewerk sie nicht von ihrem Inneren ablenken...

Ihre Gedanken vernimmt der Zuschauer früh, denn die Verfilmung von Marlen Haushofers gleichnamigem und mir unbekanntem Roman fußt auf ausführlichen Schilderungen und Monologen der Frau als zurückblickende Tagebuchschreiberin. Sie muss schreiben, denn sie könnte zwar reden, aber keiner hört sie. Leider ist das Voice-over stets präsent, beschreibt zu Beginn häufig und überflüssig das aktuell gezeigte Geschehen und entfernt sich langsam von den Bildern, bis diese teils als bloße Illustrationen des Erzählten wirken und der eigentliche Filmton gar verstummt.

Das Gesagte - meines Wissens direkt aus dem Buch übernommen - ist dabei von formaler Schlichtheit als auch inhaltlicher Wirkmächtigkeit. Die Frau nähert sich in der Abgeschiedenheit ihrem Seelenleben und dem des Menschen an sich in beinahe naturphilosophischer Meditation (manch ausgeprochene Erkenntnisse geraten zu gewollt und kitschig, andere überaus anregend). Martina Gedeck mit nuanciertem Spiel intoniert ihren Text stets gefasst, aber das Zerbrechen schimmert durch.

Doch den emotionalen Schock, den Zusammenbruch erleidet sie nie offen - Die Wand verweigert sich der audiovisuellen Gefühlsdarstellung in einer Extremsituation, dreht im Zweifel noch den Ton ab. Stumme Schreie, denn die Frau wird von niemandem vernommen. Trotzdem irritiert diese zumindest oberflächliche Selbstbeherrschung der einzigen Protagonistin, zumal sie als Großstädterin unglaubwürdig wenig Probleme hat, sich auf das einsame Landleben von der Hand in den Mund einzustellen.

Angesichts ihrer Herkunft könnte man eingangs auch einen stärkeren Forscherdrang bezüglich der Wand annehmen, selbst wenn keine fortwährenden Fluchtversuche erwartet werden. Ist die frühzeitige Akzeptanz ihrer Gefangenschaft Zeichen der Resignation oder braucht sie diese Kraft, um zu überleben? Und ist ihr Leben wirklich eines oder nur eine reine Existenz (vor der sie sich fürchtet, wie sie einmal bei der Betrachtung von Mensch und Tier ausführt)?

Die Wand entfaltet mit Martina Gedeck vor dem faszinierenden bis bedrückenden Bergpanorama eine nicht zu leugnende Sogwirkung und scheitert doch als Film, als "motion picture". Keinesfalls sind die Bewegtbilder unwichtig, aber wirken durch die Lein-Wand oft abgeschottet vom Mittelpunkt des Films, der allgegenwärtigen Erzählerin. Dass das Geschehen dramaturgisch eher gemächlich und wenig überraschend gerät, hilft nicht, falls man zum bäuerlichen Dasein der Frau keine besondere Bindung aufbauen kann oder aus formalen Gründen auf Distanz gehalten wird. Beeindruckend ist Die Wand jedoch stets.

DIE WAND von Julian Roman Pölsler (R, B), Deutschland/Österreich 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © StudioCanal

Freitag, 19. Oktober 2012

Moonrise Kingdom (Inselkoller)


Der zwölfjährige Sam (Jared Gilman) türmt 1965 aus einem winzigen Pfadfinderlager eines kleinen Eilands und bald verschwindet auch die ortsansässige Anwaltstochter Suzy (Kara Hayward). Während langsam ein Sturm aufzieht, suchen die Inselbewohner nach den Kindern...

Die erste und bisher einzige Begegnung mit Regisseur Wes Anderson trug sich vor einigen Jahren zu: Im Kreis der Familie ward das Fernsehgerät eingeschaltet und Die Royal Tenenbaums erglomm auf der Mattscheibe. Ob des merkwürdigen Humors immer leicht neben der Spur rissen alsbald Faszination und Irritation mich hin und her. Moonrise Kingdom ist seitdem Andersons vierter Langfilm und wirkt nicht mehr ganz so absonderlich: Die farbenfrohen 60er Jahre, eine oft wie ausgestorben wirkende Insel und die spleenigen Figuren sorgen von vornherein für eine irreale Atmosphäre. Bekannte Darstellergrößen spielen mit, aber der Fokus liegt auf den Kindern, deren sonderbare Verhaltensweisen - oft die von Erwachsenen - man leichter akzeptiert als bei spinnerten Erwachsenen. Komplettiert wird dieser artifizielle Mikrokosmos durch eine starre Kamera, die sich nur auf geraden Bahnen oder in 90°-Schwenks bewegt und so die Erschaffung des Filmraums und die Orientierung darin regelmäßig durchkreuzt.

Die eher simple Geschichte verläuft geradlinig, trotzdem schiebt sich ein allwissender Erzähler als realer, aber kaum eingebundener Charakter gelegentlich in Bild. Es klingen gewichtige Themen wie Familie, Liebe und Zugehörigkeit an, aber Unbeschwertheit und skurriler Humor überwiegen klar. Das Mädchen Suzy liest gerne phantastische Geschichten mit einer weiblichen Heldin und so eine bekommt der Zuschauer durchaus zu sehen, eine Sammlung an visuellen und narrativen Miniaturen. Ernsthaft dramatische Wendungen sind bald nicht mehr zu erwarten, weswegen Moonrise Kingdom zum stürmischen Finale hin auch etwas an Fahrt verliert.

Dies ändert nichts an dem warmen Wohlfühlklima des herrlich abgedrehten Films mit klarer, vielleicht etwas überstrapazierter inszenatorischer Linie und angefüllt von feinsinnigem, abstrusen als auch plakativem Witz. Schlicht schön.

MOONRISE KINGDOM von Wes Anderson (R, B) und Roman Coppola (B), USA 2012, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Tobis/Focus Features

Freitag, 5. Oktober 2012

Die drei Musketiere (Paul für alle, alle für Milla)

Milla morgens am Frühstückstisch: "Paul, ich möchte auch mal schicke Klamotten im Film tragen."
Paul schmiert sich ein Marmeladentoast: "Hä, also ich finde dich in meinen Resident Evils absolut heiß!"
Milla blickt ihn über die Kaffeetasse an: "Du Charmeur. Das ist mir aber auf Dauer etwas zu viel Fetisch, das ganze Lack und Leder und so..."
Paul beißt jetzt eher lustlos ins Brot: "Willst du Sackleinen tragen oder wie?"
Milla gießt sich Kaffe nach: "Hör doch mal zu, ich sagte 'schicke Klamotten'! Edle Gewänder, wallende Kleider, so etwas."
Paul pellt nun sein Ei: "Also möchtest du eine süße Prinzessin sein?"
Milla schaut zwischen Müsli und Obst hin und her: "Du bist echt ein Morgenmuffel. Aber höfische Mode würde mir in der Tat gefallen... Der Sonnenkönig!"
Paul sucht das Salz: "Ist das eine Sagengestalt? Hm, Resident Evil goes Fantasy..."
Milla schält eine Banane: "Blödsinn! Kennst du wenigstens Die drei Musketiere?"
Paul schaut etwas anzüglich, wie Milla die Banane isst: "Die Serie mit David Hasselhoff?"
Milla wirft ihm die Bananenschale ins Gesicht: "Sicher nicht! Der Historienroman von Alexandre Dumas, mit wackeren Recken und schönen Frauen und bösen Kirchenmännern und vielen Degenkämpfen. Also das 17. Jahrhundert in Frankreich!"
Paul wischt sich sein Gesicht: "Aha. Und wer ist dieser Lichtkaiser?"
Milla verdreht die Augen: "Sonnenkönig! Ludwig XIV., der herrschte jedoch erst später. Aber ein Film mit so einem Hintergrund, das würde mir gefallen."
Paul gibt nach: "Okay, von mir aus. Ich habe aber keine Lust, mit da noch viel auszudenken. Können wir die Serie nicht neu verfilmen?"
Milla betrachtet das durchs Fenster fallende Morgenlicht: "Das Buch! Ja, das würde gehen. Fände ich zwar einfallslos, aber man sicher kann ein paar Dinge verändern."
Paul versucht zu erkennen, was Milla im Fenster sieht: "Wohl keine Mutanten, nehme ich an. Vielleicht Luftschiffe... Na ja, ich werde da Schreiber suchen."
Milla ist hocherfreut: "Sehr schön, danke, Paul! Ich will auch mal eine etwas ambivalentere Rolle spielen. Zu Hofe geht's ja auch oft um Intrigen."
Paul hält Ausschau nach einem Fremdwörterbuch: "Also eine attraktive Frau in tollen Kleidern, nicht unbedingt die strahlende Heldin. Aber wir machen dich trotzdem zu 'ner Arschtreterin, ja?"
Milla verzieht ihr Gesicht: "Benutz nicht solche Worte, unsere Tochter könnte die aufschnappen. Aber ich bin einverstanden. Die Protagonisten im Buch sind ja eh die Musketiere und ein dazustoßender Jüngling."
Paul macht sich bereits Notizen: "So? Da könnten wir versuchen, irgend einen Mädchenschwarm aufzubauen. Und für die anderen Rollen frage ich einfach mal angesagte Europäer, zum Beispiel Tarantinos Obernazi oder diesen Dänen aus James Bond."
Milla nickt zustimmend: "Gute Idee, Christoph Waltz und Mads Mikkelsen sind fantastische Schauspieler!"
Paul steht auf: "Alles klar, ich muss dann jetzt ein paar Anrufe tätigen und so."
Milla stöhnt, als sie bemerkt, dass sie wieder einmal alleine die Küche aufräumen muss.
Der fertige Film, schlicht Die drei Musketiere, adaptiert die Grundmerkmale der von mir ungelesenen Buchvorlage - also königstreue Recken versus Kardinalsverschwörung -, was dahingehend schade ist, da eine eigenständige Geschichte in einer möglicherweise alternativen Vergangenheit mit klarem Bekenntnis zu Steampunk weit interessanter gewesen wäre. Regisseur Paul W. S. Anderson liefert natürlich trotzdem keine werkgetreue Literaturverfilmung, sondern fügt seine übertriebene Resident Evil-Action, die Ikonisierung von Milla Jovovich sowie den lockeren Humor der Pirates of the Carribean-Reihe hinzu, unübersehbar durch die Teilnahme von Orlando Bloom (dessen Part als Herzog von Buckingham kleiner ist als das Kinoplakat nahelegt).

Das Ergebnis funktioniert erstaunlich gut, weil die ausladenden Kulissen und farbenfrohen Kostüme des 17. Jahrhunderts derart aufwändig nicht alltäglich zu sehen und alle Schauspieler mit Spaß und Schalk im Nacken bei der Sache sind. Im Gegensatz zu den bereits erwähnten Resident Evil-Filmen nimmt sich Die drei Musketiere nicht allzu ernst, was angesichts des abgehobenen Geschehens sehr angenehm ist - wodurch das leichtfertige Niedermachen unzähliger Feinde durch die Helden aber einen dezenten Beigeschmack erhält. Wesentlich schwerwiegender ist die Besetzung von D'Artagnan, denn Logan Lerman als aalglatt-uninteressanter Jungspund nervt schon bald und man wünscht sich einen stärkeren Fokus auf seine gestandenen und teils zu kurz kommenden Kollegen anstelle seines Gebalzes mit dem Dekolleté einer königlichen Hofdame (Gabriella Wilde).

Nichtsdestotrotz vermögen Lerman zusammen mit ein paar schwachen Charakteren und Witzen den Unterhaltungswert des Films nur in Maßen zu schmälern, zumal erst gegen Ende Logiklöcher sich nachteilig auftun. Die drei Musketiere ist nicht fundamental anders als die Zombiewerke des Regisseurs, aber wird vom leichtfüßigen Tonfall emporgetragen in qualitative Sphären, die alte Luftschiffe so erreichen können.

DIE DREI MUSKETIERE bzw. THE THREE MUSKETEERS von Paul W. S. Anderson (R), Alex Litvak (B) und Andrew Davies (B), Deutschland/Frankreich/UK/USA 2011, IMDb, RT, FZ. Bildrechte: © Constantin Film/Summit